Sächsische Kräuterfrau

Forscherin Amalie Dietrich unter Verdacht

Sie hatte keine Ausbildung, aber große Überzeugungskraft. Vor 150 Jahren schickte der Hamburger Reeder Caesar Godeffroy die sächsische Kräuterfrau Amalie Dietrich nach Australien. Heute gilt sie als eine der größten Naturforscherinnen des 19. Jahrhunderts.

Als der Hamburger Klipper „La Rochelle“ nach 119-tägiger Seereise am 7. August 1863 endlich Brisbane im Nordosten Australiens erreicht hat, verlassen 444 deutsche Auswanderer das Segelschiff. Vier Menschen haben die Überfahrt nicht überlebt, für den Kapitän ist das eine gute Bilanz. Der ungewöhnlichste Passagier ist die 42 Jahre alte Amalie Dietrich. Sie ist nicht die Gattin eines im damaligen Neu-Holland tätigen deutschen Geschäftsmanns, keine Lady auf Reisen, sondern eine resolute Frau mit wichtigem Auftrag, die ganz genau weiß, was sie will.

Gerade mal ein Jahr ist es her, dass sie mit der Eisenbahn von Sachsen nach Hamburg gefahren ist, wo sie den steinreichen Hamburger Reeder Johann Caesar VI Godeffroy kennenlernt. Godeffroy schickt seine mit europäischen Waren und vor allem mit Auswanderern beladenen Segelschiffe nach Australien und in die Südsee und betreibt einen äußerst profitablen Handel mit tropischen Erzeugnissen und Kolonialwaren. Aber der Hanseat ist auch wissenschaftlich interessiert, lässt Forscher auf den Schiffen mitfahren, die in seinem Auftrag Pflanzen sammeln, exotische Tiere fangen und präparieren und auch ethnologische Artefakte erwerben. In Hamburg gelangen diese Objekten in Godeffroys Privatmuseum am Alten Wandrahm, das europaweit geschätzt wird. Dieses Museum gibt ein eigenes wissenschaftliches Journal heraus, gehört zu den Hamburger Sehenswürdigkeiten und ist für auswärtige Biologen, Ethnologen und Anthropologen auch deshalb höchst attraktiv, weil Godeffroy Dubletten aus seiner Sammlung verkauft. Auf diese Weise gelangen Naturalien und Ethnographica in zahlreiche deutsche und europäische Wissenschaftssammlungen und Museen.

Amalie Dietrich nimmt Schießunterricht und wird eine akzeptable Schützin

Amalie Dietrich ist keine Akademikerin, in ihrer sächsischen Geburtsstadt Siebenlehn hat sie nur vier Jahre die Schule besucht. Trotzdem besitzt sie Anfang der 1860er-Jahre einen vorzüglichen Ruf als Pflanzensammlerin und autodidaktische Naturforscherin. Vieles hat sie von ihrem geschiedenen Mann, dem Apotheker und Naturforscher Wilhelm August Salomo Dietrich, gelernt, das meiste dürfte sie sich aber selbst angeeignet haben. Die 1848 geborene Tochter Charitas muss meistens bei fremden Menschen bleiben, wenn die Mutter mal wieder für Monate mit dem von einem Hund gezogenen Wagen zum Sammeln durch Wälder und Gebirge zieht.

Und nun soll es der große Wurf werden, nicht mehr Sachsen oder Norddeutschland, keine Sammelreise durch die österreichischen Alpen oder nach Schlesien, sondern in die unbekannte und gefährliche Welt des Südpazifiks. Godeffroy schüttelt den Kopf, als er Amalie Dietrich in seinem Kontor am Alten Wandrahm empfängt. Eine Frau per Schiff ans andere Ende der Welt zu schicken, damit sie für ihn sammelt und forscht? Das geht gar nicht, außerdem hat sie ja noch nicht einmal eine Universität besucht. Trotzdem beeindruckt die Sächsin den vornehmen Hamburger. Mit der Ablehnung ihres Anliegens findet sie sich nicht ab, sie sammelt Empfehlungsschreiben von bekannten Gelehrten, die ihre Arbeit schätzen. Und bei einer weiteren Begegnung mit Godeffroy kann sie den Reeder tatsächlich umstimmen. Als einzige Frau wird er sie in den Kreis seiner Forschungsreisenden aufnehmen und für mehrere Jahre nach Australien schicken.

Als sie die Zusage hat, lernt sie eifrig Englisch, liest alles, was sie in Hamburger Bibliotheken über Leben und Natur in Australien finden kann, und nimmt außerdem Schießunterricht. Bald ist sie mit Gewehr und Pistole eine akzeptable Schützin. Im Museum Godeffroy wird sie außerdem in Präparationstechniken unterwiesen. Sie lernt, wie man Tiere abhäutet und ausstopft und wie man mit Skeletten umgeht, damit sie beim Schiffsversand keinen Schaden nehmen. Kurz bevor sie am 15. Mai 1863 im Hamburger Hafen an Bord der „La Rochelle“ geht, lässt sie sich noch in einem Atelier fotografieren. Auf dem Porträt lächelt sie nicht, mit streng gescheitelter Frisur, geschlossenen Lippen und ernstem Blick schaut eine willensstarke und sehr entschlossene Frau in die Kamera.

Auf der langen Seereise vertieft sich Amalie Dietrich in ihre Pflanzenlexika, schlägt immer wieder in einem Englisch-Wörterbuch nach und geht die schier endlose Liste ihres Gepäcks durch. 25 Glasretorten, 1 Mikroskop, 6 Insektenkästen, 4 Kisten für lebendige Schlangen und Eidechsen, 10 Pfund Schießpulver und 100 Gläser mit großen Stöpseln sind da zum Beispiel aufgeführt. Kein Zweifel, diese Frau hat viel vor, auch wenn sie noch nicht weiß, dass sie zehn Jahre in Australien leben und forschen wird.

Kurz nach ihrer Ankunft auf dem Fünften Kontinent schreibt sie: „Mit einem wahrhaft feierlichen Gefühl rüste ich mich für meine erste Sammeltour im neuen Erdteil.“ Amalie Dietrichs Australien-Aufenthalt wird zu einer Erfolgsstory. Godeffroy ist begeistert, lobt sie in Briefen und bedankt sich für ihre Warensendungen, die nun mit schöner Regelmäßigkeit in Hamburg eintreffen. Er gibt auch Anweisungen, erteilt mitunter recht detaillierte Aufträge.

Und damit beginnt eine zweite Geschichte, die bis heute einen Schatten auf den Namen der großen deutschen Naturforscherin wirft. Am 20. Januar 1865 erhält sie einen Brief aus Hamburg, in dem es heißt: „Wir freuen uns, dass Sie nördlicher gehen wollen, und möchten Sie nochmals bitten, nicht nur Skelette von dort vorkommenden Säugetieren, sondern auch möglichst Skelette und Schädel von den Eingeborenen sowie deren Waffen und Geräte zu senden. Diese Sachen sind sehr wichtig für die Völkerkunde.“

Und Amalie Dietrich liefert auch das. Insgesamt 13 Skelette und zahlreiche Schädel übergibt sie den Kapitänen der godeffroyschen Flotte, die diese menschlichen Überreste nach Hamburg transportieren und im Museum am Alten Wandrahm abliefern. Aber wie hat die deutsche Forscherin die Skelette und Schädel bekommen? Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es das Gerücht, sie habe Aborigines erschießen lassen, um an deren Knochen zu gelangen. Auch jüngere Publikationen australischer Autoren behaupten, dass es sich bei der Sammlerin in Hamburger Auftrag um eine Mörderin gehandelt habe, um einen Todesengel der Aborigines (angel of black death). Die Mordthese stützt sich vor allem auf eine australische Publikation von 1908, in der von einer namentlich nicht genannten deutschen Forscherin die Rede ist, die in der Region um Mackay Siedler mehrfach ergebnislos zu überreden versucht habe, Aborigines zu ermorden. Als das Buch erschien, waren allerdings Jahrzehnte vergangen, denn die Forscherin hatte Australien schon 1873 wieder verlassen. Außerdem stammten die von ihr nach Hamburg geschickten Skelette nicht aus der Gegend um Mackay, sondern aus der Nähe von Bowen im Norden. Auch eine erst vor zwei Jahrzehnten veröffentlichte Quelle, nach der sie angeblich einen Siedler für einen gezielten Mord gewonnen habe, liefert keinerlei nachprüfbare Fakten, und so liegt der Verdacht nahe, dass wir es hier nicht zuletzt mit der Folge eines lange verdrängten Kapitels der australischen Geschichte zu tun haben. Denn im späten 19. Jahrhundert galten Aborigines den weißen Siedlern nicht als vollwertige Menschen. Die Hemmschwelle, sie zu töten, war daher denkbar gering.

Bei den Aborigines gab es unterschiedliche Bestattungsriten

Nach Einschätzung der Ethnologin Antje Kelm, die früher die Südsee-Abteilung des Hamburger Völkerkundemuseums geleitet hat, bestand für Amalie Dietrich auch gar keine Notwendigkeit, Morde in Auftrag zu geben, um an Skelette zu gelangen. „Je nach Region gab es bei den Aborigines verschiedene Bestattungsriten: entweder Erdbestattung, Feuerbestattung oder das Aussetzen von Leichnamen auf Bäumen in Astgabeln. Dort ließ man sie verwesen, und nachdem die Sonne die Knochen gebleicht und auch die Ameisen das ihre getan hatten, wurden sie eingesammelt und sekundär bestattet. Zuvor hatte Amalie Dietrich gewiss ausreichend Gelegenheit, die Knochen dort einzusammeln“, sagte sie dem Abendblatt. Von dieser Methode berichtet die Forscherin auch 1869 in einem Brief aus Bowen, in dem sie sogar ein schlechtes Gewissen angesichts dieser Grabräuberei erkennen lässt: „Es hilft nichts, Godeffroys wollen es für die Sammlung haben, da darf ich mein Gefühl nicht fragen.“

Mit diesem respektlosen Umgang steht Amalie Dietrich jedoch keineswegs allein, Gräber „im Dienste der Wissenschaft“ auszurauben war damals gängige Praxis. Im Journal des Museums Godeffroy wurden die aus Bouwen nach Hamburg gelangten Schädel später abgebildet und beschrieben.

Dietrich arbeitet als Kuratorin im Botanischen Museum Hamburg

Am 4. März 1875 trifft Amalie Dietrich an Bord des Schiffs „Susanne Godeffroy“ endlich wieder in Hamburg ein. In zehnjähriger Arbeit hat sie die größte zoologische, botanische und ethnologische Sammlung aufgebaut, die jemals von einer Einzelperson im Rahmen von Feldforschungen gesammelt wurde. Nun ist sie berühmt, wird zur anerkannten Gesprächspartnerin bedeutender Wissenschaftler, wird sogar selbst Mitglied wissenschaftlicher Gesellschaften und arbeitet als Kuratorin erst im Museum Godeffroy und ab 1885 im Botanischen Museum der Stadt Hamburg. 1891 stirbt sie an einer Lungenentzündung während eines Besuchs bei ihrer Tochter Charitas Bischoff in Rendsburg, die dort mit einem Pfarrer verheiratet ist. Auf der Grundlage der Briefe ihrer Mutter verfasst Bischoff 1909 das Buch „Amalie Dietrich. Ein Leben“, ein Bestseller, der bis heute nachgedruckt wird. Allerdings geht Bischoff sehr frei mit den Quellen um und vernichtet anschließend alle Originaldokumente.

„Amalie Dietrich nachzusagen, dass sie, um ihren wissenschaftlichen Ehrgeiz zu befriedigen, Morde in Auftrag gab, ist eher eine jener Legenden, die sich um Personen ranken, die ein Leben führen, das von den gerade herrschenden gesellschaftlichen Normen abweicht“, meint Südsee-Expertin Antje Kelm, und fügt hinzu: „Als selbstbewusste Frau, die einer Arbeit nachging, die den allgemeinen Vorstellungen von Frauentätigkeiten im 19. Jahrhundert zutiefst widersprach, hat man sie im puritanischen gesellschaftlichen Umfeld der frühen Siedler zu einer Figur gemacht, der sich alle möglichen Untaten unterstellen lassen.“ Und das wirkt sogar bis heute nach.