Banalitäten des Alltags

Social-Media-App: Zeigt „BeReal“ das wahre Leben?

| Lesedauer: 5 Minuten
Von Sabrina Szameitat, dpa
Einmal am Tag fordert «BeReal» per Push-Nachricht auf, eine Foto-Kombo aus Selfie und Umgebungsbild zu schießen und hochzuladen.

Einmal am Tag fordert «BeReal» per Push-Nachricht auf, eine Foto-Kombo aus Selfie und Umgebungsbild zu schießen und hochzuladen.

Foto: Laura Ludwig/dpa-tmn

„BeReal“ will ein Gegenentwurf zu anderen sozialen Medien wie Instagram sein. Nutzer werden einmal am Tag aufgefordert, ein Foto hochzuladen. Wann genau, weiß man nicht. Reicht das für Authentizität?

Stuttgart (dpa/tmn). Mitten am Tag und völlig unerwartet kommt die Push-Mitteilung aufs Smartphone: „Du hast zwei Minuten Zeit, um dein „BeReal“ zu posten und zu sehen, was deine Freunde machen.“

Diese Benachrichtigung fasst das Konzept der noch recht jungen und beliebten Social-Media-App „BeReal“ eigentlich gut zusammen. „BeReal“ will das echte Leben zeigen, authentisch, spontan und ohne Filter. Sowohl im App Store von Apple als auch bei Google Play zählte „BeReal“ 2022 zu den am häufigsten heruntergeladenen Apps. Das Netzwerk will anders sein als Instagram oder Tiktok. Kann das funktionieren? Oder gibt es bei „BeReal“ auch Kritikpunkte?

Doch von vorn: Gegründet wurde die Plattform 2020 von Alexis Barreyat in Frankreich, um in Kontakt mit Freunden zu bleiben. „Es ist ein Ort, an dem das wahre Leben eingefangen wird“, schreibt das Unternehmen. „BeReal“ wolle eine Alternative zu anderen Netzwerken sein, die soziale Vergleiche befeuerten und alles andere machten, als Menschen zu verbinden.

Fotos zugleich mit Front- und Rückkamera

Einmal am Tag bekommen Nutzerinnen und Nutzer eine Benachrichtigung aufs Smartphone, dass sie jetzt ihr tägliches Foto, auch „BeReal“ genannt, posten können. So sehen es die Gemeinschaftsstandards des Netzwerks vor. Die Besonderheiten: Man hat zwei Minuten dafür Zeit und es handelt sich nicht nur um ein einfaches Foto. Stattdessen wird gleichzeitig mit Front- und Rückkamera fotografiert. So ist später ein Selfie zu sehen, aber auch ein Foto der Umgebung.

Und erst wenn man seine Foto-Kombo hochgeladen hat, werden die „BeReals“ der eigenen Kontakte sichtbar. Wer nicht sofort auf die Push-Mitteilung reagiert, kann zu einem späteren Zeitpunkt trotzdem sein „BeReal“ posten. Dann wird es aber mit dem Zusatz „late“ markiert, also „spät“. Die App zeigt auch an, wie oft herumprobiert worden ist, bevor man schließlich eine Foto-Kombo hochgeladen hat.

„Das markiert eine Art von Regelverstoß, wenn man so will“, sagt die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Katja Gunkel von der Goethe-Universität Frankfurt dazu. Die Kennzeichnung, wie spät ein „BeReal“ gepostet worden ist und wie viele Anläufe jemand dazu benötigt hat, könne zu einer Stigmatisierung führen.

„Es kann der Eindruck entstehen: „Du kriegst es ja wohl offensichtlich nicht hin beim ersten Mal.“ Daraus kann eine Form von Shaming resultieren“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstpädagogik, wo sie im Bereich Neue Medien forscht. Obwohl die App mit dem Gedanken angetreten sei, Druck zu nehmen, baue sie so viel Druck auf.

„BeReal“ zeigt Gleichförmigkeit

Während bei Plattformen wie Instagram kritisiert wird, dass Nutzerinnen und Influencer dort oft ihr Leben als zu inszeniert darstellen, zeige sich bei „BeReal“ eine andere Form von Gleichförmigkeit: „Dass ich die Push-Mitteilung wirklich mitbekomme, passiert nur in Zeiten, in denen ich latent unbeschäftigt bin, sei es auf dem Weg zur Arbeit oder auf der Couch“, meint Gunkel.

Daher seien häufig Bilder von Menschen zu sehen, die gerade nicht sonderlich viel zu tun haben. „In Momenten extremer Involviertheit, in denen man wirklich präsent ist, wird man niemals in Verlegenheit kommen, „BeReal“ zu benutzen, sondern dann wird es immer ein „Late“ werden“, erläutert Wissenschaftlerin Gunkel.

Außerdem erfordere „BeReal“ einen anderen Umgang mit den Smartphone-Kameras, weil man zum Fotografieren gleichzeitig sein eigenes Gesicht und seine Umgebung kontrollieren müsse.

Wegen solcher, teils sehr privaten Einblicke sollten Nutzer trotz des Zeitdrucks genau überlegen, was sie zeigen wollen, empfiehlt Dominik Rudolph von der Landesanstalt für Kommunikation (LFK) in Baden-Württemberg. Die LFK bietet online die Jugend-Beratungsstelle „Handysektor.de“ an, auf der auch viele Tipps zur Nutzung von „BeReal“ zu finden sind.

Eltern sollten App mit Kindern besprechen

„BeReal“ ist vom Anbieter ab 13 Jahren freigegeben. Rudolph weist darauf hin, dass nach der Anmeldung aber nicht überprüft wird, ob die Altersangabe stimmt. Daher sei das Engagement der Eltern oder Erziehungsberechtigten essenziell.

Sie könnten sich etwa zunächst selbst einen Eindruck von der App verschaffen und dann gemeinsam mit dem Kind ein Profil erstellen, rät der LFK-Sprecher Rudolph. Mit älteren Kindern sollte man über die Risiken der App sprechen.

Außerdem sei es sinnvoll, die eigenen „BeReals“ nur mit seinen Freunden zu teilen und sie nicht öffentlich zu mache (Discovery-Modus). In diesem Modus habe man keinen Einfluss darauf, wer die Inhalte sehen kann, warnt Rudolph. Ein weiterer wichtiger Punkt sei vor allem bei Kindern und Jugendlichen, den Standort zu deaktivieren. So könne man verhindern, dass andere den eigenen Aufenthaltsort sehen.

Nicht zuletzt sollten Nutzerinnen und Nutzer immer auf das eigene Wohlergehen achten. Führt „BeReal“ zu permanentem Stress? In diesem Fall rät Dominik Rudolph: „Dann tut die App einem nicht gut und sollte gelöscht werden.“

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( © dpa-infocom, dpa:230125-99-351013/4 (dpa) )