Schweinegrippe wird Risiko vermutlich erhöhen

Auch die "normale" Grippe kann Kinder töten

Wenn ein Kind länger als zwei Tage Fieber hat, sollten die Eltern unbedingt einen Arzt aufsuchen. Grippe kann lebensbedrohlich sein.

Schon in einer "normalen" Grippesaison sterben hierzulande zwei von 100.000 Kindern an einer Grippe. Was kommt in diesem Herbst auf uns zu? Denn die Schweinegrippe kann die Gefahr noch erhöhen.



"Die Grippesaison beginnt manchmal im Oktober, spätestens aber im November. Doch es gibt jetzt schon Einzelfälle der saisonalen Grippe" sagt Prof. Frank Riedel, Ärztlicher Direktor des Altonaer Kinderkrankenhauses (AKK). Dort werden stationär nur etwa 20 Fälle über den gesamten Winter behandelt. Doch ambulant werden Hunderte Kinder vorgestellt. "Man rechnet in so einer Epidemiephase damit, dass bis zu 30 Prozent aller Kinder mit Krankheitssymptomen einem Arzt vorgestellt werden", sagt der Kinderpneumologe. Wie sich die diesjährige Grippesaison entwickeln wird, ist noch unklar angesichts der Ausbreitung der Schweinegrippe, die auch in Deutschland voranschreitet. "Wir haben bis heute drei Schweinegrippefälle im AKK diagnostiziert. Sie wurden alle ambulant, also zu Hause betreut. Im Herbst und Winter werden das sehr viel mehr. Es könnte auch passieren, dass die beiden Erreger sich in einem Wirt vermischen und daraus ein Virus hervorgeht, das wesentlich aggressiver ist", sagt Riedel.


Und man kann beide Grippeformen kaum auseinanderhalten, nur durch eine Untersuchung des Rachenabstrichs, in der das genetische Material eines Virus analysiert wird. Diese Untersuchung dauert ungefähr sechs bis acht Stunden. Die Symptome (Fieber, Abgeschlagenheit, Glieder- und Kopfschmerzen sowie Husten) sind ähnlich, die Viren verbreiten sich auf die gleiche Weise von Mensch zu Mensch.


"Grippe wird durch kleine Tröpfchen übertragen, die beim Husten, Niesen, Schnupfen durch die Luft fliegen. Es gibt aber auch eine Infektion über Hände, durch ganz feine Tröpfchen in der Luft oder über Gegenstände. Wenn man dann etwas anfasst und anschließend Nase, Mund oder Augen mit den Händen berührt, hat man sich über die Schleimhäute infiziert", sagt Riedel. Mittel, die das Immunsystem stärken sollen, wie das viel gepriesene Vitamin C, schützen nicht vor der Infektion. Da hilft nur häufiges und intensives Händewaschen mit Wasser und Seife. Weil das Hygienebewusstsein bei Kindern nicht ausgeprägt ist, breitet sich die Grippe unter ihnen schnell aus.


Kinder werden zudem leichter krank als Erwachsene. Sie bekommen schneller hohes Fieber und sind deutlicher beeinträchtigt durch kleinere Atemwege. Bei Kindern schlägt deshalb die Grippe voll durch.


Zum Arzt sollten Eltern mit Kindern gehen, wenn das Fieber länger als zwei Tage dauert (Hinweis auf eine Komplikation), wenn die Kinder sehr kurzatmig sind (Verdacht auf Lungenentzündung) oder wenn Kinder nicht mehr trinken und eine Austrocknung droht. Eventuell müssen sie mit Antibiotika behandelt werden, weil die Schleimhaut durch Grippeviren zerstört wird und Bakterien leichtes Spiel haben. "Zusätzliche bakterielle Infekte wie eine Lungenentzündung sind die am meisten gefürchteten Komplikationen und oft der Grund, dass eine Grippe lebensbedrohlich wird", sagt Riedel.


Wegen der oft lebensbedrohlichen Risiken empfiehlt man in den USA, alle Kinder unter 18 Jahren gegen die saisonale Grippe zu impfen.


In Deutschland rät die Ständige Impfkommission, nur Kinder mit chronischen Erkrankungen zu impfen (bei Herz-, Lungen-, Immunerkrankungen, Diabetes sowie jede andere chronische Erkrankung), die das Kind bei einer Grippe zusätzlich stark beeinträchtigen. Gegen die saisonale Grippe muss jedes Jahr neu geimpft werden, weil sich die Zelloberfläche der Viren stets verändert, so dass das Immunsystem die Erreger nicht mehr erkennt und keine Antikörper gebildet hat.


"Impfen lassen sollten sich auch Kindergärtner, Ärzte, Pflegekräfte und Lehrer, um in den kritischen Bereichen wie Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern eine solche Immunität unter den Betreuern zu schaffen, dass sie nicht gleich eine ganze Klasse anstecken", rät der Kinderarzt. Eine Impfung gegen Schweinegrippe soll ab Oktober zur Verfügung stehen. "Kritisch anzumerken ist, dass sie noch nicht so ausreichend untersucht ist wie die saisonale Impfung. Und ein Großteil der Impfstoffe wird mit Zusatz von Hilfsstoffen produziert, die die Immunantwort verstärken. Das erhöht die Nebenwirkungsrate wie Rötung, Schwellung und Überwärmung an der Einstichstelle. Von gefährlichen Nebenwirkungen wissen wir bisher nichts", so Riedel.


Der neue Impfstoff wird erst an Erwachsenen getestet. "Damit hat er eine gewisse Unsicherheit für Kinder, aber das ist auch nicht anders als bei den saisonalen Impfstoffen. Dort hat man bisher keine unerwarteten Nebenwirkungen erlebt, die man bei Erwachsenen nicht gesehen hatte. Es werden erstmal Erwachsene geimpft. Dann, so hoffe ich, werden auch Kinder mit erhöhtem Risiko geimpft. Sie sollten zweimal geimpft werden, einmal im Oktober gegen die saisonale Grippe und dann später gegen die Schweinegrippe, wenn dazu die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission vorliegen", sagt Riedel.


An der Schweinegrippe oder an saisonaler Grippe erkrankte Kinder können ebenso wie Erwachsene mit den Grippemitteln Tamiflu und Relenza behandelt werden. "Diese Mittel kann man schon bei Kindern ab einem Jahr anwenden, Kinder mit Schweinegrippe würden wir auch schon mit einem halben Jahr behandeln. Die Medikamente werden in der Regel gut vertragen, wir würden sie aber nur dann einsetzen, wenn die Grippe schwer verläuft, oder wenn sie ein Kind trifft, das eine chronische Erkrankung hat", sagt der Kinderpneumologe. Sinnvoll ist eine solche Behandlung aber nur, wenn man damit in den ersten 48 Stunden beginnt. Auf keinen Fall sollte man Tamiflu nur auf Verdacht bei jeder grippeähnlichen Symptomatik einsetzen, denn erstens weiß man nicht, ob es Grippe ist und zweitens fürchten Experten eine Resistenzentwicklung, wenn man das Mittel sehr breit einsetzt.