Hoffnung blüht im Hochgebirge

Foto: GNU Free Documentation License

Schweizer Forscher haben in den Alpen Fluchtnischen für die Vegetation vor den Einflüssen des Klimawandels gefunden

Basel. Große Teile der Alpen werden durch den Klimawandel zu einem heißen Pflaster - zumindest für etliche Kältespezialisten unter den Gebirgspflanzen. Klimamodellen zufolge drohen in den Alpen 45 Prozent der Pflanzenarten bis zum Jahr 2100 auszusterben. Doch die Wirklichkeit könnte weitaus besser aussehen: Zwei Schweizer Pflanzenökologen haben durch Temperaturmessungen in alpinen Regionen winzige klimatische Fluchtnischen gefunden. Und gehen durch ihre Funde davon aus, dass sich die Artenvielfalt sogar noch steigern könnte.

Offenbar bietet die Hochgebirgslandschaft auf kleinstem Raum etliche Fluchtmöglichkeiten vor steigenden Lufttemperaturen. Zwei Sommer lang haben Daniel Scherrer und Christian Körner von der Universität Basel Berghänge im Furkagebiet in 2500 Meter Höhe mit einer Infrarotkamera abgetastet und Temperaturen erfasst. Die überraschende Erkenntnis: Schon auf wenigen Quadratmetern kann sich die Temperatur der beobachteten Mikrolebensräume um bis zu sieben Grad Celsius unterscheiden. Die beiden Basler Pflanzenökologen berichten von ihren Messungen in der Fachzeitschrift "Journal of Biogeography".

Je nachdem, wie stark die Sonne schien und die Berghänge geneigt waren, fanden die Wissenschaftler warme und kalte Kleinstlebensräume, wie man sie in dieser Winzigkeit im Tiefland oder in den Wäldern nicht kennt.

Als Scherrer und Körner mit einem Computer simulierten, wie sich die Lebensbedingungen im Gebirge verändern könnten, wenn die Luft zwei Grad wärmer wird, ergab sich eine weitere Überraschung: Gerade einmal drei Prozent aller thermischen Nischen drohen verloren zu gehen. Infolgedessen wird die Arten- und Biotopvielfalt der Berghänge aller Voraussicht nach erhalten bleiben. Zudem entstehen wärmere Kleinlebensräume, die lokal sogar zu einer höheren Biodiversität führen könnten, so die Forscher. Von den fast 4500 Pflanzenarten in den Alpen kommen etwa 500, also jede neunte Art, nur dort vor. Weitaus kritischer als die Schweizer Forscher sieht Wolfgang Pfefferkorn die Entwicklung in den Alpen. "Die Alpen sind am stärksten vom Klimawandel betroffen, weil die Klimaerwärmung hier um einiges höher ausfällt als im globalen Durchschnitt", sagt der Leiter des cc.alps-Projekts zum Klimawandel in den Alpen bei der Internationalen Alpenschutz-Kommission Cipra in Schaan (Liechtenstein). Seiner Meinung nach seien alle extremen Hochgebirgsarten - Pflanzen in Höhen jenseits der 3000-Meter-Marke - bereits "auf dem Rückzug".

Pfefferkorn sieht das Problem nicht so sehr in den steigenden Temperaturen als solche, sondern in dem Tempo, mit dem sich die Umwelt der Hochgebirge ändert. "Wenn sich das Klima in den nächsten 100 Jahren wie prognostiziert um drei Grad erwärmt, werden sich die Vegetationszonen auf der Nordhalbkugel um rund 600 Kilometer nach Norden und um 600 Meter in die Höhe verschieben", sagt er. "Viele Pflanzenarten werden diese Wanderung nicht mitmachen können; sie sind dafür einfach zu langsam."

Zu nennen seien hier zum Beispiel Alpen-Mannsschild und Gletscher-Hahnenfuß, aber auch nicht ganz so hoch vorkommende Spezies wie Himmelsherold, Sternhaar-Felsenblümchen und Schnee-Enzian. Der Lebensraum dieser Kältespezialisten würde sich noch weiter einengen, so Pfefferkorn, was für nur hier lebende Arten wie den Alpen-Mannsschild schlimmstenfalls das Aus bedeuten könne. Und aus tieferen Zonen rückten nur weniger spezialisierte Pflanzen nach.

Ob und welche Arten mit der Zeit fast oder gar völlig verschwänden, hänge im Einzelfall davon ab, wie schnell konkurrenzstärkere Arten aus tiefer gelegenen Regionen die Berghänge hinaufwanderten. Geschehe dies rasch, "dann haben die alpinen oder hochalpinen Arten wenig Zeit, um nach oben zu wandern oder sich anzupassen", sagt Dr. Nikolaus Zimmermann von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf (Schweiz). "Auch dürften sie wegen ihrer spezifischen Anpassung an kalte Lagen weniger schnell wandern können als tiefer verbreitete Arten."

Erfolge die Einwanderung hingegen sehr zögerlich, "dann kann es viele Jahre, ja sogar viele Jahrhunderte dauern", bis sich neue Pflanzengesellschaften nahezu flächendeckend breitgemacht haben. Und wie auch in der Vergangenheit bestehe die Chance, dass an kleinen Sonderstandorten mit deutlich kühleren Temperaturen als in der Umgebung Reste kälteverträglicher Pflanzenarten sich dauerhaft festkrallen können.

Auch Georg Grabherr vom Institut für Ökologie und Naturschutz der Universität Wien ist der Ansicht, "dass durch das bewegte Relief der Berge auch bei einem Temperaturplus von mehr als fünf Grad in den nächsten 100 Jahren "Fluchtnischen bleiben werden, die ein Überleben auch kleiner Restpopulationen ermöglichen".

Ebensolche Fluchtnischen, wie sie die beiden Baseler Forscher jetzt nachgewiesen haben. Ihre Studienergebnisse zeigten auch, betonen sie, dass Klimadaten von Wetterstationen die tatsächlichen Lebensbedingungen im Hochgebirge "schlecht bis gar nicht" wiedergeben.