Streaming-Dienste

Neue Töne im digitalen Musikgeschäft: Das Streaming boomt

Den Dienst von Spotify nutzen Firmenangaben zufolge mehr als 30 Millionen zahlende Abo-Kunden. Doch andere Anbieter ziehen nach.

Den Dienst von Spotify nutzen Firmenangaben zufolge mehr als 30 Millionen zahlende Abo-Kunden. Doch andere Anbieter ziehen nach.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Spotify, iTunes und Co.: Streamingangebote werden immer erfolgreicher. Doch für viele erweist sich die Musikrevolution als gefährlich.

Berlin.  Wenn Künstler wie Bruno Mars, Coldplay, David Guetta, Ed Sheeran, Madonna oder Udo Lindenberg singen, klingelt bei Warner Music die Kasse. Und dafür ist zunehmend das rein digitale Geschäft verantwortlich. Dabei boomt das Streaming – zulasten vor allem der Downloads, dem lange gepriesenen Geschäftsmodell von iTunes & Co.. Steht der globalen Musikindustrie also erneut eine Zeitenwende ins Haus? Klar ist bisher nur: Der Verbraucher profitiert.

Allein im ersten Quartal 2016 setzte Warner mit rein digitalem Geschäft 328 Millionen Dollar (295 Millionen Euro) um, ein Plus von einem Fünftel im Vergleich zum Vorjahr. Gleichzeitig erlöste das Unternehmen mit physischen Tonträgern wie CDs nur noch 151 Millionen Dollar, ein Minus von etwa vier Prozent. Vor allem die Einnahmen aus Streamingangeboten erhöhten sich um satte 72 Millionen Euro. Mit Downloads nahm Warner dagegen 17 Millionen Dollar weniger ein.

Nach 20 Jahren Flaute wächst der Musikmarkt wieder

„Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Umsätze aus digitalen Verkäufen die Bilanzen der phonografischen Unternehmen dominieren“, sagt Peter Tschmuck, Professor am Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst. „Neu ist allerdings der Trend hin zum Musikstreaming, der gleichzeitig die Downloadumsätze sinken lässt.“

Nach fast 20 Jahren Misere staunt die Musikwirtschaft wieder über steigende Einnahmen. Die erhöhten sich 2015 der International Federation of the Phonographic Industry zufolge um 3,2 Prozent auf 15 Milliarden Dollar. Ein Verdienst der Streamingangebote, deren Erlöse allein auf 2,9 Milliarden Dollar wuchsen. Im globalen Maßstab macht der Verkauf von CDs und anderen Tonträgern nur 39 Prozent der Umsätze aus – in Deutschland allerdings immer noch 60 Prozent.

Wachstumsraten von mehr als 100 Prozent

„Wir gehören im Bereich Technologie im internationalen Vergleich eher zu den Slow Adoptern“, sagt Mathias Giloth, Geschäftsführer GfK Entertainment. Trotz Wachstumsraten von mehr als 100 Prozent bräuchte Streaming seine Zeit, um bei den Konsumenten in der Breite anzukommen.

In offiziellen deutschen Album-Charts dominierten die physischen Tonträger nationaler Künstler wie Helene Fischer noch immer, sagt Giloth. Das Bewusstsein, Musik nicht mehr besitzen zu müssen, um sie zu hören, sei aber auch hierzulande auf dem Vormarsch. „Streaming hat 2015 in Deutschland eine entscheidende Entwicklung vollzogen, nicht zuletzt durch die Markteintritte von Apple und Aldi in Kooperation mit Napster“, sagt Florian Drücke, Geschäftsführer beim Bundesverband Musikindustrie.

„Die Streamingservices bieten alle das gleiche Repertoire an“

Nachdem Apple die Zeitwende von Downloads hin zu Streamings lange verschlief, drängt der Konzern mit Apple Music jetzt ins Geschäft mit Songs, die Nutzer für eine monatliche Abo-Gebühr aus dem Netz streamen. Doch das Feld hat Marktführer Spotify längst bestellt – den Dienst der Schweden nutzen Firmenangaben zufolge mehr als 30 Millionen zahlende Abo-Kunden.

So erfreulich der Anstieg der Musikstreamingumsätze für die digitalen Distributoren auch ist: Der Zuwachs geht auf Kosten der Downloadumsätze, und das belastet die Labels. „Es ist zu vermuten, dass sich dieser Kannibalisierungseffekt in Zukunft verstärken wird“, sagt Tschmuck. Nicht das einzige Problem der Branche. „Die Musikstreamingservices bieten im Grunde genommen alle das gleiche Repertoire an“, sagt Tschmuck. Sie müssten einzigartige Verkaufsideen entwickeln, um attraktiv zu sein, etwa kuratierte Abspiellisten, Radioprogramme wie iRadio von Apple und Exklusivverträge mit einzelnen Künstlern wie Drake mit Apple Music oder Beyoncé mit Tidal.

Nur absolute Topstars können auf Streaming verzichten

„Als Maßnahme zur Kundenbindung können solche Konzepte Erfolg haben“, glaubt Giloth. „Exklusive Angebote sind grundsätzlich von Vorteil, allerdings dürfen diese kein Einzelfall bleiben“, sagt Tschmuck. „MusikkonsumentInnen werden wegen Beyoncé nicht scharenweise zu Tidal wechseln.“

Streaming lohnt sich ohnehin nur richtig für Künstler, die auf sehr hohe Abrufzahlen kommen. Nach Auskunft der Verwertungsgesellschaft Gema erhält sie für werbefinanzierte Streamingangebote, bei denen Endnutzer weitreichende Einflussmöglichkeit auf die Musikauswahl haben, eine Mindestvergütung von 0,00375 Euro pro Stream. Dennoch könnten sich Tschmuck zufolge nur absolute Top-Stars leisten, auf Musikstreaming zu verzichten. So findet sich „25“, das aktuelle Album der britischen Sängerin Adele bis heute nicht bei Spotify.

„In den nächsten Monaten wird es zu einer Marktbereinigung kommen“

Der Streamingmarkt gehört zu den umkämpftesten weltweit. „Bereits in den nächsten Monaten wird es zu einer Marktbereinigung kommen, der schon einige Anbieter in der Vergangenheit wie Simfy oder Rdio zum Opfer gefallen sind“, sagt Tschmuck. „Es werden vor allem diejenigen Services überleben, die einen finanzstarken Partner im Rücken haben, der nicht aufs Geldverdienen mit Musik angewiesen ist wie Apple, Google und Amazon.“

Spotify, das zu rund 20 Prozent den großen Musikkonzernen gehört, müsste den Sprung an die Börse schaffen, um sich frisches Kapital zu beschaffen. Deezer sei in einer ähnlichen Situation, sagt Tschmuck, habe den vorgesehenen Börsengang allerdings verschoben. Für kleinere Anbieter wie Tidal, Napster oder Guvera werde die Luft in der nächsten Zeit dünn.

Experten rechnen mit sinkenden Preisen für Streaming

Nicht unbedingt schlechte Nachrichten für Verbraucher. Dem Experten zufolge werden die Streaminganbieter bei einer Marktbereinigung versuchen, sich stärker als bisher über den Preis zu unterscheiden. Damit soll im Durchschnitt auch das Preisniveau bei den Streams sinken. Das Angebot an Musik und Zugangsmöglichkeiten insgesamt soll zumindest stabil bleiben.