China

Kunsteis half bei Bau der Verbotenen Stadt

Chinesische Arbeiter schafften vor 600 Jahren Gesteinskolosse auf riesigen Schlitten nach Peking

Peking. Unter den chinesischen Kaisern gehörte Yongle (1360 bis 1424) zu den mächtigsten. Er gründete Peking als Hauptstadt des Reiches, unternahm viele Feldzüge gegen die Mongolen, ließ eine mächtige Flotte bauen. Am präsentesten ist der dritte Kaiser der Ming-Dynastie aber zweifellos durch den prachtvollsten Gebäudekomplex Pekings: die Verbotene Stadt, die seit 1987 zum Weltkulturerbe der Unesco zählt. Die Gebäude gelten als Meisterwerk der chinesischen Architektur. Sie boten einst der kaiserlichen Familie Schutz. Chinesische und US-amerikanische Forscher präsentieren nun neue Erkenntnisse, wie das tonnenschwere Material vor 600 Jahren zu der riesigen Baustelle transportiert worden waren.

Die Baumeister ließen demnach riesige Steine per Schlitten auf künstlichen Eisbahnen herantransportieren. Das Verblüffende: Als die Verbotene Stadt errichtet wurde, waren in China Gefährte mit Speichenrädern schon seit 3000 Jahren bekannt. Dennoch setzten die Baumeister auf die Schlitten, die nur von Ende Dezember bis Ende Januar zum Einsatz kamen.

Der Schlittentransport im Winter brachte Vorteile, schreiben die Ingenieure um Jiang Li im US-Fachmagazin „PNAS“. Bücher berichten über den Transport eines mehr als 300 Tonnen schweren, reichlich verzierten Schmucksteins, der im tiefsten Winter mit Schlitten auf einer künstlichen Eisbahn transportiert wurde. In einem Dokument aus der Bauphase fanden die Forscher nun einen Bericht, der die besondere Technik näher beschreibt. Mit ihrer Hilfe bewegten die Arbeiter einen 123 Tonnen schweren Felsbrocken innerhalb von 28 Tagen vom Steinbruch ins 70 Kilometer entfernte Peking. Sie schütteten Wasser auf den vereisten Untergrund, ließen es gefrieren und den Schlitten darübergleiten. Dabei diente weiteres Wasser als Schmiermittel. Um überall entlang der Strecke ausreichend Wasser zu haben, wurden alle 500 Meter Brunnen gegraben.

Der Schlitten war damals ein probates Mittel, um Schwerlasten zu bewegen. Doch wie lässt er sich optimal gestalten? Die Wissenschaftler verglichen verschiedene altertümliche Methoden, um einen 123 Tonnen schweren Stein zu transportieren. Dann ermittelten sie anhand des jeweiligen Reibungskoeffizienten den geschätzten Bedarf an Männern, die die Last zogen: Für einen Schlitten auf trockenem Untergrund wäre die utopische Zahl von 1537 Männern nötig gewesen. 358 Menschen hätten ausgereicht, um einen Schlitten auf einem Wasserfilm und einem Holzuntergrund zu bewegen. In einer ähnlichen Größenordnung liegt der Transport auf hartem Eis ohne zusätzliche Wasserzufuhr. Erst das ständige Bewässern des Eises führt zu einem Gleitfilm, der den Arbeitskräftebedarf auf 46 Männer sinken ließ.

Eine große Rolle bei der Entscheidung für diese Transportmethode spielte den Experten zufolge die Witterung: Anders als im alten Ägypten, wo die Steine für Tempel und Pyramiden auf einem bewässerten, hölzernen Untergrund bewegt werden mussten, lag in Peking die Durchschnittstemperatur im Januar bei etwa minus 3,7 Grad Celsius, sodass das Kunsteis nicht sofort wieder schmolz.

Gleichzeitig war der Frost mild genug, dass das Wasser innerhalb von zwei Minuten nicht vollständig gefrieren konnte. Diese Zeitspanne reichte aus, um den Schlitten über die gerade bewässerte Stelle zu ziehen und auf dem Wasserfilm oberhalb der Eisschicht gleiten zu lassen.

Mindestens ebenso naheliegend schien der Transport auf Fahrzeugen mit Rädern, die es im China des beginnenden 15. Jahrhunderts ja längst gab. Jiang Li und seine Kollegen haben auch dazu Quellen gefunden: Eine Schrift besagt, dass die Obergrenze für einen Wagentransport damals bei etwa 95 Tonnen lag. Der knapp 30 Prozent schwerere, in der Verbotenen Stadt verbaute Gesteinsblock hätte einen Radtransporter vermutlich also zerstört. Die Eisfläche sei zudem viel glatter als der holprige Transport auf einem Wagen, bei dem der Stein hätte beschädigt werden können. Und im Vergleich zum Transport auf untergelegten rollenden Holzstämmen – auch eine historisch belegte Variante – lasse sich der Schlitten auf Eis leichter lenken.

Der wassergeschmierte Schlittentransport auf Eis ist so effektiv, dass er selbst im heutigen Nordchina gelegentlich noch in der Gegenwart angewendet wird. So wurde vom 14. Januar bis 4. Februar 2013 in der Provinz Heilongjiang ein 1200 Tonnen schweres Gebäude einer Eisenbahnstation auf einer künstlichen Eisbahn transportiert.