Neues Serum

Was man gegen erblich bedingten Haarausfall tun kann

Haarrezeptoren
reagieren
auf Hormone:
70
Prozent
der Männer
leiden an
erblich
bedingtem
Haarausfall

Haarrezeptoren reagieren auf Hormone: 70 Prozent der Männer leiden an erblich bedingtem Haarausfall

Foto: iStock

Bisher gibt es nur zwei Wirkstoffe gegen erblichen Haarausfall. Jetzt soll ein neues Serum auf den Markt kommen.

Berlin.  Am Hinterkopf entwickeln sich kahle Stellen und seitlich drohen Geheimratsecken: Dass die Haare im Lauf der Zeit dünner werden, ist ganz normal. Dennoch mögen sich viele damit nicht abfinden, schließlich schützt der volle Schopf vor ultraviolettem Sonnenlicht und wird oft als Zeichen von Jugendlichkeit gesehen. So ist es verständlich, dass Menschen mit Haarausfall sich beim Arzt beraten lassen – aber auch wichtig, weil dahinter verschiedene Ursachen stecken können. Bisher gibt es zwei Wirkstoffe, die gegen erblich bedingten Haarausfall helfen können. Im Oktober kommt ein neuer auf den Markt. Ein Überblick:

Wie viel Haarausfall pro Tag
ist noch normal?

Normalerweise besitzen wir etwa 80.000 bis 120.000 Haare am Kopf, die aus Keratinen bestehen und vom Haarfollikel gebildet werden. Sie können über zwei bis sechs Jahre in verschiedenen Phasen wachsen, bis sie ausfallen. Generell gilt es als normal, dass ein Mensch täglich bis zu 100 Haare verliert – während gleichzeitig etwa 80 neue Haare nachwachsen. „Wichtig ist, dass das Gleichgewicht zwischen ausfallenden und neu wachsenden Haaren erhalten bleibt“, sagt Dr. Soraya Wojtecki, Dermatologin und Expertin für Haarausfall aus Köln.

Wann sollte man einen Arzt
aufsuchen?

Der Dermatologe ist der richtige Ansprechpartner, wenn sich plötzlich im Abfluss von Dusche oder Badewanne auffallend mehr Haare als sonst sammeln. Passiert das täglich verstärkt, spricht man von Effluvium, wird der Schopf nach und nach schütter, nennt man dies Alopezie. Experten wie Prof. Hans Wolff, Oberarzt in der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, raten, bei Haarausfall eine Diagnose stellen zu lassen.


Welche Gründe gibt es?
Hautärztin Soraya Wojtecki zählt eine Reihe möglicher Ursachen auf, etwa eine Schilddrüsenüberfunktion oder einen Eisenmangel. Wird die „Pille“ als Verhütungsmittel eingenommen oder abgesetzt, kann auch dies ein Grund sein. In vielen Fällen ist Haarausfall aber ererbt und nennt sich dann „androgenetische Alopezie“.

Wie erkennt man erblich bedingten
Haarausfall?

Ein Autorenteam um Prof. Hans Wolff beschreibt im Deutschen Ärzteblatt die typischen Muster – bei Männern Tonsur und Geheimratsecken, bei Frauen ein lichter Mittelscheitel. 70 Prozent aller Männer und 40 Prozent der Frauen sind davon betroffen. „Der genetisch bedingte Ausfall bedeutet, dass die Haarrezeptoren auf Hormone reagieren.

Die Haarfollikel bilden sich zurück, die Haare werden schlechter mit Blut und Nährstoffen versorgt – sie werden dünner und fallen schließlich aus“, sagt Soraya Wojtecki. Sie erkennt diese Form in der Regel schon beim Anblick ihrer Patienten und fragt diese dann, seit wann die Haare ausgehen und ob schon Mutter, Vater oder die Großeltern derart betroffen waren.

Was kann man dagegen tun?
Die Regale von Drogeriemärkten sind gut gefüllt mit Spezialshampoos und Tinkturen, im Internet werden jede Menge angeblicher Wunderwässerchen und -pillen angeboten. Doch die Experten wissen, dass die wirksamen Mittel gegen ererbten Haarausfall bisher noch rar gesät sind – und nicht jeder kann oder möchte sich eine chirurgische Haarverpflanzung leisten (siehe Infobox unten).

Als mögliche neue Lösung kündigt sich nun ein Serum mit dem körpereigenen Wirkstoff Thiocyanat an, der seit mehr als 30 Jahren von Prof. Axel Kramer von der Universität Greifswald erforscht wird. Das Molekül wird vom Körper durch Stoffwechselprozesse gebildet, wodurch es Eiweiße beziehungsweise Enzyme aktivieren sowie Stoffwechsel- und Transportvorgänge in Zellen beeinflussen soll. Kramer: „Es stabilisiert die Zellmembran und wirkt damit wie ein Schutzschild, den die Zellen aufbauen.“

Der Wissenschaftler hat mit dem Wirkstoff und weiteren Inhaltsstoffen wie Koffein, Panthenol und Allantoin ein Serum kreiert, das zum Patent angemeldet ist und laut ersten Studienergebnissen die aus dem Gleichgewicht geratene Funktion der Haarfollikel wieder in Balance bringen soll.

Es kommt im Oktober auf den Markt und soll wieder für Wachstum sorgen, wenn der Haarverlust noch nicht weit fortgeschritten ist. Hautärztin Wojtecki sucht unter ihren Patienten gezielt diejenigen aus, die diese Tinktur täglich auf den Kopf auftragen und die Wirkung testen. „Man sollte nicht zu viel erwarten, es ist ein Versuch“, so Wojtecki.

Über viele Jahre erprobt sind hingegen die Wirkstoffe Finasterid und Minoxidil: Ersterer ist rezeptpflichtig und muss in Form einer Tablette täglich von Männern geschluckt werden, damit die Haare auf dem Kopf bleiben. Minoxidil gibt es für Männer und Frauen und ohne Rezept. Es ist als Tinktur, Spray oder Schaum erhältlich und wird auf die Kopfhaut aufgetragen – und zwar laut Hautärztin Wojtecki ebenfalls täglich und ein Leben lang, damit keine Lücken entstehen. „Auch hier gilt: Je früher man damit beginnt, desto besser entfaltet sich die Wirkung“, erklärt die Spezialistin.

Stiftung Warentest hält Finasterid und Minoxidil für „eingeschränkt geeignet“. Sie könnten den Prozess des Haarverlusts aufhalten, aber keine „Wiederbehaarung herbeiführen“. Zudem seien Nutzen und Risiken einer Langzeitanwendung noch nicht ausreichend beschrieben. Als „wenig geeignet“ bewerten die Arzneimittelexperten der Stiftung Kombimittel für Frauen. Die therapeutische Wirkung sei nicht ausreichend nachgewiesen. „Das gilt beispielsweise für Mittel mit dem Steroidhormon Glukokortikoid oder dem Sexualhormon Estradiol.

Was kostet eine Behandlung – und
gibt die Krankenkasse etwas dazu?

Die Tinkturen kosten in Monatspackungen um die 40 Euro, mindestens so viel muss man auch für mehr als 100 Tabletten mit dem Wirkstoff Finasterid hinblättern. „Minoxidil, angemischt mit Cortison oder Hormonen, wird meist von den Krankenkassen bezahlt – weil der Leidensdruck der Betroffenen so groß ist“, sagt Soraya Wojtecki.