Brief aus der Mühle

So möchte man alt werden ...

Senioren im  Pflegezentrum  Lebenswärme in Zernien bepflanzen ein Hochbeet. Eine Mitarbeiterin unterstützt sie dabei

Senioren im Pflegezentrum Lebenswärme in Zernien bepflanzen ein Hochbeet. Eine Mitarbeiterin unterstützt sie dabei

Foto: Seniorenpflegezentrum Lebenswärme

Das Seniorenzentrum Lebenswärme bei uns auf dem Land macht seinem Namen alle Ehre. Es funktioniert wie ein Dorf im Dorf.

Zernien.  Else ist eine Legende. Ihre Kneipe in einem kleinen Weiler zwischen Lüchow und Dannenberg war Kult. Else hatte nämlich das Brathähnchen, das man sonst nur aus dem Wienerwald in den Großstädten kannte, ins Wendland gebracht. Na gut, ordentlich gebechert wurde bei Else auch. Ein Problem für die Gäste? Nicht wirklich. Kaum Verkehr, kaum Polizei. Als meine Frau Anke und ich vor 20 Jahren mit der Anlage unseres kleinen Mühlenparks begannen, gab es zwar noch Else, aber nicht die Kneipe.

Ende Legende? Else macht jetzt Sport. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Mit 95. Gut, ich denke mal, was sie macht, ist eher so eine Art altersgerechter Gymnastik. „Macht aber Spaß“, sagte die frühere Kultwirtin. Sie wohnt jetzt im Seniorenpflegezentrum Lebenswärme – nachdem sie noch mehr als zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes allein in ihrem Haus in unserem Dorf gelebt hatte. Den Umzug hat sie nie bereut.

Die Küche ist gut, Ratssitzungen finden hier statt

Ich hatte mir das nie vorstellen können – dass Else mal aus ihrem Haus auszieht. Aber ich hatte mir auch nicht vorstellen können, dass ein weiteres Seniorenwohnheim im Landkreis Lüchow-Dannenberg eine gute Geschäftsidee sein könnte. „Gibt es nicht schon reichlich Wohnstifte bei uns?“, fragte ich Anke, als wir vor fünf Jahren das erste Mal das Bauschild sahen – direkt neben dem Gasthaus Zur deutschen Eiche in Zernien. Ein alteingesessenes Gasthaus mit Zimmern für Übernachtungsgäste. Die Küche ist gut, Ratssitzungen finden hier statt. Die Eiche hat eine Kegelbahn und einen Saal. Hier werden Hochzeiten gefeiert, nach Beerdigungen trifft man sich zum Kaffee.

Im letzten Mai waren Anke und ich noch da. Unsere Nachbarn Ingrid und Friedhelm hatten goldene Hochzeit. Sie leben, als Letzte in unserem Dorf, noch in einem sogenannten Dreigenerationenhaus – also Großeltern, Eltern und Enkelkinder unter einem Dach. Bis vor wenigen Jahren hatte noch die Urgroßmutter dort gewohnt, bis zu ihrem Tod von der Familie betreut. Dieses – ich gebe es zu – etwas sehr romantische Bild vom Leben auf dem Land hatte ich wohl im Kopf, als ich die Idee vom Bau des damit neunten Altenheims in einem Landkreis mit knapp 50.000 Einwohnern für keine gute Idee gehalten hatte.

Die Zahl der Einwohner im Landkreis wird weiter sinken

„Die Jungen ziehen weg, die Alten bleiben“, sagt Diana Steinbrenner (36), Lebenswärme-Geschäftsführerin. Landflucht halt. Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der Einwohner im Landkreis, der flächenmäßig halb so groß wie das Saarland ist, noch um 20 Prozent sinken, heißt es im „Handlungskonzept Demografischer Wandel“ der Landesregierung in Hannover von 2012. Vor 20 Jahren gab es in unserem Dorf noch fünf landwirtschaftliche Betriebe, jetzt sind es noch zwei. Sieben Familien, insgesamt 31 Einwohner. Jetzt sind es 20, davon nur noch drei unter 20.

Und das Wohnheim Lebenswärme? Kann sich vor Anfragen nicht retten. In diesem Jahr wird ein Anbau fertig. Dann gibt es knapp 90 Plätze – und immer noch 50 Namen auf der Warteliste. Das allerdings hat nicht nur mit der Landflucht, sondern vor allem mit dem Konzept Lebenswärme zu tun. Das ist hier wörtlich gemeint, wie man am Beispiel meiner alten Nachbarin Else erleben kann. Lebenswärme wird hier gelebt.

Es geht fröhlich zu in dem „Dorf im Dorf“

Es geht fröhlich zu in dem „Dorf im Dorf“, wie Pflegeleiterin Petra Zuther (52) die Anlage beschreibt. Die einzelnen Abteilungen mit den Pflegplätzen sind alle ebenerdig um zwei Innenhöfe gruppiert. Um die drei Hauskatzen kümmern sich die Bewohner selber. Jede Kleinwohnung hat eine kleine Terrasse. ­Private Pflanzkübel sind erlaubt, Futterplätze für Vögel auch. In Hochbeeten bauen die Bewohner sommers Salat, Paprika oder Tomaten an. Und wenn es trotzdem einmal zu beschwerlich wird, „packen wir auch mit an“, sagt Petra ­Zuther.

Wie andere Heime auch, bietet Lebenswärme Ausflüge an, sorgt das Haus für Spiele und Unterhaltung. Anders als die meisten Pflegezentren, die von Caterern beliefert werden, kocht man in Zernien selber. Wer will und kann, kegelt vormittags in der Deutschen Eiche oder sitzt, gegenüber dem Heim, sommertags auf der Terrasse der Bäckerei Rasche, laut Magazin „Feinschmecker“ einer der besten Biobäcker Deutschlands. Und selbstverständlich sind die Bewohner der Lebenswärme gerne gesehene Gäste beim Weihnachtsmarkt auf dem nahen Dorfplatz, bei der Gewerbeschau oder beim Aufstellen des Maibaums.

Und, wann wird wieder angebaut? „Im Moment denken wir noch nicht daran“, sagt Petra Zuther. Dazu müssten zusätzlich Fachkräfte eingestellt werden – trotz der acht Ausbildungsplätze in nur vier Jahren. Da ist es im „Dorf im Dorf“ wie in der Stadt. Leider.

Bis zum nächsten Wochenende, herzlichst Ihr Karl Günther Barth