"Wir helfen den Eltern, stark zu werden"

Der Psychologe und Erziehungsexperte Haim Omer plädiert für eine "neue Autorität", die vor allem von der Präsenz der Eltern lebt

Hamburg. Haim Omer ist ein gefragter Mann in diesen Zeiten, in denen es manchmal scheint, als sei eine ganze Generation außer Rand und Band. Wenn Jugendliche scheinbar aus heiterem Himmel austicken und in Schulen, Bussen, Bahnhöfen oder zu Hause um sich schlagen, wollen die Menschen wissen, wer hier seinen Job vernachlässigt. Doch mit solchen Fragen hält sich Omer, Professor für Psychologie an der Universität Tel Aviv, nicht mehr auf. Dem 61-Jährigen geht es um Lösungen, er versteht sich als Coach. Für Eltern und zunehmend auch für Lehrer, die mit den kleinen und größeren Tyrannen in der Familie oder der Klasse nicht mehr fertigwerden.

Omers Idee einer "neuen Autorität" findet immer mehr Anhänger. Auch der SOS-Kinderdorf e. V. bietet in Hamburg mit dem "Coaching für Eltern" ein Training für Eltern zur Stärkung ihrer Präsenz und Verbesserung der Eltern-Kind-Beziehung an. Vermittelt über das Jugendamt wird im Rahmen dieser speziellen Jugendhilfemaßnahme den Eltern konkret gezeigt, wie sie kraftvoll und gewaltfrei den Forderungen und Attacken ihrer Kinder begegnen können.

Hamburger Abendblatt:

Herr Professor Omer, Sie sehen die Erschütterung der erzieherischen Autorität als eine entscheidende Ursache für den Anstieg von Gewalt und Kriminalität unter Jugendlichen. Wieso ist vielen Eltern und Lehrern die Autorität abhandengekommen?

Haim Omer:

Das hat sehr viel mit Einsamkeit, Isolierung und mit der Anonymität der großen Städte zu tun. Es gibt in unserer Gesellschaft mehr Geschiedene, und die Familien sind zerbrechlicher als früher. Aus all dem resultiert oftmals Hilflosigkeit, Schwäche, Angst und auch unberechtigte Nachgiebigkeit im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Dazu kommt, dass die Eltern heute sehr oft stark kritisiert und automatisch für die Probleme der Kinder verantwortlich gemacht werden. Und da sie diese Kritik fürchten, suchen sie lieber erst gar nicht um Hilfe nach. Das aber verschlechtert ihre Lage.

Gelten Ihre Beobachtungen auch für Lehrer?

Für sie stellt sich die Situation oft noch schlimmer dar. Es gibt ja sogar ein Lehrer-Hasser-Buch in Deutschland. Es ist in meinen Augen ein Attentat auf die Lehrer, aber leider sehr populär. Das ist schrecklich, weil es bedeutet, dass es modisch ist, Lehrer zu beschimpfen. Im schlimmsten Fall führt es dazu, dass nicht mehr die Lehrer, sondern die Mobber in der Klasse das Sagen haben. Es kommt noch etwas dazu: Der Glaube, dass jeder Lehrer einzig und allein kraft seines Charismas in der Lage sein müsste, mit problematischen Schülern fertigzuwerden. Dabei weiß jeder, dass es Kinder und Jugendliche gibt, bei denen auch kein noch so großartiges Charisma mehr hilft, weil diese Schüler eine große zerstörerische Wut in sich haben.

In Deutschland rufen Pädagogen wie Bernhard Bueb, Autor des Bestsellers "Lob der Disziplin", angesichts dieser Szenarien vermehrt wieder nach mehr Zucht und Ordnung.

Diese traditionelle Autorität ist nicht mehr zeitgemäß. Eltern haben heutzutage eben nicht mehr das letzte Wort - und manchmal sogar nicht mal mehr das erste. Wir wollen keine distanzierten, kontrollorientierten Eltern für unsere Kinder sein. Diese Art der Autorität hat nicht mehr die Legitimierung von vor 40 Jahren, als allein Eltern oder Lehrer die Regeln bestimmt haben und es die ausschließliche Rolle des Kindes war, ihnen zu gehorchen. Heute wollen wir Kinder zur Selbstständigkeit erziehen. Und wir wissen auch, dass diese machtvolle Autorität manchmal ziemlich schlimme Folgen hatte, weil Eltern oder Erzieher sie missbraucht haben.

Eine Folge war eine sehr freie, liberale Erziehung der Kinder.

Richtig, aber auch das ist ziemlich schiefgelaufen. Es gibt mehr als 100 Forschungen, die das belegen: Kinder, die sehr frei und nachgiebig, ohne Grenzen und Forderungen erzogen worden sind, wachsen mit viel mehr Problemen auf als andere. Und zwar selbst dann, wenn sie die Liebe und die Zuneigung der Eltern erfahren haben. Ihre Frustrationsgrenze ist niedriger, sie sind aggressiver, fallen öfter aus dem Rahmen und lernen nicht, sich anzupassen. Und sie haben auch einen niedrigeren Selbstwert.

Sie beschreiben jetzt einen dritten Weg zwischen Rückkehr zu Disziplin und Abkehr von einem total freien Erziehungsideal, die "neue Autorität". Ist sie der Königsweg?

Wir haben uns angesichts der Hilflosigkeit vieler Eltern und Lehrer gefragt, wie wir ihnen im Umgang mit problematischen Kindern und Jugendlichen helfen können. Und wir sind zu dem Ergebnis gekommen: Wir brauchen wieder eine Autorität, aber eine, die zu uns passt. Eine neue Autorität, die wir ausdrücklich wollen - und die vor allem im Rahmen unserer Möglichkeiten liegt. Traditionelle Autorität basierte auf Furcht und Distanz, das wollen wir nicht mehr. Also haben wir uns gefragt, ob es auch eine Autorität ohne Distanz gibt. Unsere Antwort lautet: Ja, wir können eine Autorität haben, die auf Präsenz basiert.

Was bedeutet Präsenz genau?

Das Kind bekommt die Botschaft: Ich bin dein Vater, ich bin deine Mutter. Und ich bleibe das auch. Du kannst dich nicht von mir scheiden lassen. Du kannst mich nicht feuern, lähmen oder einschüchtern. Ich bin da, und ich bleibe da. Dann bekommen die Eltern eine Autorität durch Präsenz. Wir helfen ihnen, wieder zu lernen: Ich muss wissen, was mit meinem Kind passiert. Und wenn es Notsignale gibt, dann muss ich noch mehr wissen. Das ist Präsenz. Wir sprechen auch von wachsamer Sorge.

Ein schmaler Grat zwischen intensiver Präsenz und absoluter Kontrolle ...

... eine absolute Kontrolle ist gar nicht erwünscht - und außerdem eine Illusion. Wir können nicht die Gefühle und auch nicht die Gedanken kontrollieren. Und eigentlich können wir nicht einmal die Handlungen kontrollieren, es sei denn, das Kind ist unmittelbar bei uns.

Ist es möglich, Autorität auszuüben, die nicht auf Kontrolle beruht?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn ein Jugendlicher abends immer öfter erst sehr spät nach Hause kommt, ist es sehr wichtig, dass die Eltern zu fragen lernen. Wohin gehst du? Mit wem? Was ist das Programm? Und wann kommst du zurück? Wir helfen den Eltern, diese Fragen so zu stellen, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, darauf eine Antwort zu bekommen.

Jugendliche werden einwenden, dass das ganz alleine ihre Sache ist.

Spätestens dann aber ist es eine Sache der Eltern. Sie müssen dem Kind deutlich sagen: Wenn du mir nicht antwortest, werde ich dir das Weggehen verbieten, dir dafür auch kein Geld geben und dich dort aufsuchen, wo du hingehst.

Also doch totale Kontrolle.

Nein. Die Eltern machen dem Kind nur deutlich, dass sie ihre Pflicht erfüllen. Dann bekommen sie eine Autorität, die auf Selbstkontrolle basiert. Das Kind kann kooperieren oder auch nicht. Wenn nicht, dann handeln die Eltern aber für ihren Teil pflichtgemäß, weil sie eine wachsame Sorge ausüben.

Die Eltern müssen also nicht im traditionellen Sinne ihren Willen durchsetzen.

Nein. Sie müssen nicht gewinnen, sondern nur beharren. Das ist ganz wichtig. Früher galt in der autoritären Erziehung die Unmittelbarkeit. Das Kind machte etwas falsch - und musste sofort bestraft werden. Wir wissen heute, dass das eine sehr schlechte Idee ist. Sie führt dazu, dass wir reagieren, wenn wir sehr aufgeregt sind. Und das Kind ebenfalls. Das führt meist zur Eskalation. Die neue Autorität basiert auf Beharrlichkeit. Wir haben dafür ein Sprichwort: Wir wollen das Eisen schmieden, solange es kalt ist. Das ist die Idee des Aufschubs der Reaktion. Sie garantiert, dass unser Handeln kontrollierter wird.

An die Stelle der früheren hierarchischen Strukturen setzen Sie neue familiäre Netzwerke und Unterstützer, die den Eltern bei der Erziehung helfen sollen.

Es geht darum, Verwandte und Bekannte einzubeziehen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus Israel: Dort hatte ein Bruder seine kleine Schwester schwer geschlagen und erniedrigt. Die Eltern, die aus einer Einwandererfamilie kamen, baten uns um Hilfe. Wir haben ihnen geraten, die Verwandten einzubeziehen. Also rief nachmittags der Opa aus Russland den Jungen an und fragte, warum er seine Schwester geschlagen habe. Abends konfrontierte der Onkel aus Amerika den Jungen ebenfalls mit dem Vorfall. Bei ihm kam die Botschaft an: Die ganze Welt weiß, dass ich meine Schwester geschlagen habe. Darum geht es: Der Übergang von einer hierarchischen Autorität zu einer, die auf einem Netzwerk, auf Bündnissen basiert.

Sie ist außerdem gewaltlos.

Ja, dazu müssen sich die Eltern verpflichten. Und dabei helfen eben Netzwerke, weil sie für Transparenz sorgen. Wir helfen den Eltern, stark zu werden. Aber nicht stark durch die erhobene Faust. Wir sorgen für Stärkung der Selbstkontrolle und der Pflichterfüllung, für Stärke durch Unterstützung und Beharrlichkeit.