"Nächtliches Wälzen"

Schlafstörungen erhöhen das Depressionsrisiko

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Christiane Löll

Sieben Millionen Europäer liegen ungewollt wach. Neue Studien beschäftigen sich mit den Ursachen und den Auswirkungen auf die Psyche.

Dublin. Menschen mit Depressionen fühlen sich oft morgens am schlechtesten und sehen keinen Sinn darin, aufzustehen. Zu der Niedergeschlagenheit gehören meist auch Schlafstörungen, die selbst nach einer erfolgreichen Therapie weiterbestehen können. In Europa sollen einer Studie aus 30 Ländern zufolge rund sieben Millionen Menschen jährlich an der Schwermut erkranken, und sieben Millionen leiden unter Schlafstörungen. Nun verdichten sich die Hinweise, dass Schlafstörungen nicht nur ein Symptom von Depressionen sein können. Vielmehr könnte das nächtliche Wälzen zu Depressionen führen - oder ihnen zumindest vorausgehen. Auf der Europäischen Wissenschaftskonferenz ESOF in Dublin diskutierten Forscher vergangene Woche die möglichen Folgen für Prävention und Therapie.

Der Niederländer Peter Meerlo zitierte zunächst eine Studie der Universität Freiburg. Die Wissenschaftler analysierten 21 Studien zu Schlaf und Depressionen zwischen 1980 und 2010 und kamen zu der Erkenntnis: Nicht depressive Menschen mit Schlafstörungen haben ein zweifach höheres Risiko für Depressionen im Vergleich zu Menschen ohne Schlafschwierigkeiten. Sie folgern, dass eine frühzeitige Behandlung dieser Probleme vorbeugend wirken könnte. "Nun würden wir diese Erkenntnis gerne überprüfen: Führen Schlafunterbrechungen wirklich zu Depressionen?", fragte Meerlo. Aber es sei wohl kaum möglich, gesunde Menschen in einer Studie den Schlaf zu rauben, wenn das Risiko bestehe, zu erkranken. Daher machen die Wissenschaftler um Meerlo von der Universität Groningen Versuche mit Nagetieren. "Auch wenn diese Ratten und Mäuse nachtaktiv sind, ähneln sie in ihrem Schlafmuster und -verhalten sehr dem Menschen."

Den Tieren wurde also der Schlaf beschnitten, und Meerlos Team maß Marker wie bestimmte Botenstoffe, die Körpertemperatur und untersuchte bestimmte Regionen im Gehirn. Ergebnis: Chronischer Schlafentzug veränderte die Ansprechbarkeit bestimmter Andockstellen für Botenstoffe im Gehirn. Zugleich wurden im sogenannten Hippocampus weniger Nervenzellen neu gebildet, und die Hirnregion nahm an Volumen ab. Der Hippocampus ist beispielsweise entscheidend für das Gedächtnis und die Gefühlswelt.

Auch nach sieben Tagen unbegrenzten Schlafes waren die Funktionen noch nicht "zurück auf normal". Ließe sich das auf Menschen übertragen, dann hieße das: "Wer unter der Woche kaum schläft, kann das am Wochenende nicht wirklich nachholen. Ich bin auch skeptisch, wenn Leute sagen, sie brauchen nur vier bis fünf Stunden Schlaf, um fit zu sein", sagt Meerlo. Mache man mit diesen Menschen Tests im Labor, beispielsweise zur Aufmerksamkeit, könne man sehen, dass dies nicht stimme. "Die Ergebnisse aus den Tierversuchen unterstreichen die These aus der Freiburger Studie", schloss Meerlo.

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Eine Möglichkeit, seinen Schlaf zu verbessern, nannte Johannes Beck von den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel: Bewegung. Was sich für viele banal anhören mag, untermauerten die Forscher mit Experimenten an jungen Männern, bei denen die Hirnströme während des Schlafes gemessen wurden. "In einer Gruppe mit Fußballspielern konnten wir zeigen: Sie schliefen schneller ein und hatten längere Tiefschlafphasen." Nun sei Fußballspielen nicht jedermanns Sache. Daher ließen die Psychiater 24 Männer im Alter von rund 19 Jahren drei Wochen lang jeden Morgen eine halbe Stunde joggen und verglichen ihren Schlaf mit einer "faulen" Kontrollgruppe. "In den ersten zwei Wochen gab es keinen Unterschied." Doch danach habe sich die Stimmung der jungen Jogger verbessert, sie fielen schneller in den Schlaf und lagen länger im Tiefschlaf.

Nun mag der ein oder andere wirklich schlechte Laune kriegen, wenn er als erstes morgens joggen soll. Laut Beck kommt es aber nicht darauf an, welche Bewegung man wann bevorzuge. "Wir denken, laufen am Morgen ist ein guter Start in den Tag. Aber es muss zu dem Menschen passen. Hauptsache, man bewegt sich." Auch Experimente mit Burn-out-Patienten zeigten, dass Bewegung den Schlaf verbessere. Die Wissenschaftler wollen nun auch eine Studie mit Patienten mit Depressionen und bipolaren Störungen beginnen.

Nicht nur Depressionen standen auf dem ESOF-Programm, sondern auch die Forschung zu psychiatrischen Erkrankungen allgemein. Immer wieder wurden die Zahlen aus der europäischen Studie von 2011 genannt. Demnach erkranken jedes Jahr mehr als 38 Prozent von 514 Millionen Europäern an einem psychischen Leiden. Angststörungen stehen dabei mit 14 Millionen Patienten an erster Stelle. Die psychischen Erkrankungen machen mit 26,6 Prozent den größten Anteil an der gesamten Krankheitslast aus, und nur etwa ein Drittel der Betroffenen erhält eine angemessene Behandlung.

Doch laut Experten wird die Forschung zu psychiatrischen Erkrankungen vergleichsweise stiefmütterlich behandelt. "Viele nehmen die Zahlen immer noch nicht ernst - viele Menschen sagen: 'Ach, der ist doch nur ein bisschen traurig, der muss doch nicht behandelt werden'", sagt Prof. Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Auch Entscheidungsträger in Sachen Forschungsförderung nähmen sich diesem Problem deutlich langsamer an als anderen Volkskrankheiten.

Ein Beispiel: Das Bundesforschungsministerium initiierte im Jahr 2011 "Deutsche Gesundheitszentren der Gesundheitsforschung", um Krankheiten wie Diabetes, Infektionen, Krebs, neurodegenerative Erkrankungen oder Herzkreislaufstörungen zu untersuchen. "Es gibt jedoch keines zu psychiatrischen Erkrankungen", sagt Meyer-Lindenberg. Er ist auch alarmiert, dass sich große Pharmafirmen aus der Entwicklung von neuen Medikamenten zur Behandlung psychiatrischer Leiden zurückgezogen haben.

Zwei Herausforderungen müssen sich Wissenschaftler dabei annehmen: Das Gehirn hat eine Schutzfunktion, die sogenannte Blut-Hirn-Schranke. Diese verhindert, dass schädliche Substanzen die empfindlichen Nervenzellen bei ihrer Arbeit stören oder sie gar zerstören. Einerseits ein Schutz für das wichtige Organ, ist diese Eigenschaft des Gehirns bei der Gabe von Medikamenten ein Hindernis. Denn werden Arzneien systemisch gegeben, als Tablette oder Infusion gelangen sie über das Blut nicht an den Ort des Geschehens.

Eine zweite Hürde ist laut Meyer-Lindenberg, dass bei psychiatrischen Krankheitensehr die Vorgänge im Gehirn sehr komplex sind. Die Forscher begännen gerade erst zu verstehen, welche Rolle Erbanlagen und Umwelteinflüsse auf die Entstehung hätten. Beispiel Schizophrenie: "Es gibt drei Genveränderungen, die sehr selten sind. Wenn Sie diese jedoch haben, dann ist das Risiko um 40 bis 60 Prozent höher, an Schizophrenie zu erkranken", sagt Meyer-Lindenberg. Die Veränderungen seien aber deutlich seltener als das Auftreten von Schizophrenie - dies wird mit etwa einem Prozent in der Normalbevölkerung angegeben. Und nicht jeder Träger dieser Gene wird krank - was löst dann die Schizophrenie aus?

"Wir wissen, dass beispielsweise sozialer Stress eine entscheidende Rolle spielen kann. Wir wollen herausfinden: Was ist anders im Gehirn von Menschen, die bestimmten Risiken ausgesetzt sind und jeweils krank werden oder gesund bleiben?", sagt Meyer-Lindenberg. Derzeit befasst sich sein Institut mit einer Studie über Leben in der Stadt und psychische Leiden: "Wenn Sie in einer Stadt geboren sind, dann ist das Schizophrenie-Risiko zwei- bis dreimal so groß als auf dem Land. Wenn Sie in einer Stadt leben, dann ist das Risiko für Depressionen und Angststörungen größer als auf dem Land." Wenn diese Zusammenhänge besser verstanden würden, gäbe es womöglich noch mehr Ansätze für die Behandlung oder Vorbeugung dieser Leiden.