Die Ur-Biene war eine Europäerin

Durch Untersuchungen von fossilen Funden konnte ein Hamburger Forscher zeigen, dass die Westliche Honigbiene nicht aus Asien eingewandert ist

Hamburg. Die feine Flügeladerung, in ihrer filigranen Form erhalten geblieben über Millionen von Jahren, brachte sie auf die Spur: Der Hamburger Geologe und Paläontologe Ulrich Kotthoff hat gemeinsam mit Kollegen der Universität Bonn und der University of Kansas (USA) fossile Funde von Honigbienen untersucht. Die Forscher vermaßen und verglichen dabei die Längen der Adern und ihr spezifisches Muster. Bei der Analyse von mehr als 100 Proben fanden sie heraus, dass die Honigbienen bereits vor etwa 20 Millionen Jahren in Europa eine große Formenvielfalt aufwiesen. Und wahrscheinlich von hier aus vor circa 19Millionen Jahren Asien besiedelten – und nicht umgekehrt, wie viele Wissenschaftler bisher angenommen hatten.

„Unsere heimische Blütenbestäuberin, die Westliche Honigbiene, lebt heute mit nur einer Art – Apis mellifera – in Europa und Afrika. Von der Östlichen Honigbiene hingegen, die in Asien beheimatet ist, gibt es zwischen drei und acht Arten, da streiten sich die Quellen“, sagt Ulrich Kotthoff. Aufgrund dieses zahlenmäßigen Übergewichts hatte man bisher geglaubt, dass unsere Art ursprünglich aus Asien kommt.

Kotthoff beschäftigte sich bereits in seiner Diplomarbeit in Tübingen mit fossilen Honigbienen; seit 2008 arbeitet der 37-Jährige am Institut für Geologie am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg. Hier hat er Zugang zur großen geologischen Sammlung des Hauses, die auch etliche in Bernstein eingeschlossene Ur-Bienen enthält. „Diese sind etwa 50 Millionen Jahre alt und die Vorläufer der späteren Honigbienen, die seit etwa 30Millionen Jahren nachgewiesen sind. Als Kontrollgruppe waren die Bernsteinfunde für uns dennoch relevant“, sagt Ulrich Kotthoff.

Entscheidend waren für ihn und seine Kollegen Torsten Wappler und Michael S. Engel allerdings andere Funde, nämlich Fossilien aus Seeablagerungen aus dem Randecker Maar. Dieser ehemalige Vulkanschlot am Trauf der Schwäbischen Alb erwies sich für die Geologen als ein echter Glücksfall: „Es sind allein 150 Honigbienen aus dem Randecker Maar erhalten geblieben – wahrscheinlich ist hier einmal ein ganzer Schwarm in den See gefallen“, sagt Ulrich Kotthoff. Das war vor etwa 18Millionen Jahren.

Von der Existenz der Honigbienen in Europa zeugen auch andere Fossilienfunde aus Westdeutschland und Frankreich, die mehr als 25 Millionen Jahre alt sind. Kotthoff und seine Kollegen verglichen diese mit heute lebenden Honigbienen und weiteren heutigen Bienenarten, etwa Hummeln. So konnten sie die Entwicklung verschiedener Bienenarten rekonstruieren.

Ihre Ergebnisse setzten sie mit erdgeschichtlichen Daten in Beziehung. Dabei stellte sich auch heraus, dass einige Honigbienenformen aus Europa der Westlichen Honigbiene bereits sehr ähnlich waren und sich vermutlich schon vor rund acht Millionen Jahren nach Afrika ausbreiten konnten. „Unsere Studie stützt die These, dass aus Europa stammende Bienen-Arten während der Eiszeiten Afrika wiederholt als Refugium nutzten, um sich dann in wärmeren Phasen wieder in Europa anzusiedeln. Im Rahmen diese wiederholten Wanderungen entwickelte sich die heutige Art Apis mellifera“, sagt Kotthoff.

Nach der Veröffentlichung der Ergebnisse im „Journal of Biogeography“ überlegt der Wissenschaftler jetzt, inwieweit die Ergebnisse weiteren Untersuchungen dienen könnten: „Sie können Anknüpfungspunkte bieten, etwa zu der Frage, warum bestimmte Honigbienenarten Höhlenbewohner geworden sind, während andere offene Waben bevorzugen, und warum Apis mellifera gegen Schädigung durch die Milbengattung Varroa viel empfindlicher ist als die östlichen Bienenarten.“

Varroamilben, die Viren in die Honigbienenvölker tragen und damit bis heute zu großen Verlusten führen, waren 1977 nach Europa gelangt – durch befallene asiatische Honigbienen, die von Wissenschaftlern zu Forschungszwecken eingeführt worden waren.