Wissenschaft

Allergien und Unverträglichkeiten unterm Tannenbaum

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Jörg Zittlau

Haselnüsse, Zimt und Duftkerzen: Die Weihnachtszeit ist voller Stoffe, auf die Betroffene mit teils heftigen Beschwerden reagieren.

Hamburg. Etwa jeder dritte Bundesbürger leidet unter einer Allergie. Meistens handelt es sich dabei um Heuschnupfen, weswegen sich die Betroffenen im Winter relativ sicher fühlen, denn dann sind die Gräser gemäht und die Blüten schon lange vertrocknet. Doch der Schein trügt: Gerade die Weihnachtszeit mit ihren speziellen Düften und Speisen ist für viele Allergiker ein großes Problem.

So hat sich auf Weihnachtsmärkten in den letzten Jahren die Champignonpfanne zum Umsatzrenner gemausert. Ernährungsmedizinisch gibt es da eigentlich keine Einwände, liefern die Pilze bei hohem Mineraliengehalt nur wenige Kalorien: Unter den vielen Hochenergielieferanten des Weihnachtsmarktes besitzen sie mit weniger als 50 Kilokalorien auf 100 Gramm einen echten Ausnahmestatus.

Doch in der medizinischen Literatur werden auch Allergien auf Zuchtchampignons beschrieben; die Symptome reichen bis zum anaphylaktischen Schock. Glücklicherweise kommt das nur sehr selten vor, verdauungsgesunde Menschen bleiben in der Regel davon verschont. Laut einer neuseeländischen Studie entwickeln sich Pilzunverträglichkeiten vor allem bei Morbus-Crohn-Patienten, weil deren Darmwände durchlässiger sind für Ergothionin, einem typischen Inhaltsstoff der Pilze.

Eher flächendeckend treten dagegen Nussallergien auf. Ein bis zwei Prozent der Bundesbürger reagieren allergisch auf Erd- und Haselnüsse, und von denen reagiert ungefähr noch jeder Dritte allergisch auf die weihnachtstypische Walnuss. Heimtückischer sind jedoch jene Wintersüßwaren, denen man nicht gleich ansieht, dass sie mit Nüssen zubereitet wurden - wie etwa Lebkuchen, Nougat und Marzipan. Allergiker kommen in der Regel nicht umhin, diese Nahrungsmittel zu meiden.

Wenn jedoch schwangere, aber allergiefreie Frauen dies tun, um dadurch ihrem Nachwuchs eine Intoleranz zu ersparen, tun sie genau das Falsche. Sie sollten vielmehr, so das Resümee einer aktuellen dänisch-amerikanischen Studie, bewusst Nüsse in ihren Speiseplan einbauen.

Das Forscherteam unter Ekaterina Maslova von der Harvard School of Public Health in Boston analysierte die Ernährungsgewohnheiten von knapp 62.000 dänischen Müttern und die Gesundheitsakten ihrer Kinder. Es zeigte sich, dass Kinder von Frauen, die während der Schwangerschaft mindestens eine Portion Erdnüsse pro Woche gegessen hatten, im Alter von sieben Jahren eine um 34 Prozent geringere Asthma-Quote aufwiesen als jene Altersgenossen, deren Mutter auf Erdnüsse verzichtet hatte. Wal- und Haselnüsse schützten ebenfalls vor allergischen Atemwegserkrankungen. "Wir vermuten, dass die hohen Vitamin-E-Werte sowie die sekundären Pflanzeninhaltsstoffe und mehrfach ungesättigten Fette der Nüsse einen stabilisierenden Einfluss auf das Immunsystem des Kindes haben", so Studienleiterin Maslova.

Englische Wissenschaftler zeigten schon vor einigen Jahren, dass man zum Schutz vor Nussallergien besser auf Soja als auf Nüsse verzichten sollte. Die Allergie auf ein bestimmtes Nahrungsmittel kann eben auch durch ein anderes Nahrungsmittel mit ähnlicher Eiweißstruktur initiiert werden. Nicht umsonst treten in der "Soja-Hochburg" USA relativ häufig Erdnussallergien auf, während in Ländern mit hohem Erdnusskonsum, wie etwa in Indien, Indonesien und Israel, kaum jemand damit Probleme hat.

Dafür leidet man hierzulande öfter unter Gewürzintoleranzen als in asiatischen Ländern, in denen es kulinarisch deutlich pikanter zugeht. Der amerikanische Immunologe Sami Bahna berichtete auf der diesjährigen International Food Allergy Conference in Kalifornien, dass Gewürze in westlichen Ländern mindestens zwei Prozent aller Nahrungsmittelintoleranzen stellen. Vermutlich sei die Quote noch viel höher, so der Mediziner, "doch oft werden die Allergien gar nicht erkannt, weil die entsprechenden Hauttests fehlen".

Zu den besonders häufigen Allergenen gehört neben Knoblauch und Vanille der Zimt, dessen Aroma oft schon allein ausreicht, um Weihnachtsgefühle auszulösen. Man denke nur an Christstollen, Lebkuchen und Glühwein. Generell aber gilt: Das Risiko einer Allergie wächst mit dem Schärfegrad eines Gewürzes. "Denn die Scharfstoffe können die Barrierefunktionen der Schleimhäute schwächen", warnt Sami Bahna.

Einige Gewürze verlören zwar beim Erhitzen an allergenem Potenzial, doch in einigen Fällen könne es dadurch sogar zunehmen. "Allergologen gehen daher meistens auf Nummer sicher und empfehlen, ein als Allergen erkanntes Gewürz einfach nur zu meiden", so Bahna. Was freilich bei den industriellen, oft "undercover" gewürzten Lebensmitteln nicht einfach ist. Am besten: Man bereitet sein Weihnachtsgebäck in Eigenregie zu, um dann eventuell problematische Gewürze durch andere zu ersetzen. Als Zimtersatz etwa käme der Kardamom infrage, und Vanilleschoten kann man durch Tonkabohnen austauschen, die sogar deutlich preiswerter sind.

Ein weiteres Problem des weihnachtlichen Speiseplans besteht darin, dass er oft aus geräucherten und länger gelagerten Speisen besteht, wie etwa Räucherlachs, Käse, Kassler, Bockwurst und Sauerkraut. Sie enthalten besonders viel Histamin, das aus dem Zerfall von Aminosäuren entsteht - und genau der Stoff ist, der im menschlichen Körper allergische Symptome in Gang setzt. An vielen deutschen Kliniken behandelt man mittlerweile Urtikaria- und Dermatitispatienten mit einer histaminreduzierten Diät, in der die Frische der Lebensmittel im Vordergrund steht.

Neben dem Speiseplan bergen schließlich auch die typischen Gerüche der Weihnachtszeit ein hohes Allergierisiko. So bestehen die üblichen Duftkerzen teilweise zu 90 Prozent aus potenziell allergenen Stoffen. Besonders problematisch sind die paraffinhaltigen Varianten, bei denen große Mengen atemwegsreizender Stoffe freigesetzt werden.

Laut Harald Morr von der Deutschen Lungenstiftung seien hier vor allem Menschen gefährdet, die bereits eine Kontaktallergie besitzen. "Bei ihnen können die beim Abbrennen freigesetzten Stoffe allergische Erscheinungen auf der Haut oder in den Atemwegen verstärken", warnt der Pneumologe. Im schlimmsten Falle kann dies zu Asthmaanfällen führen. Das Risiko sinkt, wenn man ausgiebig lüftet. Am besten sei es allerdings, so Morr, wenn man Kerzen aus Bienen- oder Sojawachs anstelle von Paraffinprodukten verwendet.