20 Jahre ökologisch vereinigt

Die Umweltunion legte den Grundstein für eine umfassende Sanierung der DDR-Altlasten. Ein Resümee

Bitterfeld. Bei der ersten gesamtdeutschen Gewässergütekarte 1990 musste zur Beschreibung der Elbewasserqualität eine zusätzliche achte Stufe, die Gewässergüteklasse "ökologisch zerstört" eingeführt werden, um der teils miserablen Gewässerqualität im Elbeeinzugsgebiet gerecht zu werden. Vier Jahrzehnte sozialistische Planwirtschaft mit einem Minimum an Umweltschutzmaßnahmen hatten das Gewässer zum giftigsten Fluss Europas werden lassen. Heute ist die Elbe wieder Lebensraum für Lachse, und nicht nur das: "Die Umweltsanierung der Erblasten aus der DDR ist eine Erfolgsbilanz für die Natur. Eine Erfolgsbilanz insbesondere für die Menschen und für die Zukunft", sagte der frühere Bundesumweltminister Prof. Dr. Klaus Töpfer gestern auf einer Konferenz zum 20-jährigen Bestehen der Umweltunion.

Zum 1. Juli 1990 war neben der Währungs-, der Wirtschafts- und der Sozialunion zugleich die Umweltunion entstanden: Wesentliche Bestimmungen des Umweltrechts der Bundesrepublik Deutschland galten fortan auch auf dem Gebiet der DDR. Die grüne Sanierung konnte beginnen. In Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) zog Töpfer gemeinsam mit Bundesumweltminister Dr. Norbert Röttgen und Dr. Hermann Onko Aeikens, dem Umweltminister des Landes Sachsen-Anhalt, zwei Jahrzehnte später ein positives Fazit: "Die ökologische Sanierung in Ostdeutschland zeigt, dass Umweltsanierung nicht nur Geld kostet, sondern Werte schafft. Die neuen Länder sind heute Referenzregionen für moderne Umwelt- und Energietechnologien, die international Maßstäbe setzen, so Norbert Röttgen.

Nach Angaben des Deutschen Windenergie-Instituts waren im Jahr 2008 rund 36 Prozent aller deutschen Windenergieanlagen in den östlichen Bundesländern installiert. Auf dem Gebiet der Fotovoltaik sticht Ostdeutschland noch deutlicher hervor: Weltweit jede sechste Solarzelle wird in den neuen Bundesländern hergestellt. Und so war auch der Konferenzort Bitterfeld mit Bedacht gewählt. "Bitterfeld ist heute Synonym für den erfolgreichen Wandel von einem der schmutzigsten Orte Europas hin zu einem modernen Standort der Chemieindustrie. Wir in Sachsen-Anhalt sind dankbar für das Geld, das der Bund für die Sanierung der Altlasten gibt, und wir sind stolz darauf, was wir mit dem Geld gemacht haben zum Wohl von Mensch und Umwelt", sagte Aeikens.

Auf dem sanierten Gelände des ehemaligen Chemiekombinats in Bitterfeld-Wolfen sind mittlerweile rund 11 000 Menschen in der Chemie- und Pharmaindustrie tätig. Der zu Zeiten der DDR wichtige Standort der Braunkohleindustrie wurde im Juni 1993 endgültig geschlossen, und liegt nun inmitten einer neu gestalteten Seen- und Naturlandschaft. Kaum vorstellbar, dass ehemals fast jedes zweite Kind hier und in anderen Industrieregionen an Atemwegserkrankungen gelitten hat.

Anfang der 1990er-Jahre war der Luftschadstoff Schwefeldioxid (SO2) noch eine der Leitkomponenten der Luftbelastung in Deutschland. Allein auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt sind 1989 etwa ein Drittel mehr SO2 und Staub emittiert worden als in der gesamten damaligen Bundesrepublik. Heute beträgt die SO2-Belastung in Sachsen-Anhalt besonders durch die Modernisierung von Großfeuerungsanlagen nur noch 0,5 bis ein Prozent der DDR-Werte und liegt deutlich unter den geltenden Grenzen. Auch die Treibhausgasemissionen wurden seit den 1990er-Jahren in Ostdeutschland deutlich mehr als halbiert. Der Erfolg beruht vor allem auf Modernisierungen der Energie- und Abfallwirtschaft.

Das alles hat sehr viel Geld gekostet. Allein die Leistungen des Bundes für die Beseitigung und Sanierung der in der ehemaligen DDR verursachten und erzeugten Umweltschäden werden auf rund 2,9 Milliarden Euro beziffert. Daneben hat der Bund zum Beispiel allein für die Umstrukturierung der ostdeutschen Chemieindustrie bis Ende 2007 rund 16,4 Milliarden Euro verausgabt.

Eine Investition auch in den Tourismus und die Naherholung. Immerhin finden sich von den 14 deutschen Nationalparks sieben, von den 13 Biosphärenreservaten acht ganz oder teilweise in den neuen Ländern und locken nicht nur Urlauber aus allen Teilen Deutschlands an, sondern auch über die Bundesgrenzen hinaus. Nicht zu vergessen das "Grüne Band".

Wo früher der Todesstreifen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze sich von der Ostsee bis zum sächsischen Vogtland erstreckte, existiert heute auf rund 1400 Kilometern Länge ein Biotopverbund von besonderer Bedeutung. Allein 160 gefährdete Tier- und Pflanzenarten wurden hier erfasst, und 16 Prozent der Flächen sind ökologisch wertvolle Lebensraumtypen von europäischer Bedeutung. Es gelang, das durch die Trennung geschaffene Kleinod in den vergangenen 20 Jahren langfristig zu sichern.

Oder, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Videobotschaft zu den Konferenzteilnehmern sagte: "Was uns früher trennte, eint unser Land nun als grünes Band."