Jeder vierte Student bricht ab

Viele scheitern an Leistungsproblemen oder Prüfungsversagen. Hamburgs Hochschulen wollen individuelle Betreuung verbessern

Hamburg. Der 1999 gestartete Bologna-Prozess sollte Deutschland mehr Akademiker bescheren: Durch kürzere Studiengänge - zum Bachelor geht es in sechs Semestern - würden in Zukunft deutlich mehr Studenten mit einem Titel die Hochschulen verlassen, so die Reformer. Bisher hat sich diese Hoffnung nur teilweise erfüllt, wie der gestern veröffentlichte Nationale Bildungsbericht zeigt: Die Gesamtquote der Studienabbrecher, die allerdings noch die alten Studiengänge mit einschließt, ist von 21 Prozent im Absolventenjahrgang 2006 auf 24 Prozent im Jahrgang 2008 gestiegen.

Immerhin ist die Abbrecherquote in den Bachelor-Studiengängen von 30 auf 25 Prozent gesunken, weil immer mehr Studenten in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern wie Germanistik und Soziologie einen Abschluss schaffen. Unverändert hoch sind die Abbrecherquoten aber in naturwissenschaftlichen und vor allem in ingenieurwissenschaftlichen Fächern wie Maschinenbau und Elektrotechnik. "Mit Blick auf den Mangel an Ingenieuren können wir mit diesen Ergebnissen nicht zufrieden sein", sagt Ulrich Häublein vom Hochschul-Informations-System (HIS), der an der Studie mitgearbeitet hat. "Es bleibt eine Herausforderung, mehr Studenten zum Abschluss zu bringen."

Wie viele Studierende an Hamburgs Hochschulen scheitern, ist unklar. Während die HIS-Forscher anhand der Daten des Statistischen Bundesamtes recht genau feststellen können, wie viele Studenten ein Studium endgültig abbrechen, können Hochschulen nur eine "Schwundquote" ermitteln. Sie schließt den Wechsel zu anderen Studiengängen und -orten ein.

An der TU kommt die Hälfte der Anfänger nicht ins Ziel

Ob ein Student, der an der Hamburger Uni abgebrochen hat, sein Studium in Bayern fortsetzt und erfolgreich abschließt, kann die Universität nicht feststellen. Insofern können statistische Daten zum Studienabbruch falsch gedeutet werden, die "echte" Abbrecherquote liegt in der Regel deutlich unter der Schwundquote. Letztere ließe aber Rückschlüsse auf die Zufriedenheit der Studenten zu, so Häublein.

Wenn das stimmt, können Hamburgs Hochschulen noch deutlich attraktiver werden. An der Universität liege die Schwundquote, so Vizepräsident Holger Fischer, in den Bachelor-Studiengängen bei 35 Prozent. Das sei "nicht zufriedenstellend", aber: "Im Vergleich zu den alten Studiengängen, in denen teilweise 60 bis 70 Prozent der Studenten abgebrochen haben, ist die aktuelle Quote ein starke Verbesserung." Das Ziel sei, bis 2012 die Quote auf 30 Prozent zu senken.

Nur scheinbar geringer ist der Schwund an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort hören in den Bachelor-Studiengängen 26 Prozent vorzeitig auf, wobei nur die Abbrecher bis zum fünften Semester erfasst werden - die tatsächliche Quote dürfte also höher liegen. In deutlich höheren Sphären bewegt sich die Quote an der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH): 50 Prozent der Anfänger kommen dort im Schnitt in den alten und neuen Studiengängen nicht ins Ziel.

Die meisten Studenten schmeißen hin, weil sie sich überfordert fühlen: Fast ein Drittel scheitert an Leistungsproblemen oder Prüfungsversagen, ergab gerade eine HIS-Studie. Vor der Einführung des Bachelor/Master-Systems nannten nur 20 Prozent diese Abbruchgründe. Für HIS-Forscher Häublein sprechen die Ergebnisse aber nicht generell gegen den Bologna-Prozess. "Entscheidend ist, wie die Hochschulen die Reform umgesetzt haben." Tatsächlich seien viele Studenten vermehrt im Stress, weil in vielen Studiengängen jetzt fast jede Prüfungsnote fürs Examen zähle. Früher spielten die Noten frühestens bei der Zwischenprüfung eine Rolle. Speziell in den Natur- und Ingenieurwissenschaften werde in den ersten Semestern viel Grundlagenwissen in Mathe und Physik abgeprüft, das sich einige Anfänger aber noch aneignen müssten. "Wenn die Hochschulen die Abbrecherquote verringern wollen, müssen sie vor allem die Betreuung in den ersten beiden Semestern verbessern", sagt Ulrich Häublein.

Dieser Erkenntnis folgen offenbar die Hamburger Hochschulen, die nun mit einer Fülle von Maßnahmen den Schwund bekämpfen wollen. Das soll bei der Beratung von Abiturienten beginnen: "Wir werden Studienanfänger besser darüber informieren, was auf sie zukommt", verspricht Holger Fischer. Es ist geplant, ab 2011 alle Bewerber zu einem Selbsteinschätzungs-Test zu verpflichten, der bisher noch freiwillig ist. In den ersten Semestern sollen mehr Mentoren die Anfänger betreuen. Außerdem, so Fischer, gebe es Überlegungen, dass Leistungen in den ersten Semestern nicht mehr fürs Examen zählen sollen. "Das würde viel Druck von den Studierenden nehmen."

Die HAW schickt Professoren zum Didaktik-Training

Die Betreuung verbessern will auch die TUHH, die allen 900 Studienanfängern Tutorien anbietet, um ihnen den Start zu erleichtern. Zusätzliche Tutorien gibt es für Zweitsemester, die zwei wichtige Maschinenbau-Prüfungen nicht bestanden haben. Ähnliche Maßnahmen bietet die HAW an. Und der neue Onlineratgeber "HAW-Navigator" soll dabei helfen, den passenden Studiengang zu finden. Um die Lehre zu verbessern, sollen bis 2012 mehr als die Hälfte aller HAW-Professoren an einem Coaching teilnehmen; neu berufene Professoren müssen dieses Didaktik-Training durchlaufen. Beim Bundeswettbewerb "Exzellente Lehre" wurde die HAW für dieses Konzept mit einer Million Euro Fördergeld belohnt.

"Die Maßnahmen zeigen Wirkung", sagt HAW-Sprecherin Katharina Jeorgakopulos und verweist auf das neueste Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung: Dort rückte die HAW im abbruchgefährdeten Fach Maschinenbau in puncto Studiensituation und Betreuung in die Spitzengruppe auf.