Apfelbelag

Er wollte sein Obst doch nur waschen ...

Plötzlich war da dieser rätselhafte weiße Belag auf den Äpfeln: Was Lothar Neffe alles erlebte, als er wissen wollte, was das sein könnte.

Hamburg. Lothar Neffe, 76, isst für sein Leben gerne Äpfel - am liebsten die der Sorte Braeburn aus Neuseeland. Doch im Juni dieses Jahres verging ihm plötzlich der Appetit darauf. Verunsichert durch die EHEC-Epidemie hatte der Rentner aus Groß Flottbek sich angewöhnt, seine Äpfel vor dem Verzehr mit heißem Wasser aus dem Wasserkocher abzuspülen und anschließend abzutrocknen. "Einmal habe ich jedoch vergessen, sie zu polieren. Kurz darauf bildete sich ein komischer weißer Belag. Der sah aus wie Schimmel oder als hätte man den Apfel mit Mehl bestäubt", erinnert sich Neffe. Er hatte keine Ahnung, was das sein könnte, und war verunsichert: War der Belag gesundheitsschädlich? Kam er durch eine Behandlung des Apfels? Und womit dürfen die Früchte eigentlich behandelt werden?

+++ Orangen am besten im Keller lagern +++
+++ Warum reift nicht jedes Obst zu Hause nach? +++

Um diese Fragen zu klären, marschierte Lothar Neffe samt Apfel zum "Lebensmittelhändler seines Vertrauens" in Groß Flottbek. Doch damit sollte eine Odyssee für den Pensionär beginnen.

Im Laden hatte man solch einen weißlichen Belag auf Äpfeln noch nie gesehen - und er wurde an den Großhändler weiterverwiesen. Dieser antwortete einige Wochen später, "auf dringliche Nachfrage": Das Obst sei vollkommen in Ordnung. Was der weiße Belag sei, das wüssten sie nicht - und im Übrigen übergieße man Obst nicht mit heißem Wasser.

Das war definitiv keine Antwort, mit der Lothar Neffe sich zufriedengeben wollte - deswegen suchte er weiter nach einer Lösung.

Zunächst schrieb er eine E-Mail an die Ver-braucherzentrale Hamburg (VZHH). Die Antwort kam prompt drei Stunden später: Lebensmittelexperte Armin Valet schrieb, ihm falle "spontan ein, dass die Äpfel gewachst sein könnten". Das Wachs könnte sich bei diesen hohen Temperaturen zuerst verflüssigen und dann wieder fest werden. "Wissen tun wir das nicht." Die Erklärung leuchtete Lothar Neffe zwar ein - der Zusatz "wissen tun wir das nicht" veranlasste ihn jedoch, dem Geheimnis um den weißen Belag weiter nachzugehen.

Seine nächste Anlaufstation auf Empfehlung der VZHH: die Obstbauversuchsanstalt Jork der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Nach zwei Wochen erhielt er eine E-Mail vom Leiter der Abteilung Fruchtqualität und Obstlagerung, Dr. Dirk Köpcke. Dieser erklärte, dass "die Zellen inklusive der Eiweißmoleküle, Wachse etc. zerstört" würden, übergieße man sie mit heißem Wasser. "Möglicherweise" sei dies die Ursache für den weißen Belag. Der Apfel sei jedoch "trotzdem essbar", da meist Bienenwachs verwendet werde.

Sicherheitshalber vereinbarte Neffe einige Tage später einen Termin beim Bezirksamt Altona: "Dieser Schritt ist erforderlich, wenn man ein Lebensmittel beim Institut für Hygiene und Umwelt von einem Lebensmittelchemiker untersuchen lassen will." Im Gepäck hatte er insgesamt sechs Äpfel - zwei mit Heißwasser "behandelte" und vier ohne. "Die sollten das Phänomen mal selber erleben", so Neffe.

Doch die Untersuchungen schienen aufwendiger zu sein als gedacht: Denn auf eine Rückmeldung und ein Gutachten wartete Lothar Neffe vorerst vergeblich - also fragte er rund sechs Wochen nach Einlieferung der Äpfel noch einmal beim Bezirksamt Altona nach. Das Ergebnis lag jedoch noch immer nicht vor.

Dann, einige Tage später, der ersehnte Anruf: Lebensmittelchemiker Arne Mohring und seine Kollegen vom Institut für Hygiene und Umwelt hatten zwar herausgefunden, dass es sich bei dem weißlichen Belag "um eine Art Wachs" handelt. Was für eins, sei jedoch unklar. Heraus kam bei den Tests aber, dass die Art des verwendeten Wassers Einfluss darauf hat, wie stark der Wachsbelag auf dem Apfel sichtbar wird: Destilliertes Wasser erzeuge "keinerlei Flecken" und mit Leitungswasser aus Rothenburgsort sehe man "ein bisschen" weißen Belag, so Mohring. Gebe man etwas Salz zum Wasser, so würden deutlich mehr weiße Stellen sichtbar.

Nicht klar sei aber, ob es sich um ein aufgetragenes oder ein natürliches Wachs handele: "Es ist technisch möglich, beim industriellen Waschen der Äpfel anfallendes natürliches Apfelwachs zurückzugewinnen und wieder zum Wachsen der Früchte zu verwenden. Das macht eine Unterscheidung unmöglich", sagte Mohring auf Abendblatt-Anfrage. Bei einer solchen Menge an weißem Belag, wie sie sich auf den Äpfeln von Lothar Neffe gebildet hat, sei eine "nach der Ernte aufgebrachte Wachsschicht" jedoch wahrscheinlicher. Das Wachsen von Äpfeln wird durch die Zusatzstoff-Zulassungsverordnung geregelt (siehe Text unten) und wird als gesundheitlich unbedenklich eingestuft - es ist demnach also nicht gefährlich, wenn man die Wachsschicht mitisst.

Anfang Dezember hatte Lothar Neffe also seine Erklärung, nach der er so lange geforscht hat. Er weiß nun: Äpfel können auch selbst natürliche Wachsschichten bilden, und auch das künstlich aufgebrachte Wachs ist unbedenklich. Seine Äpfel wäscht er mittlerweile übrigens "nur noch mit warmem Wasser aus der Leitung" und trocknet sie danach ab - um dann wieder mit ruhigem Gewissen hineinzubeißen.