Erschöpfungs-Syndrom

Die lange Geschichte vom Burn-out

Das Phänomen gibt es schon seit Jahrhunderten - es hatte nur andere Namen. Der heutige Begriff ging aus einem Roman hervor.

Hamburg. Leer, ausgebrannt, mit den Kräften am Ende - das sind die klassischen Symptome eines Burn-out-Syndroms, das immer mehr Menschen betrifft. Manche sprechen deswegen von einer Modediagnose, andere nennen Burn-out bereits eine Volkskrankheit. Doch woher stammt eigentlich der Begriff?

Das erste Mal tauchte der Ausdruck 1960 in dem Roman "A Burnt-Out Case" des britischen Schriftstellers Graham Greene auf. Darin ging es um einen Architekten, der in seinem Beruf eine gewisse Sinnentleerung spürt, dann seinen Job erschöpft aufgibt und auswandert. 1974 stellte dann der amerikanische Psychologe Herbert Freudenberger bei sich selbst ein "Burn-out" fest. "Das war der Beginn der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen. Sozialpsychologen versuchten, den Begriff über Fragenkataloge zu erfassen und in den 1980er-Jahren wurde dann immer mehr zum Burn-out geforscht", berichtet Prof. Heinz-Peter Schmiedebach, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Eppendorf.

Im Abendblatt wurde über das Burn-out zum ersten Mal im Jahre 1986 berichtet. Unter dem Titel "Leiden Sie vielleicht auch an Burn-out?" wurde dieses Phänomen den USA zugeordnet und über die Ergebnisse einer großen Studie berichtet. Danach stellten Wissenschaftler bei 45 Prozent von 9000 befragten Arbeitern und Angestellten eine "totale, stressbedingte psychische und physische Erschöpfung" fest.

In den Jahren darauf wurde, noch vereinzelt, aber immer einmal wieder im Abendblatt über Burn-out geschrieben. In den Artikeln ging es häufig um Berufsgruppen, die besonders von dem Erschöpfungssyndrom betroffen sind. Dazu zählen zum Beispiel nicht nur Menschen, die in helfenden und pädagogischen Berufen arbeiteten, wie Ärzte, Altenpfleger und Lehrer, sondern auch Sekretärinnen und Studenten. Experten kamen zu dem Schluss, dass Burn-out in allen Berufszweigen möglich ist. Und auch im Leistungssport gewann das Phänomen in den letzten zehn Jahren an Bedeutung.

Mit den zunehmenden Erkenntnissen stieg auch die Berichterstattung über das Burn-out im Abendblatt deutlich an. Waren es anfangs nur einige Artikel pro Jahr, in denen der Begriff vorkam, wurde die Zahl 2004 erstmals zweistellig und erreichte 2011 mit 106 Artikeln ihren bisherigen Höhepunkt. Ein Grund dafür war unter anderem auch, dass Prominente wie etwa der Koch Tim Mälzer öffentlich über ihr Burn-out sprachen. Im Leistungssport wuchs besonders nach dem Tod des Torwarts Robert Enke die Sensibilität für das Thema Burn-out. Enke hatte sich im November 2009 wegen Depressionen das Leben genommen. Seitdem wird mehr auf Anzeichen geachtet; so nehmen Sportler häufiger aufgrund eines Erschöpfungszustandes eine Auszeit. Berühmte Beispiele sind der ehemalige Schalke04-Trainer Ralf Rangnick und der Torwart von Hannover 96, Markus Miller.

Burn-out war plötzlich in aller Munde, nicht nur in den Medien. Menschen sprachen offen über ihre Erfahrungen damit. "Man könnte sagen, dass das Burn-out in den vergangenen fünf Jahren gesellschaftsfähig geworden ist", sagt Schmiedebach.

Um ein solches Phänomen im Bewusstsein einer Gesellschaft zu verankern, müssten mehrere Voraussetzungen erfüllt sein, sagt der Medizinhistoriker. Da wäre zum einen die wissenschaftliche Untersuchung des Phänomens. Dann das Gefühl in der Gesellschaft dafür, dass sich etwas verändert, das gravierende Bedeutung hat. Und die Übernahme des Phänomens in die Medizin, womit es dann in Form von Krankschreibungen auch einen messbaren Effekt in der Gesellschaft hinterlässt. Der nächste Schritt sei die Suche nach dem richtigen Umgang damit, zum Beispiel nach Behandlungsmethoden. Oder die Debatte der Frage, ob es in die internationale Klassifikation der Krankheiten aufgenommen wird.

Als Diagnose in diesem Katalog einen Platz zu finden, hat das Burn-out bis heute nicht geschafft. Aber es gibt dort seit 2004 die Diagnose "Erschöpfungsdepression". Beides ist nicht weit voneinander entfernt. "Der Begriff Burn-out ist sehr diffus. Dahinter können sich unterschiedliche psychische Probleme verbergen, aber oft handelt es sich eben doch um eine Depression, die sich aus diesem Erschöpfungszustand entwickelt", sagt Schmiedebach.

Dass es Betroffenen leichter fällt, von einem Burn-out zu sprechen als von einer Depression, wundert Schmiedebach nicht: "Die Depression gilt als psychische Erkrankung, bei der genetische Anteile und eine gewisse Anfälligkeit eine Rolle spielen. Das Burn-out hingegen wird als ein von außen kommendes, mit Veränderungen im Berufsleben und mit erhöhten Anforderungen einhergehendes Phänomen betrachtet. Der Unterschied liegt darin, dass jemand nicht aufgrund einer vermeintlich schwachen Konstitution anfällig ist, sondern auf eine Verdichtung im Beruf reagiert. Und wenn es vielen ähnlich geht, ist das eine normale Reaktion auf eine Höchstbelastung, die nichts mit der Verfassung des Einzelnen zu tun hat."

Besonders betroffen sind laut Schmiedebach immer noch, wie bereits zu Anfang dieser Welle, die Berufe, die mit sehr großen Anstrengungen und Anforderungen verbunden sind - aber dafür ein eher geringes Ansehen erfahren. Vor allem sind das die pflegerischen und pädagogischen Berufe. "Hinzu kommen neue Anforderungen. Wenn jemand zum Beispiel heute statt einer Stunde drei Stunden für die Dokumentation seiner Tätigkeit braucht und dafür weniger Zeit für Patienten hat, wird das oft als sinnentleert empfunden und es macht unzufrieden. Außerdem gibt es in den pflegerischen Berufen leicht fassbare Verdichtungs- und Beschleunigungsphänomene, weil sich die Liegezeit in den Krankenhäusern deutlich reduziert hat. Das bedeutet bei immer weniger Personal viel mehr Arbeit, weil auch mehr Aufnahme- und Entlassungsvorgänge in gleicher Zeit durchgeführt werden müssen."

Auch wenn der Begriff Burn-out im medizinischen Bereich noch keine 40 Jahre genutzt wird, so ist doch das dahinter stehende Phänomen nicht neu. In den vergangenen Jahrhunderten gab es immer wieder Beschwerdebilder, die als Reaktionen auf gravierende Veränderungen im Alltag zu verstehen sind, sagt Schmiedebach: "Alle 150 Jahre gab es ähnliche Phänomene. Das begann im 17. Jahrhundert insbesondere in England und Frankreich mit der Hypochondrie und der Melancholie. So beschreibt Molière 1673 in seinem Werk 'Der eingebildete Kranke' jemanden, der sich in einem Erschöpfungszustand krank fühlt, ohne dass eine körperliche Krankheit erkennbar ist. In England kam im 17. und 18. Jahrhundert die sogenannte Neurose auf, mit unspezifischen Symptomen wie Schlafstörungen, Leistungsabfall, Unzufriedenheit, Verdauungsstörungen bis hin zu kleinen Ticks, Aufgeregtheitszuständen und Gereiztheit."

In Amerika und Europa gab es dann im 19. Jahrhundert die Neurasthenie, die Nervenschwäche. "Aber im Unterschied zum Burn-out galt die Neurasthenie auch als Nervosität, als Verfeinerung und höhere Sensibilität im positiven Sinne. Das ging sogar soweit, dass zum Beispiel in der damaligen Wochenzeitschrift 'Simplizissimus' neben fünf Anzeigen für Medikamente gegen die Neurasthenie auch für eine Rasiercreme damit geworben wurde, dass sie besonders von 'nervösen Herren' benutzt wurde", erzählt Schmiedebach.

An Neurasthenie litten eben vor allem Mitglieder der gebildeten höheren Schichten, die sich mit Kultur beschäftigten. Besonders betroffen davon waren in Deutschland die Lehrer. Deswegen wurden für sie bestimmte Urlaubsregelungen und Sanatoriumsaufenthalte gefordert.

Die Neurasthenie sei ebenfalls als eine Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen zu begreifen, so Schmiedebach: "Im 19. und frühen 20. Jahrhundert begann mit der Telegrafie und dem Telefon eine schnelle Kommunikation, das Leben in den Städten verlor den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus und wurde durch den Lärm zu einer großen Belastung. So wurde damals als Präventionsmaßnahmen gegen die Neurasthenie gefordert, die Straßen zu teeren, weil die Kutschen und Leiterwagen, die über das Kopfsteinpflaster fuhren, viel lauter waren. In Berlin wurde verlangt, den Kutschern das Peitschenknallen zu verbieten, weil das alles unangenehme Geräusche waren, die zu diesen Erschöpfungszuständen beitrugen."

Der Begriff der Neurasthenie verschwand dann in den 20er- und 30er- Jahren des vergangenen Jahrhunderts langsam aus dem Sprachgebrauch. Schmiedebach: "In der Ideologie der Nationalsozialisten wurden aus den feingeistigen, nervösen Bildungsbürgern minderwertige Psychopathen. Die antibürgerliche Haltung der Nationalsozialisten hat sich auch an dem Punkt deutlich gemacht. Diese verfeinerten Menschen entsprachen überhaupt nicht ihrem Ideal." Dann folgten der Zweite Weltkrieg und der Wiederaufbau; Zeiten, in denen solche Phänomene meist in den Hintergrund treten.

Während des Wiederaufbaus und in den Jahrzehnten danach blickten die meisten Menschen optimistisch in die Zukunft. "Noch in den 70er-Jahren war der Blick der meisten Menschen im Vergleich zu heute ungleich positiver auf die Zukunft gerichtet. Wenn es genügend Perspektiven gibt, sind solche Phänomene weniger von Bedeutung", sagt Schmiedebach.

Wenn es aber in einer Gesellschaft zu Mehrarbeit und Überanstrengungen komme, wenn ein Missverhältnis zwischen Ressourcen und Möglichkeiten bestehe und die Zukunftsperspektive fehle, gehe der Blick des Einzelnen wieder mehr nach innen und auf das eigene Befinden - und habe dann auch Konsequenzen wie das Burn-out. "Es ist eben nicht als Diagnose zu verstehen, sondern als ein Sammelbegriff für Unwohlsein, Unzufriedenheit Perspektivlosigkeit und Sinnkrisen, die wiederum die Anfälligkeit bei Belastungen erhöhen."