Spionage-Software

Video-Experiment – geraubtes Smartphone wird zum Spion

Anthony van der Meer verfolgte über das Internet das Leben des Mannes, der sein Handy gestohlen hatte.

Anthony van der Meer verfolgte über das Internet das Leben des Mannes, der sein Handy gestohlen hatte.

Foto: Screenshot, "Find my Phone"

Ein Filmemacher lässt sich sein Smartphone stehlen, um alles über den Dieb zu erfahren. Die Doku ist beängstigend, und das ist gewollt.

Rotterdam/Berlin.  Fünf Tage Warten auf den Diebstahl seines Smartphones haben sich gelohnt: Der Niederländer Anthony van der Meer hat eine gut 20 Minuten lange Dokumentation darüber gedreht, wie er über sein präpariertes Mobiltelefon über viele Tage hinweg intimste Einblick in das Leben des Diebes erhielt.

Der Film ist so fesselnd wie beängstigend und verbreitet sich gerade viral. Er zeigt auf drastisches Weise, wie weitreichend man über sein Smartphone ausspioniert werden kann. „Ich will Bewusstsein schaffen. Kaum jemand denkt daran, wie angreifbar man durch sein Smartphone wird“, sagt der Autor unserer Redaktion.

Mit Film gegen das Gesetz verstoßen

Der Filmemacher ist auch Aktivist, und er hat das Thema Überwachung so greifbar thematisiert wie selten jemand zuvor. Anthony van der Meer (23) weiß, dass er mit seiner Arbeit für die Filmhochschule gegen niederländisches Recht verstoßen hat. Auch dort ist es nicht erlaubt, sich beim Dieb des eigenen Smartphones zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in dessen Leben einzuklinken.

Anthony van der Meer las mit, als sich der Dieb mit einer Frau in einem Café verabredete. Er hörte sich an, was das eingebaute Mikrofon von dem Flirt aufgezeichnet hatte. Er bekam auch die Bilder und Töne geliefert, die den Fremden beim Schauen eines Pornofilms zeigten. Verpixelt sind sie in der Dokumentation „Find my Phone“ zu sehen. Van der Meer las alle Kontakte aus, und wusste stets, wo der Mann sich aufhielt.

Täglich verschwinden 600 Handys

Rund 600 Mobiltelefone werden in Deutschland jeden Tag gestohlen gemeldet, auch in niederländischen Metropolen sind es Dutzende täglich. Filmemacher Anthony van der Meer musste aber sein Smartphone in Rotterdam und Amsterdam fünf Tage lang an belebten Orten als Köder präsentieren. Dann endlich griff jemand in der U-Bahn von Amsterdam zu. Der Dieb ahnte nicht, dass er zugleich zum Opfer wurde.

Vom 21. Mai bis zum 6. Juni 2015 nahm van der Meer teil am Leben des Diebes, bis das Handy sich plötzlich nicht mehr ins Internet einwählte. Der Film endet damit, dass im Januar 2016 erneut Kontakt besteht.

Hacker aus journalistischen Gründen

„Das Smartphone ist auch heute noch im Einsatz“, sagte van der Meer unserer Redaktion. Seit Januar sei es von zwei Personen in drei europäischen Ländern genutzt worden, vermutlich aber von Menschen, die nicht wissen, dass es gestohlen sei. Deshalb dürfe er nun viel weniger Daten sammeln. Die Fortsetzung seiner Dokumentation wird sich allgemeiner um den Lebenszyklus eines gestohlenen Mobiltelefons gehen und andere Aspekte der Privatsphäre.

Das Experiment „Find my Phone“ bewege sich in einer Grauzone, so der Autor: „Hacken und Ausspionieren ist illegal, aber ich habe es aus künstlerischen und journalistischen Gründen gemacht und denke, die gesellschaftliche Bedeutung des Films ist so groß, dass es das rechtfertigt.“

Benutzte Software ist völlig legal

Das bedeute aber auch: Das Problem sei nun durch den Film aufgezeigt, bei weiteren Experimenten dieser Art könne man das Argument nicht mehr für sich beanspruchen: „Da könnte es dann eine Menge Probleme geben.“ Van der Meer hat auch ein paar Rückmeldungen bekommen, er gehöre ins Gefängnis geworfen. „Die Leute haben nicht verstanden, worum es geht“, sagt er. Es gibt auch einige, die ihm Rassismus vorwerfen. Der Zuschauer erfährt, dass der Dieb Ägypter ist. Der Filmemacher ist durchaus so etwas wie ein Nerd. Er hält Vorträge über das Darkweb, über Überwachung und Hacking, und vor seinem Film hat er sich fast ein Jahr mit allen Aspekten des Themas beschäftigt. Technisch war es nicht einmal viel Aufwand, das HTC One zum trojanischen Pferd zu machen. Die genutzte Software ist völlig legal, es gibt etliche andere Programme, die als Hilfen nach einem Diebstahl gedacht sind.

Der Dieb war völlig ahnungslos

Diese Fernsteuerung lässt sich nicht nur wie Apps gewöhnlich im nutzerspezifischen Teil des Smartphones installieren, sondern in eine System-App umwandeln. Das bedeutet: Selbst wenn das Smartphone auf die Voreinstellungen zurückgesetzt wird, ist der Spion immer noch darauf.

Im Kontakt mit dem Anbieter konnte van der Meer das Programm auch noch unter einem weniger verfänglichen Namen installieren. Nicht nötig, wie sich angesichts der Sorglosigkeit des Diebes herausstellte.

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Van der Meers Film könnte nun auch Nutzer inspirieren, Geräte von Partnern zur Wanze zu machen. „Aber das war ja vor dem Film schon Realität“, sagt er dazu. „Meine Absicht ist, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass man betroffen sein könnte und was das alles bedeuten kann.“ Solche Spione können auch auf ein Handy gelangen, das man nie aus der Hand gegeben hat: „Bei meinen Recherchen bin ich auf etliche Schadprogramme für Android-Handys gestoßen, die genau das gleiche tun.“

Auch „Pokemon Go“ war betroffen

Bekanntester Fall war eine verseuchte Version von „Pokemon Go“. Wer nicht auf den offiziellen Start warten wollte und sich das Spiel am Google Play Store vorbei manuell installierte, konnte sich ein Programm mit dem Trojaner Droid Jack einfangen.

Im August wurde bekannt, dass auch die bisher als vergleichsweise sicher geltenden Apple-Geräte ausspioniert werden konnten.

Behörden benötigen für manche Funktionen nicht einmal die Installation eines solchen Programmes, sondern können im Zusammenspiel mit Mobilfunkbetreibern „stille SMS“ auf Smartphones senden, die Steuerungsbefehle beinhalten und die Standortdaten auch von ausgeschalteten Handys abfragen. Das kann Leben Vermisster retten, wird aber vor allem in Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche Kriminelle eingesetzt.

Fahnder setzen auf Spionage-Software

Bundespolizei, Verfassungsschutz und BKA hatten im ersten Halbjahr 2015 zusammen fast 250.000 stille SMS auf Smartphones geschickt. Im arabischen Frühling bekamen Regimegegner mit einem vermeintlichen Sicherheitsupdate massenhaft eine neue Software, die die Fernsteuerung ihrer Geräte ähnlich ermöglichte wie das van der Meer im Film vorführt.

Der Film ist so spannend, weil er langsam Bausteine aus dem Leben des Wildfremden zusammenträgt, weil sich wie ein Puzzle ein Bild zusammensetzt. Als das Smartphone schließlich aus dem Netz verschwindet und der Filmemacher abgeschnitten ist von weiteren Infos, weiß man nicht, ob man enttäuscht oder erleichtert sein soll.

Der Autor hatte auch Schuldgefühle

Anthony van der Meer vermittelt im Film auch, wie er sich dem Dieb immer verbundener fühlt, Mitleid und Schuldgefühle entwickelt. Der Fremde scheint manchmal nicht mal Geld für den Bus zu haben, van der Meer spendiert ihm eines Nachts mehr Datenvolumen, weil er für die Spionage ja so viel davon abzwackt.

Doch er habe auch gelernt, dass Daten trügerisch sein und auf eine falsche Spur führen können: „Sie bedeuten nichts ohne die richtige Interpretation.“ Als van der Meer kontrollieren will, ob sein Opfer überhaupt noch im Lande ist, steht er ihm vor dessen Haustür plötzlich fast gegenüber. Die Illusion vom traurigen, älteren Mann verfliegt. „Ich kenne den Mann vor mir überhaupt nicht.“