Mark Benecke

Der Sherlock Holmes der Wissenschaft

Lesedauer: 9 Minuten
Marc Hasse und Claudia Sewig

Tätern auf der Spur: Mark und Lydia Benecke, Kriminalbiologe und Psychologin, nähern sich Verbreche(r)n gemeinsam, aber unterschiedlich.

Hamburg. Über sein Aussehen, sagt Mark Benecke, habe sich noch keiner seiner Klienten beschwert. Nicht die im Knast, und schon gar nicht die Leichen. Es ist ein extremer Charakter, der Menschen polarisiert: schwarze Kutte, flächendeckende Tattoos, kölsches Mundwerk. Beruflich geht es dem Kriminalbiologen und seiner Frau Lydia, einer Psychologin, nicht um Äußerlichkeiten. Sie suchen Spuren - an Tatorten und in der Seele von Straftätern. Gerade ist ein Buch über ihre Arbeit und ihre Erkenntnisse erschienen. Das Abendblatt traf die beiden, auch vor dem Hintergrund der vielen offenen Fragen bei den sogenannten Nazi-Morden, in Hamburg zum Interview.

Hamburger Abendblatt: Herr Benecke, Ihr aktuelles Buch trägt den Untertitel "Neue Berichte vom bekanntesten Kriminalbiologen der Welt." An Selbstbewusstsein mangelt es Ihnen nicht ...

Mark Benecke: Das ist nicht von mir, das haben die Verlagsleute geschrieben.

Aber Sie haben sich offenbar nicht dagegen gewehrt.

Mark Benecke: Doch! Ich sagte, ich fände das absurd. Aber die meinten, der Untertitel sei eine richtige Aussage. Also habe ich es dabei belassen.

Sie müssen oft erklären, dass Sie kein Rechtsmediziner sind, sondern Kriminalbiologe. Wo ist der Unterschied?

Mark Benecke: Rechtsmediziner ergründen die Todesursache: Ist das Opfer erdrosselt oder vergiftet worden? Aus welcher Richtung hat der Baseballschläger den Kopf getroffen? Ich hingegen analysiere Spuren, die auf den Zeitpunkt der Tat und den Hergang hindeuten können: Wie haben sich Blutspuren von der Verletzung mit dem Baseballschläger verteilt? Was verraten Faserreste, Hautzellen, Sperma oder Urin, die am Tatort gefunden wurden? Ich untersuche auch Insekten auf Leichen zur Tatzeitbestimmung ...

... was Ihnen in Boulevardmedien den Titel "Herr der Maden" eingebracht hat ...

Mark Benecke: ... und mich nicht weiter stört. Dieser Aspekt scheint für einige Journalisten offenbar besonders interessant zu sein.

Viele Menschen dürften Ihre Untersuchungen eher eklig finden. Was fasziniert Sie daran?

Mark Benecke: Ich war schon immer der kauzige Junge, der mit seinem Chemiebaukasten herumwurschtelte. Ich kann auch kein Fußball spielen und finde schnelle Auto uncool - ich habe nicht einmal einen Führerschein. Interessen sind schwer zu erklären. Mir sind Menschen rätselhaft, deshalb gucke ich mir lieber Spuren an. Meiner Frau Lydia sind Spuren rätselhaft, deshalb guckt sie sich als Psychologin lieber Menschen an.

Wie kam es, dass Sie beide das Buch zusammen geschrieben haben?

Mark Benecke: Anlass war vor allem die Akte des Serientäters Luis Alfredo Garavito, der in Kolumbien 300 Jungen gefoltert und umgebracht hatte. Ich besuchte ihn mehrfach im Gefängnis, zuletzt 2004. Bei unseren Treffen vertauschte er immer die Kaffeetassen. Begründung: Sein Kaffee könnte vergiftet sein. Dass ich sterben würde, hätte ihn die Gefängnisverwaltung vergiften wollen, war ihm gleich. Garavito ist ein Psychopath, doch ich hatte mich - wie bei allen meinen Fällen - nur auf die Spuren konzentriert. Erst Lydia brachte mich dazu, die psychologische Seite zu sehen: Wie entstehen "Monster", wie Menschen wie Garavito von Boulevardmedien genannt werden? Lydia und ich haben dann etliche meiner Fälle nach seelischen Beschreibungen durchforstet.

Lydia Benecke: Es geht uns darum, Vorurteile zu widerlegen. Menschen sind nicht entweder gut oder böse. Es ist psychologisch unstrittig, dass man nicht böse geboren wird; es gibt Erklärungen, warum Menschen wie Garavito so erschreckend grausam, kaltblütig und verantwortungslos handeln.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Garavitos Kindheit von Gewalt geprägt war. Sein Vater schlug ihn. Mit zwölf schlug Garavito erstmals zurück. Er begann früh zu trinken. Wollen Sie seine Gräueltaten damit entschuldigen?

Lydia Benecke: Nein. Ich schreibe ganz klar, dass eine Erklärung, warum jemand eine Störung hat, keine Entschuldigung ist. Wer etwa antisozial ist und sich nicht beherrschen kann, darf deshalb noch lange nicht kriminell werden oder gar töten. Und es zeigt sich ja auch bei vielen Kriminellen: Wer andere manipuliert, seine Opfer versteckt oder Pläne ausheckt, wie er seine Taten verdecken kann, der hat offensichtlich eine Entscheidungs- und Willensfreiheit. Es gibt an Verbrechen nichts zu entschuldigen; es geht auch nicht darum, Mitleid zu wecken. Erklärungen können aber helfen, Therapiemethoden und Präventionsprogramme zu verbessern. Die Leute, die sagen, man sollte Schwerverbrecher einfach nur wegsperren und völlig isolieren, sind ignorant. Sie verstehen nicht, dass man selbst aus den grausamsten Fällen etwas lernen kann...

Mark Benecke: ... und das bedeutet übrigens auch, dass man bestimmten Tätern künftig schneller auf die Spur kommt. Garavitos Taten wären in Deutschland nicht möglich gewesen, weil die Ermittler hier viel bessere Kenntnisse darüber haben, wie man die Ähnlichkeiten von Taten zusammenführt. Die kolumbianischen Ermittler fanden bei vielen von Garavitos Opfern Schnitte am Halsknochen. Hätten sie diese Fälle in Beziehung zueinander gesetzt, hätten sie auch bei den Tatorten auf Ähnlichkeiten achten können. Garavito hatte etwa oft in Hotels an den Tatorten gewohnt. Das wäre bei einer Überprüfung der Hotels schnell aufgefallen.

Hierzulande sind bei den Ermittlungen zu den Morden an neun Imbissbetreibern und einer Polizistin auch keine Ähnlichkeiten entdeckt worden. Haben Sie sich auch mit diesem Fall beschäftigt?

Mark Benecke: Nein, nicht direkt. Ich wäre aber auch nicht auf die Idee gekommen, dass die Täter Rechtsradikale sein könnten. Eine der Schwierigkeiten bei dieser Mordserie war, dass es sich um sogenannte spurenarme Verbrechen handelte. Zwar gab es in den Imbissen etliche Spuren, etwa Hunderte von Fingerabdrücken und Fasern, doch diese stammten von sehr vielen Menschen. Selbst wenn darunter Fingerabdrücke der Täter waren, wäre es unwahrscheinlich gewesen, auf diese Spuren zu stoßen.

Lydia Benecke: Es gab keine nachvollziehbare Verbindung zwischen den Opfern und den Tätern; sie haben sich offenbar vorher nicht gekannt. Fremde Täter, die noch nie im Lebensumfeld der Opfer aufgetaucht sind, sind fast immer schwerer zu ermitteln.

Was lässt sich generell bei Kriminalermittlungen verbessern?

Mark Benecke: Alle Beteiligten sollten enger zusammenarbeiten. Der Erste sichert die Spuren, der Zweite wertet sie aus, der Dritte hat den richtigen Ermittlungsansatz - sie alle müssten miteinander reden und Kompetenzen teilen. Das ist eigentlich banal, funktioniert in der Praxis aber oft nicht.

Lydia Benecke: Auf allen Konferenzen, die wir besuchen, wird betont, wie wichtig Interdisziplinarität ist. Je mehr Polizisten, Psychologen, Rechtsmediziner und Chemiker voneinander wissen und lernen, desto besser.

Mark Benecke: Wichtig ist auch, dass man bei der Polizei wieder mehr Spezialisten ausbildet. Derzeit müssen Polizisten in vielen Bundesländern eine vielseitige Ausbildung absolvieren und quasi Superman sein: sozial kompetent, versiert im Umgang mit Spuren und vertraut mit Verkehrsrecht. Das macht keinen Sinn.

Apropos vielseitig: Sie arbeiten nicht nur als Kriminalbiologe, Ausbilder, Buchautor und Referent auf Kongressen, sondern treten auch schon mal im Sat.1-Frühstücksfernsehen auf, wo Sie etwa erklären, wie man mithilfe von Windeln als "Superabsorber" im Kaffeebecher verhindert, dass Kaffee verschüttet wird. Ist das nicht gaga?

Mark Benecke: Überhaupt nicht! Es ist so: Ich finde sehr viele Dinge spannend, die an und für sich nichts mit meinem eigentlichen Job zu tun haben. Aber die Auseinandersetzung damit, das Tüfteln, hilft mir, meine Birne frei zu bekommen. So bleibe ich offen und motiviert. Deshalb finde ich es auch Quatsch zu sagen: Ein seriöser Wissenschaftler setzt sich nicht ins Privatfernsehen. Mir geht es gut damit.

Stimmt es, dass Sie beide jeden Tag 16 Stunden arbeiten?

Mark Benecke: Könnte hinkommen.

Bleibt da noch Zeit für Hobbys?

Mark Benecke: Nein, aber das ist nicht schlimm, denn wir haben ja unsere Hobbys zum Beruf gemacht. Es wäre anstrengender, einen Acht-Stunden-Job zu machen, auf den wir keinen Bock haben. So schlafen wir zwar wenig, haben aber viel Spaß.

"Aus der Dunkelkammer des Bösen", Bastei Lübbe, Taschenbuch, 432 Seiten, 14,99 Euro

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