Die Isländer sind stolz auf ihren Vulkan

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Der Eyjafjallajökull spuckt wieder Asche. Dennoch ist die Stimmung entspannt

Am 17. April, als es dunkel blieb und der Tag erst um sechs Uhr abends anbrach, da haben Eyja Thora Einarsdottirs Hühner keine Eier gelegt. Die Schafe schauten verwirrt. Dann waren da noch elf Gäste, die auf Eyjas Hof mit Pensionsbetrieb im Süden Islands übernachteten. Dieser musste um zwei Uhr nachts evakuiert werden. "Alle raus, ins Vereinsheim, 20 Kilometer nach Westen", erzählt die Bäuerin, "aber wir nahmen nichts mit, war doch klar, dass wir nach ein paar Stunden wieder zurückkommen." Entspannt, fast belustigt blickt die Bäuerin auf die Tage zurück, als das Schicksal der fünf, sechs Höfe an der Küste unterhalb des Vulkans Eyjafjallajökull Europa und Amerika in Atem hielten. Weil sie im Epizentrum der Erschütterungen lagen, die Europas Flugverkehr lahmlegten.

Putzen, das ist es vor allem, was ihr der Ausbruch des Vulkans bescherte, viel mehr nicht. Was wohl noch anhalten wird, solange der Berg weiter Asche ausspuckt, so fein, dass er durch alle Ritzen ins Haus eindringt, die Fenster blind macht und die Dachrinnen verstopft. Der Nachbar vom Hof Thorvaldseyri unmittelbar unter dem Berg, zwanzig Minuten mit dem Auto entfernt, hadert, weil sein Betrieb nun für ein Jahr stillliegt. Ihm, der als Getreidebauer im Land der Weiden und Steinwüsten Neuland erobern wollte, hat die Asche den Acker zerstört. Er ist, wie es aussieht, der vom Ausbruch unmittelbar am stärksten Betroffene und wird auf einen Hilfsfonds der Regierung angewiesen sein. Manche in der Gegend sagen, er sei der einzige wirklich Betroffene im ganzen Land, abgesehen von den indirekten Opfern wie den Fluglinien und dem Tourismus.

Vielleicht ein Dutzend Kilometer Richtung Landesinneres befindet sich der Gipfel des Eyjafjallajökull, der den Staub in den Himmel blies, der für sechs Tage im April den Flugverkehr und auch manche andere Branche in Europa lahmlegte. Nicht viel weiter, draußen auf dem Meer, liegt Surtsey, heute die zweitgrößte der Westmänner-Inseln, eineinhalb Quadratkilometer groß und 154 Meter hoch - und blutjung. 1963 erst hoben die im Erdinneren wirkenden Kräfte, die unter Island so stark sind wie sonst nirgendwo, die Insel vom Meeresboden aus dem Wasser. Ein paar Kilometer weiter östlich verschwand vor der Küste aus einer Gruppe von 30 Meter hohen Basaltsäulen eine im Meer, erst vor wenigen Jahren, über Nacht.

Das Land ist in Bewegung, allerorten, und die Isländer haben sich damit nicht nur abgefunden, sie sind in ihrem tiefsten Innern angetan von dieser Einzigartigkeit ihres Grund und Bodens, manche gar begeistert, stolz sowieso. Isländer haben sogar damit Erfahrung, die Elemente, wenn nötig, zu bändigen. Beim Ausbruch auf der Insel Heimaey konnte der Lavafluss gestoppt werden, durch gezielten Einsatz von Meerwasser, um Häuser zu schützen.

"Das kommt dieses Mal überhaupt nicht infrage", sagt Katrin Juliusdottir, Ministerin für Industrie und Tourismus, fast ein wenig geschockt über so eine Idee bei diesem Vulkan: "So eine großartige Eruption, so ein wunderschöner Lavafluss, warum stoppen?" Island sei ein Land, das sich ständig erneuere. Iris Marelsdottir, Leiterin des Zivilschutzes, nickt zustimmend und kann es kaum erwarten, dass der Fernwanderweg zwischen dem Eyjafjallajökull und dem Nachbarvulkan Katla wieder geöffnet ist, dessen Topografie von Lava gerade umgestaltet wird: "Es wird der interessanteste Weg der Welt sein", verspricht sie, "wann kann man schon mal Neuland betreten?"

Am 31. März, als das Risiko langsam, aber sicher unheimlich wurde, weil sich unmittelbar vor den Augen von Schaulustigen und einigen Wissenschaftlern oben am Berg eine neue, 300 Meter lange Ausbruchsspalte öffnete, da musste Marelsdottir innerhalb einer Stunde rund 1500 Menschen hinunterschicken oder herunterholen lassen vom Berg, der damals auch ganz oben noch ein Gletscher war. Alle verfügbaren Hubschrauber waren im Einsatz, bevor dann, als die Party vorbei war, der Boden unter dem Eis zügig heiß wurde.

Längst war der Vulkan-Tourismus angelaufen. Birkir Gudnarson, Chef von Icelandair, schätzt, dass seine Fluglinie im März und in der ersten Aprilhälfte "mehrere Tausend Menschen aus aller Welt einflog, die dringend auf den Gletschervulkan steigen wollten". Zurzeit müssen Polizei und Marelsdottirs Zivilschutzamt die Schaulustigten auf Distanz halten, der Vulkan ist gesperrt. Deshalb stehen sie nun überall in den vielen Quadratkilometer weiten Steinwüsten rings um den Berg, die Vulkan-Fans hinter ihren Stativen, um das Geschehen 1500 Meter weiter oben aufzunehmen; immer wieder erschauert vom Grummeln und leisen Trommeln unter den Schuhen.

Man könnte sagen, der Berg ist verdorben, auf Jahrhunderte wohl, so wie die Lava die Gletscherkuppe weggeschmolzen hat, wie sie breite Canyons und Hunderte Meter tiefe Abgründe ins Eis hineinzischte, wie sie sich unter das Eis schiebt, es von unten aushöhlt und in Dampfwolken auflöst, die mit der Aschewolke aus dem Krater um die Wette in den Himmel schießen, wie der Staub und die Schlacke das einst so majestätische Weiß des Gletschers in ein dreckiges Etwas verwandelte. Doch so denkt keiner. Ein Naturdrama wird gegeben, und da sind Ehrfurcht und Stille geboten im Parkett, und Geduld bis zum nächsten Knall.

Oben, am Himmel, geht es lebhafter zu. Kleine einmotorige Flugzeuge ziehen dort ihre Wege, trauen sich mehr oder weniger dicht ans Geschehen heran. Wer mit Gunnar Thorarensen in seine Maschine von Eagle Air steigt, der fliegt so nah vorbei an der Rauchsäule, dass er im schwarzen Nebel die tonnenschweren Lavabrocken ausmachen kann, die Hunderte Meter hinaufgeschleudert werden - unter einem Donnerwirbel, der selbst den lauten Cessna-Motor überdröhnt. Die feineren Ascheteile steigen weiter hinauf, formieren sich zur Wolke, werden vom Wind in ein flaches, anthrazitfarbenes Tuch verwandelt, das in großer Höhe schließlich als breites Band aufbricht, nach Südosten übers Meer, zu den Färöern, weiter nach Europa, um dort immer wieder den Verkehr aufzuhalten, mal hier, mal da, mal überall.

Es kommt eben das meiste, was sich hier in und um Island herum am Himmel bildet, früher oder später nach Europa. Das Island-Tief zum Beispiel, berüchtigt für sein schlechtes Wetter in Deutschland. Deswegen ist das Land mit seinen gerade mal 300 000 Einwohnern auch bei uns ein Begriff.

Wer Arni Snorrasson darauf anspricht, der als Chef des isländischen Wetterdienstes scherzhaft die Verantwortung dafür übernimmt, dem antwortet er etwas hoffnungsvoll: "Davon wird wohl in nächster Zeit nicht so viel die Rede sein bei euch, mit Island werden nun auf absehbare Zeit wohl Asche- statt Regenwolken in Verbindung gebracht." Ihm selbst hilft dies nicht viel weiter, denn er ist seit Neuestem für beides verantwortlich, als Chef des neuen Gesamtinstituts für Wetter, Vulkanologie, Klima und Hydrologie.

Trotzdem freut auch er sich: "Seit zehn Jahren haben wir jetzt ein ausgeklügeltes Warnsystem, und endlich wissen wir, dass es funktioniert." In der Tat konnte sein Amt die beiden Ausbruchsphasen des Eyjafjallajökull präzise vorhersagen, dank der Analyse der allgegenwärtigen kleinen Erdbeben, dank GPS-Stationen, mit denen die Bewegungen des Berges zentimetergenau zu verfolgen sind. Minutiös geplante Evakuierungen liefen an, wenn auch nur vorübergehend. Nicht aus Angst vor dem Vulkanauswurf. Doch Ausbrüche von Gletschervulkanen können innerhalb von Stunden Schmelzwasser in Bewegung setzen in der Fließmenge der Amazonasmündung. Zehn, zwanzig Kilometer breite Schwemmflächen im Lande zeugen davon. Schieben die ankommenden Massen das Meerwasser weit genug hinaus und stoppt ihr Zufluss dann plötzlich, so könnten sie sogar einen Tsunami auslösen. Jeder Küstenbauernhof in der gefährdeten Region hat seinen Evakuierungsplan. Alles hat geklappt dieses Mal, auch wenn es nur den Charakter einer ausführlichen Alarmübung trug. Auch darauf ist man stolz in Island, auf die Vulkane wie auf die Bändigung ihrer Gefahr.

Alle sind sich einig: Im Grunde sind sie doch recht sanft, die isländischen Vulkane. Auch wenn alle vier, fünf Jahre einer ausbricht: Besonders großen Schaden hat keiner angerichtet in erinnerbarer Zeit. Jedenfalls nicht im Land selbst.