Teil 21: Arterienverschluss

Wenn Gehen nur noch unter Schmerzen möglich ist

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Cornelia Werner

Bei Gefäßverschlüssen in den Beinen kann eine Bypassoperation die Durchblutungsstörung beheben.

Sie gehört zu den großen Krankheiten der Zivilisationsgesellschaft - die Arteriosklerose, auch Gefäßverkalkung genannt. Über Jahre kommt es zu Ablagerungen in den Blutgefäßen. Führen sie zu Gefäßverschlüssen in den großen Arterien des Beckens und der Beine, sprechen Mediziner von der arteriellen Verschlusskrankheit, kurz AVK. "Jeder Dritte in Deutschland, der älter ist als 40 Jahre, hat eine Gefäßverkalkung, und etwa 20 Prozent der über 60 Jahre alten Männer leiden an einer AVK", sagt Prof. Helmut Kortmann, Chefarzt der Abteilung für Gefäß-, Thorax- und endovaskuläre Chirurgie in der Asklepios-Klinik Altona.

Je nach Grad der Verschlüsse wird die AVK in vier Stadien eingeteilt. "Im Stadium eins hat sich bereits in einer Arterie ein Verschluss gebildet, aber der Patient bemerkt noch nichts davon, weil der Körper das durch Umgehungskreisläufe über andere Arterien noch ausgleichen kann. Bei der ärztlichen Untersuchung fällt möglicherweise aber auf, dass in einer der Fußarterien kein Puls mehr tastbar ist.

Erst in Stadium zwei hat der Betroffene Beschwerden. Je nach Sitz des Verschlusses, meist in den Beinen, treten beim Gehen Wadenkrämpfe auf. Die Patienten können nur eine bestimmte Strecke gehen und müssen dann stehen bleiben, weil ihre Muskeln nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. "Weil dieses scheinbar unmotivierte Stehen auf der Straße den Patienten oft peinlich ist, stellen sie sich vor ein Schaufenster, warten, bis der Schmerz verschwindet, und gehen dann weiter", erklärt der Gefäßspezialist. Daher rührt auch die Bezeichnung Schaufensterkrankheit. Die Behandlung kann im ersten und eventuell auch im zweiten Stadium noch konservativ ohne einen Eingriff erfolgen. "Das bedeutet Vermeidung der Risikofaktoren und tägliches Gehtraining. Dabei sollte der Patient morgens und nachmittags jeweils 45 Minuten zügig gehen. Sinn dieses Gehtrainings ist, die Ausbildung von Umgehungskreisläufen der Arterien zu fördern", so Kortmann. Patienten, die bereits weniger als 200 Meter beschwerdefrei laufen können, würde man eher zu einem Eingriff raten.

Aber zunächst muss festgestellt werden, wo der Verschluss sitzt und wie ausgedehnt er ist. "Das geschieht durch eine Gefäßdarstellung mit dem Ultraschall oder mit Kontrastmitteln, entweder als Katheterangiografie oder als Kernspinangiografie. "Sind die Verschlüsse kurz, können sie in Becken- und Oberschenkelarterien gut mit einem Ballonkatheter behandelt werden", sagt Kortmann. Dabei wird der Ballon mit einem Katheter bis in den Verschluss geführt und die Engstelle damit aufgedehnt. Reicht das nicht aus, kann man an dieser Stelle auch eine Gefäßstütze, einen Stent einsetzen."

Handelt es sich um längere Verschlüsse, kommt möglicherweise ein Bypass infrage. Sie werden idealerweise mit körpereigenem Material, wie etwa einer großen Beinvene, angelegt. Ist das nicht möglich,, zum Beispiel bei Patienten mit starken Krampfadern, kann man auf eine Kunststoffarterie ausweichen. Der Bypass kann von der Leiste bis zum Kniegelenk, aber auch bis zu den Fußarterien gelegt werden. Die OP dauert drei bis vier Stunden. "In den Stadien eins und zwei braucht der Patient noch keine Angst zu haben, dass das Bein amputiert werden muss. Dieses Risiko wird aber immer höher, wenn die Krankheit weiter fortschreitet und die Stadien drei und vier erreicht", so Kortmann.

Im Stadium drei treten dann Schmerzen in Unterschenkel und Füßen nicht nur bei Belastung, sondern schon in Ruhe auf, besonders nachts. Meistens ist das betroffene Bein deutlich kälter als das gesunde und weiß-bläulich verfärbt. "Dann hat der Patient meist schon längere Verschlüsse, oder es sind bereits mehrere Arterien betroffen. Besonders kritisch wird es, wenn zusätzlich Gefühlsstörungen auftreten oder wenn man Zehen und Fuß nicht mehr richtig bewegen kann", betont der Gefäßchirurg. In diesem Stadium muss ein Kathetereingriff oder eine Bypass-OP durchgeführt werden. Im Stadium vier ist der Sauerstoffmangel bereits so ausgeprägt, dass am Bein Geschwüre auftreten und Gewebe abstirbt, zum Beispiel Zehen schwarz werden. "Es besteht dann eine hohe Amputationsgefahr, wenn nicht kurzfristig fachmännisch gehandelt wird", sagt Kortmann.

Wie lange die Patienten im Krankenhaus bleiben, hängt stark vom Stadium ab. "Patienten im Stadium zwei bleiben nach Anlage eines Bypasses in der Regel zehn bis zwölf Tage in der Klinik", sagt Kortmann.

Mögliche Komplikationen sind Nachblutungen bzw. Blutergüsse sowie sogenannte Frühverschlüsse. "Um dem vorzubeugen, muss der Patient ausreichend blutgerinnungshemmende Medikamente erhalten und geprüft werden, ob die zu- und abführenden Gefäße des Bypasses intakt sind. Das wird aber schon am Ende der Operation überprüft." Zudem kommen Wundheilungs- und Gefühlsstörungen vor. Weil aber auch nach einer solchen Operation die Arteriosklerose fortschreitet, besteht das Risiko eines erneuten Verschlusses. "Von Venenbypässen sind nach fünf Jahren noch etwa 70 Prozent durchgängig, bei den Prothesenbypässen maximal dreißig bis vierzig Prozent", so Kortmann.

Eine gute Behandlung zeichnet sich dadurch aus, dass der Patient nach einer Bypassoperation besser gehen kann und kaum noch Schmerzen hat. Es sollten möglichst wenig Frühverschlüsse und Gefühlsstörungen auftreten.

Lesen Sie morgen in unserer Abendblatt-Serie: Teil 22: Trommelfell