Schleswig-Holstein

Maisanbau im Norden hat sich verdoppelt

Überall Mais: Wie Biogasproduktion und Nachfrage nach billiger Milch in Schleswig-Holstein die Land(wirt)schaft verändern.

Kiel. Von 90 000 Hektar im Jahr 2003 hat sich die Anbaufläche der Getreidepflanze in Schleswig-Holstein auf knapp 197 000 Hektar im Jahr 2011 mehr als verdoppelt. Fast 600 Biogasanlagen wollen in Deutschlands nördlichstem Bundesland gefüttert werden - ihr Appetit ist so groß, dass zusätzliche Maissilage aus Dänemark herangeschafft wird, weil die heimischen Erträge nicht reichen. Im Durchschnitt betrug der Anteil des Maisanbaus an der Ackerfläche 2010 rund 26 Prozent, ungleich verteilt auf die Landkreise. Ähnlich ist die Situation in Niedersachsen: Dort betrug der durchschnittliche Anteil 2010 fast 29 Prozent.

Das Bild von Schleswig-Holstein als Region, in der auf saftig grünen Wiesen Kühe grasen, sei allerdings schon vor dem Biogasboom überholt gewesen, sagt Prof. Friedhelm Taube von der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU). Denn unter dem Druck niedriger Milchpreise lassen viele Landwirte ihre Rindviecher nicht mehr aus den Ställen und geben ihnen statt Weidegras Maissilage zu fressen - das hebt die Milchleistung von 8000 Kilogramm pro Kuh und Jahr auf 10 000 Kilo. Auch der Griff der Verbraucher zu billiger Milch habe den Zuwachs an Maisäckern gefördert, sagt Taube. Der Agrarforscher leitet die Arbeitsgruppe Grünland und Futterbau/Ökologischer Landbau am Institut für Pflanzenbau und -züchtung der CAU. Allerdings ist in Schleswig-Holstein und Niedersachsen der Anteil an Energiemais größer als in anderen Bundesländern: Etwa die Hälfte der Ernte wird zu Biogas vergoren, im Bundesdurchschnitt ist es etwa ein Drittel.

Die Energie vom Acker ist Natur- und Landschaftsschützern ein Dorn im Auge. Die schleswig-holsteinischen Biogasanlagen seien "ökologisch katastrophal", wettert der Naturschutzbund (Nabu) in Neumünster. Die Anlagen gefährdeten durch den Maisanbau Boden, Grundwasser, Seen und Fließgewässer sowie die biologische Vielfalt, kritisieren die Naturschützer.

Taube kann sich prinzipiell mit Maisfeldern zur Energieproduktion anfreunden: "Wenn der Mais in einer ausgewogenen Fruchtfolge zum Beispiel mit Triticale (eine Kreuzung aus Weizen und Roggen) und Ackergras angebaut wird, ist dagegen ökologisch nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Mais ist produktiver als Raps oder Weizen, erzeugt auf gleicher Fläche also einen höheren Energieertrag." Werde nach ein paar Jahren Mais eine der beiden anderen Pflanzen zur Biogasproduktion angebaut, stellten sich keine negativen Folgen einer Monokultur ein, so Taube. Erst wenn mehr als zehn Jahre lang auf derselben Fläche nur Mais wachse, steige der Druck von Krankheiten und Unkräutern. Heute gebe es auf der Geest vielfach "extrem hohe Maisanteile in der Fruchtfolge von mehr als 70 Prozent", sagt Taube: "Das eigentliche Problem beim Mais sind die mangelnden gesetzlichen Vorgaben für eine gute landwirtschaftliche Praxis mit Fruchtfolgen, in denen höchstens zur Hälfte Mais angebaut wird."

Prinzipiell leistet der Anbau von pflanzlichen Energieträgern einen Beitrag zum Klimaschutz, weil bei deren Verbrennung in Automotoren, Heiz- und Kraftwerken nur so viel Kohlendioxid (CO2) frei wird, wie die Pflanze beim Heranwachsen der Atmosphäre entnommen hat. Ganz klimaneutral funktioniert jedoch auch die Bioenergie nicht, denn der Einsatz von Landmaschinen, Düngern und Pflanzenschutzmitteln verursacht CO2 und das klimaschädlichere Lachgas (N2O). Im Vergleich zu anderen Energieträgern bleibt die Klimabilanz bei guter Produktionstechnik immerhin deutlich positiv.

Wenn jedoch für den Maisanbau zuvor Grünland umgepflügt worden ist, werde "beim Abbau der organischen Bodensubstanz so viel vom Treibhausgas CO2 freigesetzt, dass dies von den Biogasanlagen selbst über Jahrzehnte nicht wettzumachen ist", argumentiert der Nabu. Dies bestätigt Taube. Allerdings gelte die Aussage nur, wenn mooriges Weideland zu Ackerflächen werde. Beim Umbruch von Grünland auf der Geest, wo sich die Biogasanlagen konzentrieren, sei der negative Klimaeffekt durch die veränderte Bodenbearbeitung eher gering, sagt der Agrarforscher, der Mitglied des wissenschaftliches Beirats für Agrarpolitik des Bundeslandwirtschaftsministeriums ist.

Schleswig-Holstein (inklusive Hamburg, wo nur ein Betrieb Maissilage für die Biogasproduktion anbaut) verlor in den Jahren 2003 bis 2008 28 000 Hektar Grünland, nur in Niedersachsen und Bayern waren in diesem Zeitraum die Verluste größer.

Taube wehrt sich gegen die Kritik, dass monotone Maiswüsten weder Insekten noch Vögeln oder anderen Wildtieren Lebensräumen bieten: "Die Aussage gilt für jede Intensivkultur, auch für intensiv genutztes Grünland, das viermal im Jahr geschnitten und mit 300 Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr gedüngt wird. Und für den Rapsanbau, der beim chemischen Pflanzenschutz wesentlich intensiver behandelt wird als der Mais. Dennoch spricht niemand von Rapswüsten."

Doch wo bleiben die Wiesenvögel, die in extensiv oder gar nicht genutztem Grünland nach Nahrung stochern und auf ihm brüten? Für sie bliebe nur noch Platz auf Naturschutzflächen und auf extensivem Weideland, etwa auf dem moorigen Grund der Eider-Treene-Niederung, sagt Taube. Auf dem Moorgrünland fühlten sich seltene Arten wie Rotschenkel, Großer Brachvogel, Uferschnepfe oder Bekassine wohl, aber auch Austernfischer und Kiebitze. Hier ist eine Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Naturschützern gefragt, wie sie das Michael-Otto-Institut des Nabu Schleswig-Holstein betreibt.

2011 nahm die Maisanbaufläche in Schleswig-Holstein weiter zu; im Sommer dieses Jahres dagegen habe sie um rund 14 000 Hektar auf nunmehr 183 000 Hektar abgenommen, sagt Taube. Damit wird der Anteil an der Ackerfläche nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamts mit etwa 27 Prozent zwar immer noch über dem Wert von 2010 liegen, möglicherweise habe der Maisanbau in Schleswig-Holstein aber nun seinen Höhepunkt überschritten, sagt Taube. "Die Attraktivität von Biogasanlagen hat mit den seit Januar geltenden neuen Förderbedingungen deutlich abgenommen. Gleichzeitig sind die Weltmarktpreise für die beiden Kennarten Weizen und Raps stark gestiegen, das setzt den Maisanbau unter Druck. Auch hat die feuchte Witterung im Spätsommer 2011 dazu geführt, dass manche Maiskulturen so starke Probleme mit Pilzbefall hatten, dass sie nicht geerntet wurden. Solche Ausfälle lassen die Bauern ebenfalls umdenken."

Für den Mais spreche jedoch, dass er züchterisch noch nicht ausgereizt sei - möglich seien jährliche Ertragszuwächse von zwei bis drei Prozent. Davon profitieren, unabhängig von den Entwicklungen im Biogasbereich, die unter Preisdruck stehenden Milchviehhalter. Taube: "Leider ist den Verbrauchern nicht klar, dass sie durch ihre Nachfrage über die Landnutzung entscheiden." Es gebe Alternativen: Eine große norddeutsche Molkerei habe ein Weidemilchprogramm aufgelegt, und auch Biomilchkühe grasten noch im Grünen. "Jeder Griff zur billigsten Milch fördert dagegen den Maisanbau."