Abhängigkeit

Alkoholsucht und wie man erste Anzeichen erkennt

Nicht immer fallen Betroffene sofort auf. Denn sie funktionieren meist normal. Erste Anzeichen können körperlich oder emotional sein.

Berlin. Ein Gläschen hier, ein Gläschen da - das ist fast Normalität. Daher fallen die ersten Anzeichen einer beginnenden Alkoholsucht den Meisten auch nicht sofort ins Auge. Die Alkoholkrankheit kann bereits durch regelmäßigen Konsum kleiner Mengen beginnen und ist von außen oft nicht bemerkbar. Ist der Betroffene weiterhin leistungsfähig, spricht man von einem funktionierenden Alkoholiker. Die Krankheit verläuft oft relativ unauffällig und langsam, meist über mehrere Jahre hinweg. Den Betroffenen wird die Schwere ihrer Krankheit oft nicht bewusst. Eine Alkoholsucht offenbart sich in zahlreichen körperlichen und emotionalen Symptomen.

Körperliche Symptome:

Der langfristige Konsum von Alkohol verursacht Magenschmerzen durch eine Magenschleimhautentzündung oder Magengeschwüre. Im fortgeschrittenen Stadium kann es zu blutigem Erbrechen oder sogar schweren Blutungen beim Platzen von Krampfadern in der Speiseröhre kommen. Typisch sind auch Übelkeit und Schwäche sowie morgendliches Zittern aufgrund von Entzugssymptomen. Häufigere Blutergüsse, Gerinnungsstörungen oder Schlafstörungen deuten ebenfalls auf eine Alkoholproblematik hin. Exzessives Trinken schädigt die Leber. Die kognitiven Fähigkeiten nehmen ab.

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Emotionale Symptome:

Typisch ist zunächst, dass das Alkoholproblem bagatellisiert oder geleugnet wird. Zunehmend fallen starke Stimmungsschwankungen auf. Häufig sind ein geringes Selbstwertgefühl und depressive Gefühle zu beobachten. Immer öfter treten dann aber auch eine starke Reizbarkeit sowie verbale und körperliche Gewalt mit häufigeren Wutausbrüchen und übertriebenen Verhaltensweisen in den Vordergrund. Schleichend engt sich das Denken auf das Thema Alkohol ein. Andere Interessen oder Mitmenschen werden vernachlässigt. Neben den ständigen Versprechen, sich zu ändern und aufzuhören, prägen Selbstvorwürfe und Schuldgefühle die familiäre Situation.


„Ich habe immer gut funktioniert“ – Alkoholsucht bei Frauen wird immer größeres Problem

Begonnen hat es bereits früh in der Kindheit mit Weinbrandbohnen und Eierlikör. Später, in der Schulzeit, schmeckte der Tee mit Rum einfach besser. „Ich habe Alkohol schon als Kind sehr gemocht“, sagt Morena Schmitt. „Wahrscheinlich war ich bereits als Studentin alkoholsüchtig.“ Der Alkohol half ihr, „die Welt auszuhalten“. Die 50-jährige Journalistin, die in einem Winzerdorf im Breisgau lebt, hat vor zwölf Jahren mit dem Trinken aufgehört. Seitdem macht sie ihr Schicksal öffentlich, um andere Frauen aufzurütteln. „Trinkende Frauen sind immer noch ein Tabu“, kritisiert sie.

Alkoholikerinnen wurden nach Worten von Professor Karl Mann, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung, in den vergangenen 20 Jahren nicht beachtet und sind heute „ein sehr großes Problem“. Frauen werden schneller süchtig und tragen schwerere gesundheitliche Folgen davon. Darüber hinaus sind sie schwerer therapierbar, „weil sie aus Scham viel später als Männer Hilfe annehmen“, sagt Mann.

Etwa ein Drittel der Alkoholsüchtigen in Deutschland ist weiblich. Nach dem Bericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung von 2010 sind rund 370.000 Frauen alkoholabhängig. Experten vermuten eine hohe Dunkelziffer, denn Frauen trinken im Gegensatz zu ihren männlichen Saufkumpanen eher heimlich und allein in den eigenen vier Wänden. Sie können ihre Sucht lange verstecken, weil sie trotzdem Job, Familie und Haushalt noch gut managen. „Ich habe immer gut funktioniert“, erinnert sich Morena Schmitt. „Viele meiner Arbeitskollegen waren überrascht, als ich davon erzählt habe.“

In der Altersgruppe der Zehn – bis 20-jährigen sowie der 40- bis 59-jährigen Frauen spielt Alkoholsucht dem Drogenbericht zufolge die größte Rolle. Zwischen 45 und 54 Jahren trinkt mittlerweile jede fünfte Frau mehr als zwölf Gramm reinen Alkohol pro Tag. Die typische Trinkerkarriere beginnt nach den Worten von Professor Mann mit 15/16 Jahren. „Regelmäßiges Trinken ab Mitte 20 verursacht zehn bis 15 Jahre später die ersten gesundheitlichen Probleme“, sagt der Suchtforscher. Die Leberwerte sind erhöht, die Haut verändert sich, und die Konzentration lässt nach. Im vierten Lebensjahrzehnt ist die Grenze zur Sucht überschritten.

Nach einer großangelegten Studie in Deutschland macht Alkohol Frauen im Schnitt vier bis fünf Jahre schneller süchtig als Männer. Schuld daran sind nach den Worten Manns nicht wie bislang gedacht der unterschiedliche Stoffwechsel, sondern die höheren Fettanteile im weiblichen Körper. Da sich Alkohol nicht im Fettgewebe löst, haben Frauen somit bei gleicher Trinkmenge und Trinkgeschwindigkeit durch das geringere Verteilungsvolumen eine höhere Alkoholkonzentration im Blut als Männer.

Der Weg in die Sucht führt meist über die Familie. Studien zufolge ist es zu 60 Prozent genetisch bedingt, ob jemand anfällig für Alkohol ist oder nicht, sagt Mann. Das Vorbild der Eltern spielt eine entscheidende Rolle. Viele der Alkoholikerinnen sind in der Kindheit vernachlässigt oder sexuell missbraucht worden. Hinzu kommt die Trinkkultur der Gesellschaft. „Emanzipierte Frauen wollen wie Männer trinken“, sagt Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle gegen Suchtgefahren. Alkoholwerbung richtet sich gezielt an Frauen. Zudem ist Hochprozentiges billig und an jeder Ecke zu haben.

Trinken ist gesellschaftlich anerkannt, Abstinenzler gelten oft als „Weicheier“, sagt Hans Jürgen, Mitglied der Anonymen Alkoholiker Deutschlands, der zum persönlichen Schutz seinen Nachnamen nicht veröffentlichen will. Allerdings werden trinkende Männer und Frauen ganz unterschiedlich bewertet. „Wenn Männer betrunken aus dem Bierzelt getragen werden, sind sie Helden, Frauen dagegen versoffene Schlampen.“

Für Morena Schmitt war der Alkohol „Mutmacher, Einschlafhilfe und Problemlöser“. „Frauen trauen sich nicht, Nein zu sagen, wenn sie etwas nicht schaffen“, sagt die Journalistin. Sie selbst habe mit dem Trinken die persönlichen Belastungen kompensiert. Den Schlussstrich zog die heute trockene Alkoholikerin, als sie „an einer ganzen Ketten von Tiefpunkten“ angelangt war. „Ich wollte mir wieder in die Augen schauen können.“

Der Weg in die Abstinenz war für sie sehr anstrengend. Sie ließ sich stationär entgiften und nahm an einer ambulanten Therapie teil. Vor allem aber hat ihr der Kontakt zu Mitbetroffenen geholfen. Zeitweise besuchte sie bis zu vier Selbsthilfegruppen. Vor zehn Jahren hat sie in Freiburg die offene Selbsthilfegruppe „FrauSuchtGespräch“ gegründet. „Es ist gut, nicht allein mit seinen Problemen zu sein.“

Diese Erfahrung hat auch Hans Jürgen gemacht. „Seit 18 Jahren gehe ich jede Woche zu den Meetings, und seit 15 Jahren bin ich trocken“, sagt er.

(http://www.frausuchtgespraech.de