Altenwerder: Spitzentechnik am Hafenrand

Weltstärkste Windräder drehen sich an der A 7

Mit einer Nennleistung von sechs Megawatt liegen Anlagen der Hersteller Enercon und Repower ganz vorn. Die nächste Generation soll nicht wachsen, aber an Leistung zulegen.

Hamburg ist um einen technologischen Spitzenreiter reicher: Vor wenigen Tagen gingen in Altenwerder zwei Windenergieanlagen (WEA) in Betrieb, die zu den leistungsstärksten der Welt zählen. Mit sechs Megawatt (MW) Nennleistung hielt der Auricher Hersteller Enercon gut drei Jahre lang den Weltrekord, wurde erst im April vom Hamburger Unternehmen Repower knapp überflügelt. Dessen Sechs-MW-Prototyp erbrachte am Teststandort an der deutsch-dänischen Grenze bessere Werte als geplant und hat nun offiziell eine Nennleistung von 6,15 MW, wird aber frühestens im Jahr 2011 in Serie gehen.

Die Altenwerder Anlagen mit dem Produktnamen E-126 sind wahre Windriesen. Ihr Aufbau erforderte Spezialkräne, die Fundamente stehen auf Pfählen, um im weichen Spülfeldsand Halt zu finden. Nun drehen sich in 135 Meter Höhe die Rotoren mit drei 58 Meter langen Flügeln. Diese lassen die beiden Anlagen fast 200 Meter hoch werden, 70 Meter höher als der Hamburger Michel.

Die beiden Windmühlen an der A 7 sind die Anlagen Nummer sieben und acht des Typs E-126. Ihre älteren Geschwister produzieren bereits in Emden (zwei), Aurich-Georgsfeld (zwei) und je eine in Estinnes/Belgien und in Cuxhaven Strom. Wenn der Wind wie prognostiziert weht, können die beiden Hamburger Anlagen 7500 Vier-Personen-Haushalte versorgen.

Die maximale Leistung der Giganten aus Beton, Stahl und glasfaserverstärktem Kunststoff liegt mit sechs MW noch ein Megawatt höher als die derzeit größten Anlagen für Meereswindparks. Für Georg Schrot vom Bundesverband Windenergie ist damit vorerst das Ende der Fahnenstange erreicht: "Die Leistungssprünge der vergangenen Jahren werden wir zukünftig nicht mehr machen", prognostiziert er. Das Hauptinteresse der Entwicklungsabteilungen seiner Branche liege jetzt eher in der Speichertechnik, um den Windstrom konstanter fließen lassen zu können. Es gelte, "Speicher zu entwickeln, die den Netzbetreibern den Strom stetig zur Verfügung stellen oder Teil von Insellösungen für Gebiete ohne ein funktionierendes Stromnetz sind".

Je größer die Kapazität, desto wartungsintensiver wird die Anlage, ergänzt Schrot. Deshalb sieht er gerade im Offshore-Bereich Größenlimits. "Aufgrund der Bedingungen auf See sind Wartungsarbeiten nur zu zehn Prozent des Jahres möglich. Es wäre schon gut, wenn die Fünf-MW-Anlagen dauerhaft so störungsfrei laufen, dass diese eingeschränkte Wartung ausreicht."

Wenn die Windrotoren weiter zulegen, dann an Land, prognostiziert Schrot. Aber er sieht auch Akzeptanzprobleme bei den Anwohnern: "Größe wird erst einmal abgelehnt, obwohl die Rotoren langsamer laufen, weniger Schlagschatten erzeugen." Auch Enercon sieht seine Sechs-Megawatt-Rotoren an Land gut aufgehoben: "Sie haben einen größeren Abstand zur Wohnbebauung und leisten mit relativ geringen Stückzahlen einen wesentlich höheren Beitrag zur regenerativen Stromversorgung." Die Auricher teilen nicht die Offshore-Euphorie der Konkurrenz, halten sich aus der Konstruktion von Meereswindparks heraus. Schließlich gebe es noch genügend Potenzial an Land, sodass es gar nicht nötig sei, die speziellen Risiken beim Bau und bei der Wartung von Meereswindparks einzugehen.

Ganz anders Repower: Norbert Giese, Direktor für den Offshore-Bereich bei Repower, hält "Windenergieanlagen in einer Größe von sieben bis zehn MW für denkbar, wenn auch nicht gleich morgen". Durch die hohen Entwicklungskosten der Riesenanlagen würden die Entwicklungszyklen jetzt länger dauern. Es gebe außerdem praktische Hürden, denn die überdimensionierten Bauteile erforderten spezielle Transportfahrzeuge und Kräne. "Wir bewegen uns zum Beispiel bei den Rotorblättern der Repower 6M mit 61,5 Meter Länge im Bereich der größten frei tragenden Glasfaserstrukturen."

WEA mit zukünftigen Spitzenleistungen von acht, neun oder gar zehn MW wären vor allem Prestigeobjekte, sagt Schrot; die deutschen Hersteller seien da unterschiedlich ehrgeizig. Enercon, an dessen Spitze mit Aloys Wobben ein ambitionierter Ingenieur sitzt, steht im Verdacht, den heutigen Rekord bald brechen zu wollen. Dabei geht es weniger darum, noch größere Anlagen zu bauen, als vielmehr an der heutigen Anlagen-Generation zu feilen, etwa den Generator oder die Blattprofile weiter zu verbessern.

Was genau in der ostfriesischen Hightech-Schmiede entwickelt wird, wird immer erst verraten, wenn das neue Produkt öffentlich vorgestellt wird, erklärt Pressesprecher Volker Uphoff. Auf Nachfrage antwortet er vielsagend: "Stillstand heißt Rückschritt. Zudem ist Enercon für seine technologischen Innovationen bekannt."

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