Arktis: Folgen der Erderwärmung

Der Untergang des Petermann-Gletschers

Das Eisfeld im Nordwesten Grönlands zeigt tiefe Risse. Ein 100 Quadratkilometer großer Brocken steht kurz vor dem Abbruch.

Unter gigantischem Rauschen bricht eine Eiskante ab, zerfällt in tausend Teile, lässt durch ihre Masse das Meer brodeln. Diesen gewaltigen Anblick bestaunen alljährlich Zehntausende Touristen in der Arktis.

Am Petermann-Gletscher im Nordwesten Grönlands droht nun ein Eisabbruch, der nicht nur eindrucksvoll, sondern auch beängstigend ist: Wissenschaftler erwarten, dass in den kommenden Wochen ein etwa 100 Quadratkilometer großer Eisbrocken abbricht. Etwa fünf Milliarden Tonnen Eis werden dann ins Meer driften. Das wäre die fünffache Masse des gewaltigen Abbruchs vom Juli 2008, den Wissenschaftler per Satelliten beobachtet hatten.

Der Petermann-Gletscher ist einer von 130 Eisfeldern, die sich vom Grönlandeis speisen und von der Insel ins Meer fließen. Der Bereich, in dem Forscher jetzt stetig wachsende Risse beobachten, gehört zum schwimmenden Teil des etwa 1300 Quadratkilometer großen Gletschers.

Dr. Alun Hubbard, Glaziologe der Universität von Wales, nimmt an, dass wärmere Meeresströmungen durch den Klimawandel bis nach Nordgrönland vordringen und die Eiszunge antauen: "Sie erodieren die Unterseite des Petermann-Gletschers mit einer unglaublichen Intensität, die 25-mal höher ist als das Abschmelzen an der Oberfläche."

Hubbard ist einer von drei Klima- und Eisforschern, die derzeit zusammen mit Greenpeace das Schicksal des Gletschers beobachten.

Die Umweltschützer erreichten mit ihrem Schiff "Arctic Sunrise" am 1. Juli das Gletschergebiet und wollen die arktische Eisschmelze drei Monate lang dokumentieren.

"Das Klima der Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie im Weltdurchschnitt", sagt Iris Menn, die die Expedition betreut. Wir wollen im Vorfeld des Uno-Klimagipfels in Kopenhagen den Politikern zeigen, wie dramatisch die Veränderungen schon heute sind."

Dass die Wissenschaftler und Umweltschützer Grönland zum Schwerpunkt ihrer Erkundungstour machten, liege vor allem daran, dass der dahin schmelzende Eispanzer in den Prognosen und Modellen der Klimaforscher bislang nur unzureichend abgebildet sei, so Menn.

Ausgerechnet Grönland ein weißer Fleck auf der Landkarte der Klimaforscher?

Die eisbedeckte Insel könnte zu einem der sogenannten Kipppunkte bei der Erderwärmung werden, vor denen Klimaforscher seit Langem warnen. Gemeint sind damit die Folgen der Erderwärmung, die zunächst unspektakulär verlaufen, bei denen dann aber plötzlich ein Gleichgewicht aus den Fugen gerät.

Dieses Szenario trifft auf die grönländische Eiskappe zu: Möglicherweise schmilzt das Eis nicht nur ab, sondern verändert sich auch in seiner Struktur, wird instabiler. Das kann zum plötzlichen Zusammenbruch des Eisschildes führen - wenn das gesamte Grönlandeis (vermutlich über Jahrzehnte) abschmelzen würde, stiege der Meeresspiegel um etwa sieben Meter an.

Auch deshalb beobachten die Forscher den Petermann-Gletscher in Grönland sehr genau. Denn wenn an seiner Stirnseite riesige Eismassen abbrechen, könnte dies einen Dominoeffekt auslösen. Iris Menn: "Das mehrjährige Eis wirkt wie eine natürliche Barriere. Fehlt sie plötzlich, so rutscht Festlandeis schneller ins Wasser - und das erhöht dann den Meeresspiegel."

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