Planetarium Hamburg

Charles Darwin in der dritten Dimension

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Europas erste 3-D-Show im Hamburger Planetarium zeichnet die Forschungsreise nach, die zur revolutionären Evolutionstheorie führte.

Hamburg. "Die Reise der ,Beagle' war das wichtigste Ereignis meines Lebens. Sie sollte mein Schaffen bestimmen." So schwärmte Charles Darwin von seiner fünfjährigen Schiffsexpedition rund um Südamerika, die ihn unter anderem 1835 zu den Galapagos-Inseln führte. Aus seinen akribischen Naturbeobachtungen entwickelte er zwei Jahre nach Ende der Reise die damals revolutionäre Evolutionstheorie zur Entstehung der Arten.

Besucher des Planetariums Hamburg können die wohl wichtigste Entdeckung im Feld der Biologie jetzt dreidimensional nachvollziehen - in der Aufführung "Rätsel des Lebens", der ersten 3-D-Kuppel-Projektion in Europa, die heute Premiere feiert.

Einzig Darwin wird von einer lebenden Figur gespielt. Er bewegt sich, wie auch die Zuschauer, durch eine virtuelle Welt: Das Publikum taucht in die Tiefsee ab, wird durch einen kreisenden Fischschwarm schwindelig gedreht, fliegt mit Wildgänsen, schwebt so dicht um die "HMS Beagle" herum, dass die Zuschauer fast die Köpfe einziehen, als sie einem tiefhängenden Rettungsboot vermeintlich zu nahe kommen.

Um diese und viele weitere Effekte zeigen zu können, hat das Planetarium im Jahr 2009 zwei digitale Hochleistungsprojektoren angeschafft. Ein Jahr später folgte der "Rundumbildgenerator" namens "Digistar 4", ein Stapel von neun Computern, die die Daten der dreidimensionalen Welten für die Kuppelfläche in Echtzeit erzeugen oder, wie bei der Darwin-Show, entsprechende Filme abspielen.

Die Technik ähnelt dem 3-D-Kino, unterscheidet sich aber durch die 360 Grad umlaufende Projektionsfläche. Deshalb erhalten die Besucher nicht die bekannte Rot-Grün-Brille, sondern ein elektronisch gesteuertes Exemplar. Um den räumlichen Eindruck zu erzeugen, werden zwei Kameraansichten im raschen Wechsel (60-mal pro Sekunde) an die Planetariumskuppel projiziert. Die "aktiven 3-D-Brillen", die den Besuchern leihweise auf der Nase sitzen, enthalten Flüssigkristalle, die im selben Takt über ein Infrarotsignal mal durchsichtig, mal lichtundurchlässig geschaltet werden. Dadurch erhält jedes Auge das passende Kamerabild, es entsteht eine räumliche Wahrnehmung. Dabei sind die schnellen Wechsel nicht wahrnehmbar. Allerdings dunkelt die Brille die Bilder etwas ab - bei einigen Szenen, etwa dem Besuch eines Korallenriffs, lohnt es sich, die Brille kurz wegzuschieben und die (dann unscharfe) Farbvielfalt auf sich wirken zu lassen.

Das Riff stammt, wie die detailgenauen Nachbildungen der "Beagle" und Darwins Arbeitszimmers, aus der niederländischen Animationsschmiede Mirage 3D. "Wir haben mit zehn Animateuren drei Jahre an dem Film gearbeitet", erzählt Produzent Robin Sip. "Zwei Jahre brauchten wir für das Schiff. Von ihm hatten wir keine guten Vorlagen, konnten uns aber mit dem Schwesterschiff ,Känguru' behelfen."

Die virtuelle "Beagle" führt das Publikum zu den Galapagos-Inseln westlich von Ecuador. Deren Tierwelt hatte Darwins Zweifel an dem damals herrschenden Dogma verstärkt, nach dem die Welt von einem Schöpfer, von Gott, erschaffen worden sei. Weshalb gab es dann zum Beispiel eine flugunfähige Kormoranart?

Einheimische erzählten dem Forscher, dass die für Galapagos typischen Riesenschildkröten auf jeder Insel unterschiedlich geformte Panzer tragen. Die Bedeutung dieser Aussage wurde ihm erst in England klar - 1838 goss er seine Erkenntnisse in die These der natürlichen Selektion: Nicht die ordnende Hand eines großen Designers formte die Lebensgemeinschaft des blauen Planeten, sondern vielmehr die Umwelt, in der die Pflanzen und Tiere leben. Diejenigen, die an die Verhältnisse besser angepasst sind, überleben. Da sich die Verhältnisse kontinuierlich ändern, ist auch die Evolution ein Prozess, der niemals abgeschlossen ist.

Es vergingen weitere 20 Jahre, bis Charles Darwin sich traute, seine Weltsicht in einem Buch zu publizieren: 1859 veröffentlichte er sein Hauptwerk "Die Entstehung der Arten". Die 3-D-Show macht hier noch nicht Schluss, sondern entführt die Zuschauer in einen Kosmos, der selbst Darwin unerschlossen blieb: Sie tauchen in eine Körperzelle ein und betrachten den genetischen Code - oder sehen, wie Dutzende von Samenzellen im unterlegten Samba-Takt die weibliche Eizelle zu erobern versuchen.

Das Planetarium sei "ein Kreuzfahrtschiff für die Sinne", sagt sein Direktor Thomas Kraupe. Für die 40-minütige Show "Rätsel des Lebens" trifft dies zu. Fehlt nur noch die frische Meeresbrise zur Expeditionsfahrt.

Die öffentlichen 3-D-Shows starten am 17. Februar und laufen über mehrere Monate. Termine unter www.planetarium-hamburg.de