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Perücken für Bedürftige

Königinnen- Werkstatt für Haararbeiten. Die Friseurinnen Jasmin Soufi und Ann-Kathrin Guballa fertigen Perücken.

Königinnen- Werkstatt für Haararbeiten. Die Friseurinnen Jasmin Soufi und Ann-Kathrin Guballa fertigen Perücken.

Foto: Marcelo Hernandez

Ann-Kathrin Guballa und Jasmin Soufi fertigen Ersatzfrisuren für Menschen mit Krebs und kreisrundem Haarausfall an.

Zwischen Maya und Kerstin Bolt liegen 41 Jahre, und bis vor Kurzem waren sie sich noch nie begegnet. Warum auch. Maya Otto ist zwölf Jahre alt, geht in die sechste Klasse im schleswig-holsteinischen Plön, und Kerstin Bolt ist 53 und leitet ein Pflegedienstunternehmen in Meiendorf. Und doch verbindet die beiden viel, nämlich die Autoimmunkrankheit Alopecia, kreisrunder Haarausfall. Weil Mayas Eltern sich eine teure Perücke für ihre Tochter nicht leisten konnten, spendete Kerstin Bolt dem Mädchen eine. Jetzt haben die beiden sich in der Haarwerkstatt „Königinnen“ in Eimsbüttel zum ersten Mal getroffen.

In der Haarwerkstatt im Souterrain des Altbaus am Eppendorfer Weg fertigen Ann-Kathrin Guballa und Jasmin Soufi Haarersatzteile an. Sie sind ausgebildete Friseurinnen und Maskenbildnerinnen, die aus Echthaar Perücken knüpfen. Damit geben sie kranken Frauen, die durch Chemotherapien oder Autoimmunkrankheiten ihre Haare verlieren, Selbstvertrauen zurück.

Kerstin Bolt fielen die Haare vor 14 Jahren zum ersten Mal aus – büschelweise. Da war Maya noch gar nicht geboren, und für Kerstin Bolt begann das Leben mit der Krankheit, die vor vier Jahren zum totalen Haarverlust führte. Sie hat keine Kopfhaare, keine Augenbrauen und keine Wimpern mehr. Alles weg. Es ist keine lebensbedrohliche Krankheit, aber das Leben, wie es war, hat der Haarausfall zerstört. Für Frau Bolt war es ein traumatischer Einschnitt: „Man ist wie tot. Ohne Leben“, sagt sie. Zunächst ist sie mit einem Kopftuch herumgelaufen, um sich vor den Blicken zu schützen. Als Frau eine Glatze zu haben wird als Makel gesehen. „Man fühlt sich entstellt“, sagt Kerstin Bolt. Besonders schlimm für sie: Mit dem Verlust der Haare verschwinde auch die Weiblichkeit, meint sie.

Die Perücke gab Kerstin Bolt ihre Lebensfreude zurück

Die Wende kam, als sie mit einer Wollmütze tief ins Gesicht gezogen zu den „Königinnen“ kam. „,Meine Enkelin hat mich zu Ihnen geschickt, damit ich im Restaurant Haare habe‘, sagte Frau Bolt damals zu mir“, erinnert sich Ann-Kathrin Guballa. Frau Bolt sei richtig bockig gewesen: Die Perücke werde sie sowieso nur sonntags tragen, meinte sie. „Doch nachdem wir eine Perücke gefunden, angepasst und geschnitten hatten, begann sie zu weinen. Sehr lange“, sagt Guballa. Jetzt legt Frau Bolt ihre Perücke nur nachts oder im Urlaub ab.

Die Perücke hat alles verändert. „Ich habe meine Lebensfreude zurückbekommen“, sagt Frau Bolt, die einen hellblonden Kurzhaarschnitt trägt – die Frisur, die sie auch vor dem Haarausfall hatte. Für den Laien ist die Perücke als solche gar nicht zu erkennen. 1300 Euro hat das Stück gekostet. Sie hat gleich mehrere, die alle eineinhalb bis zwei Jahre ersetzt werden. „Diese neue Lebensfreude möchte ich auch anderen ermöglichen“, sagt Kerstin Bolt. Aus Dankbarkeit gab sie Ann-Kathrin Guballa und Jasmin Soufi damals 5000 Euro, weitere Spendengelder folgten, um andere Kranke finanziell zu unterstützen und die Lücke zwischen dem Krankenkassenanteil und dem Endpreis der Echthaar-Perücke zu schließen. Denn die Kasse zahlt maximal rund 900 Euro.

Deshalb steht Maya an diesem Tag auch mit langen hellbraunen Haaren vor Kerstin Bolt. Beide tauschen sich über die richtige Pflege des Haarteils aus. „Meine Haare kommen aus Indien und wurden aufgehellt“, sagt Maya. Bevor die Spende von Frau Bolt es ihren Eltern ermöglichte, die 1500-Euro-Perücke zu kaufen, lief Maya ein halbes Jahr mit Mütze herum. Lehrer und Mitschüler wussten Bescheid, „die sind sehr einfühlsam“, sagt Mayas Mutter Babette Otto. Im vergangenen Sommer wurde bei ihrer Tochter kreisrunder Haarausfall diagnostiziert, drei Wochen später waren alle ihre dunkelblonden Haare weg. Wimpern hat Maya zwar noch, aber die Augenbrauen fallen langsam aus. Sie überlegt sich, ob sie sich, wie Kerstin Bolt, eventuell die Augenbrauen tätowieren lassen sollte.

Über einen Verein wollen die Friseurinnen Geld sammeln

Die Schülerin scheint das Ganze erstaunlich gelassen zu nehmen. Mitleid ist bei diesem lebensfrohen Mädchen nicht angesagt – jedenfalls dann nicht, wenn es Maya gut geht. Sie hat auch Phasen, in denen sie traurig und verzweifelt ist. „Manchmal reicht dann eine Bemerkung in der Schule“, sagt Babette Otto. Ist sie gut drauf, geht Maya gern joggen und walken, sie klettert, tanzt und singt. Nur schwimmen war sie mit Perücke noch nicht. Maya hat ihre Krankheit vom Vater geerbt, und sowohl Maya als auch Kerstin Bolt haben außerdem eine Schilddrüsenkrankheit.

Um andere Menschen darauf aufmerksam zu machen, was es bedeutet, durch Krankheit Haare zu verlieren, haben die „Königinnen“ einen gleichnamigen Verein gegründet. Noch liegen die Unterlagen beim Notar, doch bald können die beiden mit ihrer Arbeit loslegen und Frauen, die sich einen Haarersatz nicht leisten können, eine Perücke ermöglichen. „Wir möchten auch zukünftig in der Lage sein, bedürftige Menschen mit Spenden zu unterstützen“, sagt Ann-Kathrin Guballa. Vor allem an Krebs erkrankte Frauen sollen davon profitieren. „Sie können durch die Echthaarperücken ein besseres Lebensgefühl und die gewohnte Anonymität zurückgewinnen.“ Das Schlimmste, sagt Brustkrebspatientin Birgit Berka, sind die mitleidigen Blicke nach der Krankheit. „Man hat keine Lust, jedem von der Krankheit zu erzählen.“ Mit der Perücke konnte sie sich wieder in der Menge bewegen, ohne aufzufallen

Ann-Kathrin Guballa und Jasmin Soufi arbeiten ehrenamtlich Spenderperücken auf, verwalten und lagern diese. Doch für neue Teile sind die Friseurinnen auch auf Haarspenden angewiesen. Deswegen bieten sie das ganze Jahr in ihrer Werkstatt umsonst Haarschnitte an – dafür spenden die Kunden mindestens 20 Zentimeter ihres Haares. Margareta Schirmacher hat sich von ihren langen blonden Haaren getrennt – für den guten Zweck. „Das ist doch toll, dass ich Frauen so unterstützen kann“, sagt die 42-Jährige, die mit einem kurzen Bob die Haarwerkstatt wieder verlässt. Mit ihren Haaren erstellen Guballa und Soufi zunächst nach dem Kopf ihrer Kundin ein Gipsmodell, auf dem die Montur – der Perückenunterbau – entsteht. Auch Wirbel und der frühere Haarschnitt werden berücksichtigt. Bis zu 80 Stunden dauert die Fertigung einer Perücke.

Weitere Infos: www.koeniginnen.com