Alzheimer

Rostocker Forscher entdecken neuen Therapieansatz

Foto: picture alliance / dpa / picture alliance

 Foto: picture alliance / dpa / picture alliance

Forscher haben einen Mechanismus zur Reinigung des Gehirns entdeckt. Für weitere Studien werden noch Teilnehmer gesucht

Rostock. Die Alzheimer-Demenz zählt zu den am meisten gefürchteten Erkrankungen im Alter. Trotz intensiver Forschung hat die Medizin noch nicht herausgefunden, was zu den giftigen Eiweißablagerungen im Gehirn führt, die die Nervenzellen zerstören. Jetzt haben Rostocker Forscher einen Mechanismus entdeckt, der bei der Reinigung des Gehirns von Vorstufen dieser Ablagerungen eine wichtige Rolle spielt, und damit auch einen neuen Ansatz für Behandlungsmöglichkeiten der Krankheit gefunden. Die Ergebnisse ihrer Arbeit wurden gestern im Fachmagazin "The Journal of Clinical Investigation" veröffentlicht.

Eine zentrale Rolle bei dieser Forschung spielt die sogenannte Blut-Hirnschranke, die verhindert, dass Stoffe einfach zwischen dem Blut und dem Gehirn hin- und herfließen können. Substanzen können diese Barriere nur an bestimmten Durchtrittstellen passieren oder mithilfe von Transportmolekülen überwinden. "Diese Transporter funktionieren normalerweise ein Leben lang", erklärt Studienleiter Prof. Jens Pahnke von der Universität Rostock und dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen.

+++Vergiss mein Nicht+++

+++Hilfe bringt ein wenig Licht in dunkle Stunden+++

Um herauszufinden, ob es Transporter gibt, die giftige Vorstufen (Peptide) der Alzheimer-Ablagerungen aus dem Gehirn heraustransportieren und damit eine reinigende Funktion entfalten, haben Pahnke und seine Mitarbeiter Mäuse untersucht, die gentechnisch so verändert waren, dass sie bestimmte Transporter nicht besitzen. Nachdem sie alles analysiert hatten, stellte sich heraus, dass bei den Tieren, denen ein bestimmter Transporter (ABCC1) fehlt, zwölf- bis 14-mal mehr Alzheimer-Peptid im Gehirn zu finden ist als bei Mäusen, bei denen alle Transporter normal funktionieren.

Der Treibstoff für diese Transporter ist ATP, das in den Kraftwerken der Zellen, den Mitochondrien, produziert wird. "Aber diese werden mit dem Alter immer schwächer. Das heißt, es wird weniger ATP produziert, und somit steht auch weniger für die Funktion dieser Transporter zur Verfügung. Und das ist möglicherweise eine wichtige Verbindung zwischen dem Altern und der stetigen Zunahme der Alzheimer-Häufigkeit", sagt Pahnke. Hinzu kommt noch, dass mit dem Alter auch die Arteriosklerose zunimmt und damit die kleinen Blutgefäße im Gehirn nicht mehr so gut durchgängig sind. Das kann ebenfalls die Funktion der Transporter beeinträchtigen.

Zudem fanden die Rostocker Forscher eine Substanz, die diesen Transporter im Gehirn aktivieren kann. Dabei handelt es sich um Thiethylperazin, ein Medikament gegen Erbrechen, das in Deutschland nicht mehr auf dem Markt ist. Mit diesem Mittel ließ sich die Menge der Alzheimer-Eiweiße im Gehirn der Mäuse um 70 bis 75 Prozent reduzieren. "Das beweist, dass eine Aktivierung dieses Transporters dazu führt, dass man möglicherweise diese giftigen Peptide aus dem Gehirn herausschleusen kann", sagt Pahnke. Es gelte nun, dieses Medikament weiterzuentwickeln. Bis zu seinem Einsatz könnten aber noch fünf Jahre vergehen.

Als wichtigen Schritt bezeichnete Dr. Holger Jahn, Leiter der Gedächtnissprechstunde in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Eppendorf, die Forschungsergebnisse, "wenn dieser Transporter durch Medikamente zu aktivieren ist und die Mittel von den Patienten gut vertragen werden". Unklar sei noch, ob sich dieser Transporter auch beim Menschen so stark aktivieren lasse wie bei Mäusen. "Zudem kann bei Alzheimer-Patienten die Blut-Hirnschranke gestört sein, sodass giftige Alzheimer-Eiweiße aus dem Blut ins Gehirn gelangen. Da ist die Frage, ob diese Transporter dann noch eine Wirkung erzielen können", sagte Jahn.

Unterdessen hoffen die Rostocker Forscher, dass ihre Erkenntnisse helfen können, das Fortschreiten der Krankheit zu stoppen. "Unser Ziel ist, dass die Erkrankung so früh wie möglich erkannt wird, um dann eine weitere Verschlechterung zu verhindern. Um die Krankheit festzustellen, bräuchte man einen Test, der überprüft, wie gut die Transporter funktionieren. Wir sind jetzt dabei, einen solchen Alzheimer-Funktionstest zu entwickeln. Zurzeit ist die Frühdiagnostik der Alzheimer-Demenz noch eines der großen Probleme", sagt Pahnke.

Die Rostocker Wissenschaftler wollen jetzt in einer weiteren Studie untersuchen, welche Rolle andere Transporter für die Demenzerkrankungen spielen. Dafür werden als Studienteilnehmer noch Paare ab einem Alter von 60 Jahren gesucht, bei denen ein Partner an einer Demenz erkrankt ist. Interessenten melden sich bitte unter der Tel.-Nr. 0381/494-47 03.

Auch bei der Suche nach neuen Wirkstoffen gegen die Erkrankung sind die Rostocker Forscher aktiv. In einem Projekt untersuchen sie an Mäusen die Wirkung von Pflanzen, denen in der naturheilkundlichen Medizin nachgesagt wird, dass sie bei Alterserkrankungen helfen, auch bei Demenz. "Als Erstes haben wir das griechische (nicht das deutsche) Eisenkraut gefunden. Es bewirkte, dass in den Mäusen die geistige Leistungsfähigkeit verbessert und die Menge der Alzheimer-Peptide um 80 Prozent gesenkt wurde."

Auch die Uni Leipzig meldet einen Erfolg gegen Alzheimer. Forscher klärten auf, wie krankhafte Proteinablagerungen in den Hippocampus gelangen, der für Lernen und Gedächtnis zuständig ist. Durch die neuen Erkenntnisse könnte nach Meinung der Forscher der Krankheit mit Medikamenten vorgebeugt werden und eine Behandlung in einem sehr frühen Stadium möglich werden. Die Medikamente müssen noch in Studien getestet werden.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.