Die Schule der großen Tiere

Fühlen, hören, riechen - Schulkinder erleben Tiere aus nächster Nähe. Und die Zoopädagogen vermitteln ihnen das nötige Wissen.

Bist du blöd? Der kann den doch nicht ganz runterschlucken!" Tim (7) wirft noch einmal einen Blick auf den Apfel, dann auf den Schnabel des Straußenhahns, der in einem Gehege in Hagenbecks Tierpark direkt vor der Schulklasse steht. Sein Freund Nicholas (7) ist da anderer Meinung: "Was macht der denn sonst damit? Na klar, der schluckt den runter." Erhitzte Diskussion unter Zweitklässlern. Der Unterricht findet heute im Zoo statt, und auch die Lehrerin ist eine andere: Keike Johannsen (49) ist eine von über 100 deutschen Zoopädagogen, die in Tiergärten Wissen vor Ort begreifbar machen. Wie mit dem Apfel, den sie dem Strauß hinhält. Der große Laufvogel schluckt ihn am Stück - und Johannsen erklärt den verblüfften Schülern den Muskelmagen des Vogels. ",Unterrichtest du die Tiere?'", werde ich häufig gefragt, wenn ich mich den Klassen vorstelle", sagt die Studienrätin, die 1985 als ABM-Kraft des Fördervereins des Schulbiologiezentrums ihre Arbeit im Hamburger Tierpark aufnahm und seit 1990 über das Institut für Lehrerfortbildung eine feste Lehrerstelle zwischen dem Gymnasium Othmarschen und dem Tierpark aufteilt. Nicht nur Kinder haken bei dem Begriff Zoopädagogin nach - auch viele Erwachsene können mit dem Beruf nichts anfangen. "Dabei wird unsere Arbeit in Zeiten, in denen Kinder immer weniger Tierkontakt haben, ständig wichtiger." Gerade durch Äußerungen wie "Ist der aber groß!" würde deutlich, dass Tierfilme allein nicht ausreichen, um die wahren Dimensionen von Löwen, Giraffen und Elefanten darzustellen. Im Zoo ist dieses möglich - und noch dazu werden hier gleich mehrere Sinne angesprochen, die den reinen optischen Eindruck verstärken. Riechen, hören, fühlen, manchmal sogar schmecken - im Klassenzimmer ist dieses Erleben selten möglich. Das erkannte erstmals 1928 der New Yorker Bronx Zoo und richtete eine zoopädagogische Abteilung ein. Der nicht zuletzt durch seine Fernsehsendungen und Dokumentarfilme bekannte deutsche Zoologe Prof. Bernhard Grzimek war von dieser Idee so begeistert, dass er als Zoodirektor des Frankfurter Zoos 1960 die erste Lehrerin in einen deutschen Zoo holte. Rosl Kirchshofer, heute 73 Jahre alt, bekam freie Hand in ihrer Arbeit: ",Sie dürfen machen, was Sie wollen - nur machen Sie es ordentlich', hat er damals zu mir gesagt." Kirchshofer, seit neun Jahren pensioniert, besuchte gerade die 16. Konferenz des Internationalen Verbandes der Zoopädagogen (IZE) in Wien, den sie vor 30 Jahren mitgründete und dem sie als erste Präsidentin vier Jahre vorstand. In den Anfängen gab es keine Konzepte und keine Materialien für den Unterricht im Zoo: "Nur Unmengen an Schulklassen, die die Zoos überfluteten", erinnert sie sich. Durch einen regen Zuwachs des Verbandes ("Von 20 auf 150 Mitglieder in den ersten zehn Jahren") wurden schnell Arbeitsmethoden und -materialien weiterentwickelt, die die Zoolehrer bei Konferenzen und Workshops austauschen. Derweil machen Kirchshofers Nachfolgerin Martina Weiser andere Dinge Sorgen: "Mit einer Grundschulklasse war ich vor einigen Jahren in einem Gehege mit kleinen Entenküken. Alle Kinder durften eines in die Hand nehmen. Da piepste ein Tamagochi - und ein Mädchen ließ tatsächlich das lebende Küken fallen, um ihr elektronisches Haustier zu füttern." Da hilft nur eins: Die Kinder über noch mehr Sinne die Tiere erfahren lassen. Keike Johannsen und ihr Team von 15 Studenten und Referendaren gehen bewusst in ungesäuberte Ställe, um das "Geruchserlebnis Tier" zu vermitteln. Lassen Zebrahufe, Straußenfedern und Schlangenleder anfassen (letzteres gerne auch an einer lebenden Riesenschlange), um auf Details aufmerksam zu machen. So wissen die Kinder zum Beispiel hinterher, dass der Strauß mit seinen fusseligen Federn nie fliegen kann, weil die Luft hier, anders als bei den geschlossenen Federn flugfähiger Vögel, auf keinen Widerstand trifft. Und dass die Schuppen einer Schlange auf der Bauchseite größer sind, weil sie darauf gleitet. "Anfangs durften wir nur Schilder beschriften und aufhängen - eine ganz schön frustrierende Arbeit", sagt Chris Peters, kommender Präsident des IZE aus dem Zoo in Rotterdam (Holland). "Mittlerweile können wir den Besuchern über das einzelne Tier hinaus auch größere Zusammenhänge aus Ökologie und Artenschutz näher bringen, da die Zoos ihre Gehege und ihre Zusammenarbeit mit Freilandprojekten verbessert haben." Annette Berkovits, Leiterin der Pädagogischen Abteilung im New Yorker Bronx Zoo und IZE-Präsidentin, betreut mit ihren Mitarbeitern 400 000 Schulkinder im Jahr. "Pädagogik ist meiner Meinung nach die einzige Rechtfertigung für die Existenz von Zoos." Deshalb sei sie besonders stolz, dass auf der diesjährigen Konferenz der internationalen Zoodirektoren "der IZE als offizieller pädagogischer Arm des Weltverbandes der Zoos und Aquarien (WAZA)" anerkannt worden sei. Lothar Philips, 1. Vorsitzender des 1995 gegründeten Verbandes deutschsprachiger Zoopädagogen (VZP) und Zoopädagoge im Kölner Zoo, verknüpft damit für die Zukunft Forderungen an die Zoodirektoren: "Zoopädagogen sollten an der Gehegegestaltung und Tierauswahl beteiligt werden." Doch so lange der Beschäftigungsmodus nicht einheitlich sei, würde es an diesem Punkt weiter Probleme geben. Die meisten deutschen Zoolehrer sind, wie Keike Johannsen, über die Schulbehörde beschäftigt und nicht direkt vom Zoo angestellt. Philips: "Das bedeutet Reibungsverluste. Der einzige Vorteil an diesem System: Der Unterricht von Schülern im Zoo kann kostenfrei oder gegen einen sehr geringen Betrag angeboten werden." Dafür müssen studentische Hilfskräfte zum Teil zwei Verträge haben: Einen mit der Schulbehörde für die Führung von Schulklassen, den anderen mit dem Tierpark für die Betreuung von Privatgruppen, wie zum Beispiel Kindergeburtstagen. Dass viele Zoos bereit wären, selbst für ihre pädagogische Abteilung aufzukommen und ihr mehr Gewicht zuzumessen, zeigt sich gerade im Zoo Leipzig: Hier ist es ab sofort Einstellungsbedingung für Tierpfleger, dass sie sich (zoo-) pädagogisch schulen lassen. Auch Keike Johannsen hat gerade einen Schritt nach vorne gemacht: Anfang August wurde ihr von der Schulbehörde eine feste, zweite Stelle genehmigt, die sich zwei junge Lehrerinnen teilen. "Das ist eine große Anerkennung unserer Arbeit. Aber es heißt noch lange nicht, dass wir uns jetzt zurücklehnen können." Annette Berkovits drückte es in Wien so aus: "Im Herzen wissen wir, wie wichtig unsere Arbeit ist und wie gut sie ankommt. Für die Zukunft wäre es schön, wenn wir das der Öffentlichkeit noch besser demonstrieren und dokumentieren könnten."

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