Depression nehmen zu

Gefangen im eigenen Ich - Es kann jeden treffen

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Report über Fehlzeiten zeigt alarmierenden Trend: Psychische Leiden werden zur Volkskrankheit. Ärzte sagen: Es kann jeden treffen.

Peter steht an einem Fenster, das er nicht öffnen kann. Es hat keine Griffe, dafür Schlösser. Die Schwestern haben die Schlüssel. Peter schaut hinaus. Er sieht einen Park, vereinzelt Häuserdächer, dahinter das weite Leinetal. "Eigentlich ist es ja ganz schön hier", sagt der 53-Jährige und hebt die Achseln. Die Geste wirkt gleichgültig. Aber Peter ist nicht gleichgültig. Wäre er es, dann wäre er vielleicht nicht hier, in der Psychiatrie.

Der grauhaarige Familienvater aus Thüringen schaut sich in dem kleinen Krankenzimmer um, der helle Linoleumboden glänzt. Auf seinem Bett hat er eine Wolldecke ausgebreitet, ein Nilpferd und ein Teddy sitzen darauf, die Kuscheltiere sind Geschenke seiner beiden erwachsenen Töchter. "Inzwischen bin ich sogar schon einmal Opa", sagt Peter und klopft sich mit der flachen Hand auf die Brust. Dorthin, wo das Herz schlägt. Beruflich hat Peter immer funktioniert. "Pe-e-e-erfekt", betont er. "Aber privat", er macht eine Pause, "da bin ich baden gegangen."

Das Asklepios-Fachklinikum für Psychiatrie und Psychotherapie liegt auf einer grünen Anhöhe südwestlich von Göttingen. Es wurde 1866 als Königliche Landesirrenanstalt in Betrieb genommen, später in Landeskrankenhaus, LKH, umbenannt. Jedes Jahr kommen 6500 seelisch Kranke hierher. Der inoffizielle Name der Fachklinik hat sich unter Göttingens Bewohnern bis heute gehalten: Klapse. Ebenso die Warnung vieler Eltern: "Halt dich von der Klapse fern."

"Ich dachte: Wenn ich erst mal drin bin, gelte ich offiziell als bekloppt"

Wer Krebs hat, erfährt Aufmerksamkeit und Mitleid, wer psychisch krank ist, Argwohn und Misstrauen. Abstrakte Krankheiten verursachen abstrakte Ängste.

Peters Station 4.2 liegt im vierten Stock des Haupthauses und nimmt Menschen mit psychogenen Problemen auf. Sie haben besondere Schwierigkeiten in Beziehungen zu anderen Menschen. "Ich dachte, wenn ich hier erst mal drin bin, dann ist es offiziell, dass ich bekloppt bin", sagt Peter. Dass er "hier drin" ist, wissen nur seine Familie und seine besten Freunde. "Aber die wissen ja, dass ich keine Macke habe."

Hinter dem Eingang liegt ein langer heller Flur, von dem die Patientenzimmer abgehen, neben der Tür zum Stationszimmer ein kariertes DIN-A5-Heftchen. Darin müssen sich die Patienten eintragen, wenn sie die Station verlassen wollen. Die 4.2 ist eine offene Abteilung. Es gibt ein TV-Zimmer für Raucher, eines für Nichtraucher. Jemand hat mit Kreide "Wer hat Lust auf gemeinsames Kochen?" an eine Tafel geschrieben. Sonja, Tanja und Michael stehen darunter. Auf dem Tisch einer Sitzgruppe liegt ein Buch "Das große Kreuzworträtsel", an der Wand lehnt eine Gitarre. Ein Bild zeigt Himbeeren, eine Großaufnahme. Die roten Früchte wirken lebensbejahend, bilden einen Kontrast zu dem Seelenleben der Patienten auf dieser Station. Manche quälen auch Angststörungen, sie können nicht mehr vor die Tür gehen, andere haben Zwänge, sind emotional stark instabil. Wieder andere sind depressiv, des Lebens immer wieder müde.

Brigitte oder Michaela? Der Entscheider konnte sich nicht mehr entscheiden

Peters Leben entgleiste im August 2007, nach einem Chat bei Radio Brocken. Als "Opa Hardrock" loggte er sich ein, lernte Michaela* kennen. Zwei Monate später trafen sie sich. "Es war, als hätte ich vorher in Schwarz-Weiß gelebt", sagt Peter. Er hat sich auf die gelbe Decke seines Bettes gesetzt, seine Hände liegen locker gefaltet in seinem Schoß. "Ich hätte aussteigen müssen, als ich das erste Mal ihre Stimme am Telefon gehört habe. Dann wäre das alles nicht so gekommen." Aber er sei einfach wie gefangen gewesen.

Sich in jemanden zu verlieben ist eine Freude, eigentlich. Peter stürzte es in die größte Krise seines Lebens. Denn da ist ja noch Brigitte*, seine Frau. Seit 29 Jahren sind die beiden verheiratet. "Glücklich", wie er sagt. "Aber eben anders glücklich als mit Michaela."

Peter verhedderte sich in einem Doppelleben zwischen Ehe und Affäre. Er verstrickte sich in seinen Schuldgefühlen, Lügen und einer Leidenschaft, von der er sagt, dass er auch sie so nicht kannte. Was vielleicht noch viel schlimmer war: So kannte er auch sich nicht. "Ich war immer akkurat, geradlinig, habe meine Frau nie angelogen", versichert Peter. "Meine Familie, die geht mir über alles." Wieder schlägt er sich mit der flachen Hand auf die Brust. Plötzlich wirkt er sehr verzweifelt.

Brigitte oder Michaela? Michaela oder Brigitte? Michaela? Brigitte? Brigitte? Michaela! Brigitte! Plötzlich konnte der Entscheider keine Entscheidung mehr treffen. Die Ärzte haben eine schwere Depression bei ihm diagnostiziert und eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Die Betroffenen haben ein mangelndes Selbstbewusstsein, lehnen sich selbst ab, nach innen. Nach außen tragen sie ein übertriebenes Selbstbewusstsein. Um diese Diskrepanz zu überwinden, sind sie immer auf der Suche nach Bewunderung und Anerkennung.

"Seelisch erkrankt zu sein ist eine sehr belastende Erfahrung", sagt Willy Herbold. Der Psychiater und Psychotherapeut hat sein Büro im zweiten Stock der Klinik. Der 53-Jährige ist der Ärztliche Leiter der Abteilung für Psychotherapie. Er hat eine graue Bürstenfrisur, trägt Jeans und ein schwarzes Hemd, dessen Ärmel er aufgerollt hat. Er sitzt in einem Sessel, in der Regalwand hinter ihm reiht sich Buch an Buch, große Grünpflanzen nehmen dem Raum die klinische Atmosphäre.

Willy Herbold hat eine Psychiaterstimme, ruhig, sonor, leise. Er nimmt sich Zeit, seine Gedanken zu formulieren. "Was den meisten Menschen nicht bewusst ist", sagt er und lächelt milde, "jeder kann jederzeit psychisch krank werden." Wie ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall könne es jeden ereilen. Der Satz schwingt im Raum nach. Willy Herbold wartet einen Moment, dann spricht er weiter: "Unser Gehirn ist sehr belastbar. Die neurophysiologischen Vorgänge, die Grundlage des seelischen Erlebens sind, können auch überlastet werden. Stellen Sie sich einfach ein Betriebssystem vor, das dafür sorgt, dass wir im Alltag funktionieren. Ein Zuviel kann es überfordern." Ein Zuviel an Stress, Angst und Verzweiflung kann dazu führen, dass wir uns nicht mehr steuern und regulieren können. Ob und wann etwas zu viel ist, das weiß niemand und ist individuell unterschiedlich. Bei jedem Patienten interessieren Herbold vor allem diese zwei Fragen: Wie ist es zum Ausbruch der Erkrankung gekommen? Und wie war das Leben des Patienten vorher?

Innerhalb eines Jahres erkranken neun Prozent aller Menschen in Deutschland, das sind mehr als sieben Millionen Bundesbürger, an einer psychischen Störung. Dazu zählen unter anderem Depressionen, Psychosen, Suchtkrankheiten oder Angststörungen. Auf die gesamte Lebenszeit ist jede zweite Frau und jeder dritte Mann mindestens einmal psychisch krank.

Peters Leben schien in Ordnung, vorher. Da waren die solide Ehe, die wohlgeratenen Töchter - die eine ist Ärztin, die andere Ingenieurin -, das Haus, die Arbeit, der Tischtennisverein. Doch dann kam Michaela und löste ein Erdbeben aus.

Um einen klaren Kopf zu bekommen, zog Peter bei seiner Frau aus, tauschte sein 160-Quadratmeter-Haus gegen eine Kellerwohnung. Darin begann er zu grübeln und hörte nicht mehr auf. Was er dachte, fühlte, darüber sprach er mit niemandem. "Dazu war ich noch nie in der Lage." Warum nicht? "Angst vor Ablehnung, Demütigung, Kränkung." Peters Worte klingen geschult. "Ich habe hier viel über mich gelernt", sagt er.

Die Ursachen will er in seiner Kindheit gefunden haben. Über seinen Vater, er war ein Arbeiter, sagt Peter nur knapp: "Damals war er ein Despot." Seit Peter in Behandlung ist, umarmen sich die beiden Männer, Vater und Sohn.

Peter führte das Leben, das man von ihm verlangte. Nach dem Realschulabschluss machte er eine Lehre als Maschinen- und Anlagenmonteur, erst viel später sattelte er zum Vermögensberater um. "Darin war ich sehr erfolgreich", sagt Peter und strahlt plötzlich. Dann verdunkelt sich sein Blick. "Aber da im Keller, in der Wohnung, da habe ich so viel gegrübelt, dass ich nicht mehr arbeiten konnte." Innerhalb eines Jahres sei sein Umsatz um zwei Drittel eingebrochen. Ein weiteres Jahr später war Peter arbeitslos. "Nichts ging mehr", sagt er. Wie ein Sog zerrte die Depression ihn unaufhaltsam hinab. Peter schüttelt den Kopf. "Früher habe ich über Menschen, denen es psychisch schlecht ging, gesagt, dass sie sich mal zusammenreißen sollen."

Nach einem Suizid-Versuch ging er aus eigenem Antrieb zur Notaufnahme

Peter holt einen Block hervor, schüttelt einen Briefumschlag heraus. Er ist an ihn in der Psychiatrie adressiert. Die Handschrift ist ebenmäßig geschwungen. "Inzwischen hat sich meine Frau von mir getrennt", sagt er. "Wir schreiben uns nur noch. Darüber, wie wir mit der Situation umgehen, was die Zukunft bringt." Wie fühlt es sich an, dass sie ihn verlassen hat? "Kann man ja verstehen, ne?"

Peter zieht sein Handy aus der Hosentasche. "Hier, das ist meine Frau Brigitte." Das Foto zeigt eine attraktive, zierliche Frau mit kurzen blonden Haaren. "Sie arbeitet in einem Heim für seelisch Kranke", erklärt Peter, seine Stimme füllt Bewunderung. Sein Daumen klickt routiniert über die Tasten seines Telefons. "Und das hier", sagt Peter und macht eine bedeutungsvolle Pause. "Und das ist Michaela."

Die Frau hat lange dunkle Haare, ist groß, schlank, lächelt etwas unsicher in die Kamera. Brigitte? Oder Michaela? Neulich habe er wieder eine Pro- und Kontra-Liste gemacht, erzählt Peter. "Beide haben 900 Punkte bekommen. Aber in unterschiedlichen Kriterien! Das ist ja das Problem!" Peter sei ein lustiger Kerl, immer zum Scherzen aufgelegt, sagen seine Mit-Patientinnen. Jetzt weint der Mann in dem gelben Achselshirt.

Peter hat sich selbst eingewiesen. "Ich konnte nicht mehr, wusste nicht mehr wohin." Kurz vor Weihnachten im vergangenen Jahr stand er vor einer anderen Tür, im Erdgeschoss der Klinik. Dahinter liegt eine geschlossene Akutstation, die Notaufnahme der Klinik. Menschen in seelischen Katastrophenlagen mit suizidalen Absichten werden dort vor sich selbst geschützt. Peter kam dorthin, nachdem er beschlossen hatte, sich mit Tabletten umzubringen, weil die Welt ohne ihn besser dran sei. "Ich habe es falsch angestellt", sagt er nur.

Kurse in Stresstoleranz und lebenspraktisches Training

Früher gab es auf der Station noch Wachsäle, in denen zehn bis zwölf Patienten lagen, die Menschen wurden an den Betten fixiert, erklärt Willy Herbold, der Arzt. Inzwischen haben die Menschen dort Einzelzimmer, die Türen haben Fenster, mit Bandagen ans Bett fixiert wird nur noch, wer eine Gefahr für sich oder für andere darstellt. "Heute können wir mit Medikamenten dazu beitragen, die Patienten zu stabilisieren", sagt Herbold. Im Gegensatz zu früher werde jedoch viel häufiger und intensiver abgewogen, wann ein Präparat gegeben werde. Er habe damals sein Handykabel abgeben müssen, sagt Peter. Eine Schwester habe bei ihm Sitzwache gehalten.

Jetzt steht Peter vor einer großen Pinnwand in seinem Zimmer. Daran hängt auch sein Therapieplan. Jeder Tag beginnt um sieben, um acht Uhr ist Frühsport, dreimal die Woche hat er Gruppentherapie, dazu kommen Einzelgespräche und Kurse in Stresstoleranz und im lebenspraktischen Training. "Es ist verdammt hart, an sich zu arbeiten", sagt Peter. Inzwischen läuft er dreimal in der Woche je fünf Kilometer. "Dabei habe ich das Gefühl, dass ich mein Leben in der Hand habe."

Manchmal dürfen die Patienten die Station von Freitag bis Sonntag verlassen. Mit einigen schließen Schwestern und Pfleger einen Pakt gegen Suizid. "Wir sehen uns Montag wieder", sagen sie dann, blicken ihren Patienten fest in die Augen und drücken ihre Hände. Viele gehen dann in die Situation zurück, die sie krank gemacht hat.

Peter wird bald entlassen. Er lächelt unsicher, wenn er daran denkt. "Ich hab Schiss davor", gesteht er. "Hier drin, das ist ein geschützter Raum, da kann man sich auch einfach mal fallen lassen." Peters Entschluss steht aber inzwischen fest. Er will zu Michaela ziehen. "Die steht nämlich so da", sagt er und breitet die Arme aus.

* Namen der Frauen geändert