Psyche

Zwangsstörungen: Wenn Zwänge das Leben bestimmen

Gerade rücken, ordnen, wiederholen: Patienten mit Zwangsstörung können nur schwer mit einem Prozess abschließen.

Gerade rücken, ordnen, wiederholen: Patienten mit Zwangsstörung können nur schwer mit einem Prozess abschließen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Franziska Gabbert / picture alliance / dpa Themendie

David hat eine Zwangsstörung, er muss sich immer wieder die Hände waschen. Keime bereiten ihm Todesangst. Wie er die Therapie erlebt.

Hamburg.  Als David Krögers* Finger an der inneren Wand der Mülltonne entlangstreichen, bilden sich kleine rote Flecken auf seinen Wangen. Sein Atem geht flach und schnell. Er sieht aus, als fürchtete er um sein Leben. Neben ihm steht Manuela Schramer und schaut zu. „Okay, das reicht“, sagt sie nach einigen Sekunden. Kröger zieht die Hand heraus, etwas Schmieriges klebt an seiner Fingerspitze. „Für jeden Dreck zu haben“ steht außen auf dem Mülleimer, Marketing der Stadt Hamburg. „Lassen sie uns reingehen“, sagt Schramer. Sie ist Therapeutin in der Psychiatrischen Tagesklinik des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE), und David Kröger ihr Patient.

Den Mann mit der Pistole, so nennt Kröger die Angst, die ihn immer wieder heimsucht. „Es ist, als würde mir jemand eine Pistole an den Kopf halten. Und ich warte auf den tödlichen Schuss.“ David Kröger leidet an einer Zwangsstörung. Er fürchtet sich vor Krankheiten, vor Keimen, vor Ansteckung. In einen öffentlichen Mülleimer zu fassen, ist Teil seiner Therapie, er setzt sich dem aus, wovor er Angst hat. Expositionsbehandlung heißt die Methode. „Ich muss mich der Angst stellen, sie aushalten“, sagt er. Nur so kann er seine Zwänge loswerden. Seine schmutzige Hand darf er so lange nicht waschen, bis die Angst von alleine verschwindet. Das tut sie nämlich immer. Meistens dauert es ungefähr eine halbe Stunde. 29 Jahre ist Kröger alt, schlank, sportlich, Unternehmensberater. Er ist ehrgeizig und selbstbewusst, manchmal etwas aufgekratzt. Dann spricht er etwas zu schnell und rutscht auf seinem Stuhl vor und zurück. Er hat alles im Griff, so scheint es. Dass es unter der Oberfläche seit Jahren brodelt, hat lange niemand bemerkt.

„Ich habe mir 45 Minuten lang die Hände gewaschen“

Kröger war Anfang 20, als sich die Zwänge das erste Mal bemerkbar machten. „Ich kam von der Uni nach Hause und habe mir 45 Minuten lang die Hände gewaschen. Ich konnte einfach nicht aufhören. Selbst nach dem zehnten Mal Einseifen fühlte ich mich noch schmutzig.“ Die Krankheit trat bei Kröger ganz plötzlich auf.

Auch jetzt, acht Jahre später, sind seine Hände vom ständigen Schrubben rau und gerötet. Die Keime abzuwaschen beruhigt. Irgendwann hat das Händewaschen nicht mehr gereicht. Kröger hat immer häufiger und intensiver versucht, sich vor den gefährlichen Keimen zu schützen. Wenn er Bus fährt, fasst er nichts an, auch die Sitze benutzt er nicht. Bevor er einsteigt, verkriecht er sich in seine Jacke, macht sie bis zum Kragen zu und zieht die Ärmel über die Hände. Bloß nichts berühren! Schwankend steht er dann im Gang. Wenn an seiner Haltestelle andere Leute aussteigen, ist er immer erleichtert, dann muss er den Knopf zum Türöffnen nicht drücken.

Seit einigen Monaten kocht er kaum noch selbst. „Hab’ ich früher gerne gemacht.“ Die eigene Küche, die Lebensmittel aus dem Supermarkt könnten mit Keimen kontaminiert sein. Oft geht er mit Freunden essen, da ist die Angst nicht so groß. Mehr als 500 Euro gibt er im Monat dafür aus. Bei allem, was er tut, achtet er darauf, sich nicht anzustecken. Sonst droht der tödliche Schuss, vom Mann mit der Pistole.

„Die Zwänge haben mein Leben diktiert“

Kröger weiß, dass seine Angst irrational ist, dass nicht überall gefährliche Keime lauern. Er ist nicht verrückt. Die Angst kommt trotzdem. Neulich hat sein Mitbewohner den Wäscheständer mit seinen nassen Sachen auf den Balkon gestellt. Fast hätte er alles weggeworfen. „Das Eichhörnchen, das immer über den Balkon läuft, könnte Tollwut haben.“ Er lacht. Galgenhumor.

Seit vier Monaten kommt er täglich in die Tagesklinik des UKE, von 8.30 Uhr bis 16 Uhr. Am Wochenende hat er frei. „Ich konnte einfach nicht mehr“, sagt er. „Die Zwänge haben mein Leben diktiert. Ich konnte kaum noch arbeiten, hatte Suizidgedanken und war unendlich erschöpft.“ Er hat niemandem von der Therapie erzählt. Seine Mitbewohner denken, dass er jeden Morgen zur Arbeit geht.

Es geht um Kontrolle der Zwänge

Die Therapie hilft ihm. Vor wenigen Monaten hätte er einen Bogen um jede öffentliche Mülltonne gemacht. „Zu verstehen, was mit mir los ist, hat mich voran gebracht.“ So zielstrebig wie er im Job ist, geht er auch die Therapie an. „Das ist jetzt mein Projekt“, sagt er. Die Tage im UKE bestehen aus Einzelgesprächen, Gruppentherapien, Entspannungsübungen, Expositionsübungen – und immer wieder freien Stunden. Dann sitzt Kröger mit den zehn anderen Patienten im Gruppenraum oder macht einen Spaziergang.

Einige haben Kontroll- oder Ordnungszwänge, andere sind wegen Depressionen oder Angstattacken in Behandlung. Zum ersten Mal in seinem Leben hat David Kröger mit jemandem über seine Zwänge gesprochen und in der Klink Freunde gefunden: Thorsten leidet auch unter Zwängen, Stefan ist wegen Angstattacken hier. „Die zwei Saubermänner und der Waschlappen“ nennen sie sich im Scherz. Sie sprechen über ihre Probleme, machen sich gegenseitig Mut, lachen viel. „Ganz frei von den Zwängen werde ich wohl nie sein, aber ich lerne hier, sie besser zu kontrollieren“, sagt Kröger – letzte Woche hat er gemeinsam mit Stefan und Thorsten Pizza gebacken.

(* alle Namen geändert)