Wal-Kampf

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Angelika Hillmer

Die kommerzielle Jagd auf die Meeressäuger könnte wieder möglich werden

Hamburg. Seit 1986 ist der kommerzielle Walfang weltweit verboten - in der kommenden Woche steht dies zur Disposition: In Agadir (Marokko) treffen sich die 88 Mitgliedsländer der Internationalen Walfang-Kommission (IWC) zu ihrer Jahrestagung. Sie beraten dort nicht nur über die Zukunft der Meeressäuger, sondern auch über die der IWC. Seit Jahren ist das Gremium handlungsunfähig, weil sich die Walschutznationen und die Anhänger der Jagd gegenseitig blockieren. Nun liegt ein Kompromisspapier auf dem Tisch, das versucht, eine Brücke zwischen den Parteien zu schlagen. Doch es entsetzt die Walschützer, denn es will die kommerzielle Jagd wiederaufleben lassen.

"Der Kompromiss würde Japan, Norwegen und Island für zehn Jahre Fangquoten genehmigen, durch die insgesamt jährlich bis zu 1400 Wale getötet würden. Er belohnt ausgerechnet diejenigen Länder, die sich seit Jahren dem Moratorium und damit dem Willen der IWC-Mehrheit widersetzen", urteilt die Artenschutzorganisation Pro Wildlife.

Trotz Moratoriums werden jährlich 1000 bis 2000 Tiere getötet

Aus wissenschaftlicher Sicht spricht nichts dafür, die kommerzielle Jagd auf die Giganten der Meere zu legalisieren, denn die Welt der Wale hat sich nicht zum Besseren gewendet. Heute werden trotz Moratorium noch 1000 bis 2000 Wale pro Jahr erlegt, offiziell zu Forschungszwecken (Japan) oder weil die Länder Vorbehalte gegen das Moratorium geltend machen (Norwegen, Island). Damit reduzierte sich der Abschuss zwar auf etwa ein Drittel der Zahlen vor Inkrafttreten des offiziellen Fangstopps. Aber weit mehr Tiere verenden heute durch die intensive Nutzung der Ozeane: Sie sterben in Fischernetzen, kollidieren mit Schiffen, leiden unter Lärm-Attacken von U-Boot-Jägern und Ölsuchern, erkranken durch Schadstoffe im Meer.

Diese Todesursachen müssen bei der Diskussion um den Walfang eingerechnet werden, fordert der wissenschaftliche Ausschuss der IWC seit Jahren. Die jetzt vorliegenden Fangzahlen seien "als politische Quoten total aus der Luft gegriffen und nicht mit dem Wissenschaftsausschuss abgestimmt", sagt die Meeresbiologin Petra Deimer, langjähriges deutsches Mitglied des Ausschusses.

Ein Dutzend Länder hatten den Kompromissvorschlag im Auftrag der IWC ausgearbeitet. Er sei nicht annehmbar, betont auch das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV), das in Deutschland für die IWC zuständig ist. Schließlich lasse er weiterhin zu, dass Japan das Schutzgebiet im Südpolarmeer missachtet und dort Wale fängt. "Im Schutzgebiet muss jeglicher Walfang spätestens nach Ablauf der Interimsperiode eingestellt werden. Wir brauchen dafür ein festgelegtes Datum", sagte ein Mitglied der deutschen Delegation.

Der Fang von stark bedrohten Finnwalen müsse dort sofort aufhören, lautet ein weiteres deutsches Verhandlungsziel. Das IWC-Papier sieht dagegen einen Abschuss von zehn Tieren in drei Jahren vor. Eine Finnwaljagd in der Antarktis sei nach den Kriterien des Wissenschaftsausschusses unmöglich, ergänzt Petra Deimer: "Für alle stark gefährdeten Arten kann es nur eine Null-Quote geben."

Deutschland will nur einem Kompromiss zustimmen, der die weltweiten Fänge deutlich reduziert und ein Ausstiegsszenario enthält. Der Fang von gefährdeten Arten müsse schnellstmöglich beendet werden, ebenso der Missbrauch des Begriffs "wissenschaftlicher Walfang", lauten die Vorgaben für Agadir. Das Moratorium aus 1986 billigt den Mitgliedern einzelne Abschüsse zu Forschungszwecken zu. Doch Japan tötet mit dieser Begründung alljährlich um die 900 Wale, ein Verhalten, das in der Vergangenheit mehrfach durch IWC-Resolutionen geächtet wurde.

Walöl für die Pharmazie und als Nahrungsergänzungsmittel

Das Papier enthält weiteren Sprengstoff: Sollte der kommerzielle Walfang wieder hoffähig werden, könnte dies das internationale Handelsverbot für Walprodukte im Rahmen des Washingtoner Artenschutzabkommens untergraben. Ein Bericht der Walschutzorganisation WDCS warnt davor, die Meeresriesen zu Rohstofflieferanten machen zu wollen: "Island plant, seine Jagden auf Finnwale zu benutzen, um wieder Walmehl für Fischfarmen und Nutztiere herzustellen", heißt es dort. Norwegen investiere in die klinische Erforschung von Walöl für den Einsatz in der Pharmazie und als Nahrungsergänzungsmittel, Japan verwerte bereits Knorpelgewebe.

Eine Aufweichung des Handelsverbots sei mit Deutschland nicht zu machen, heißt es beim BMELV, man wolle "keinen Kompromiss um jeden Preis" - und nimmt damit in Kauf, dass beim IWC-Treffen ein weiteres Mal kein wegweisender Beschluss gefasst wird.

Dieses sehr wahrscheinliche Szenario nennt Petra Deimer "schlecht für die Wale": "Wenn kein Kompromiss zustande kommt, werden sich die Fangnationen weiterhin nehmen, was sie wollen." Die einzig sinnvolle Zukunft der IWC sei eine Organisation, die sich dem Überleben der Giganten verschreibt. Sie müsste die Jagd auf ein wissenschaftlich vertretbares Maß reduzieren und auch die anderen durch Menschen verursachten Gefahren abwehren. Das wäre die Geburtsstunde einer Internationalen Walschutzkommission.

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