Brief aus der Mühle

Ein Wolf an der Schulbus-Haltestelle

Ein Wolf in freier
Wildbahn, fotografiert
neben einer
Straße im Kreis
Cloppenburg

Ein Wolf in freier Wildbahn, fotografiert neben einer Straße im Kreis Cloppenburg

Foto: Petra Averbeck / dpa

Immer häufiger tauchen die Tiere auch bei uns im Wendland auf. Müssen wir uns alle fürchten? Oder ist das nur Hysterie.

Hamburg. Ein komisches Gefühl war das schon. Irgendwie. Neulich abends, es war schon dunkel, als meine Frau Anke mich fragte: „Kannst du noch mal einen Kasten Wasser aus der Remise holen?“ Remise nenne ich etwas hochtrabend ein kleines Häuschen am Weg zu unserer kleinen Mühle im Wendland. Eine nach vorn offene Garage, dazu zwei Räume – Miniwerkstatt, Aufbewahrungsort für Gartengeräte und Getränke. „Ist was mit dem Licht?“, fragte meine Frau, als ich die große Stablampe mitnahm. „Nein, nein“, wehrte ich ab. Den Pflasterweg zur Remise beleuchtet nämlich eine Außenlaterne, die sich bei Dämmerung automatisch einschaltet.

Doch da war was. Ich wollte etwas in der Hand haben, um mich notfalls wehren zu können. Gegen den Wolf. Ein Jäger hatte mich nachmittags auf „eindeutige Spuren“ hingewiesen. Auf dem Weg, der an unserer Mühle vorbei zum Wald führt. Angst vorm bösen Wolf? Ich doch nicht. Der Wolf sei scheu und meide den Menschen – und habe die Willkommenskultur für die Zuwanderer aus dem Osten stets verteidigt. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hatten sich die ersten Wölfe aus Polen auf den Weg in den Westen gemacht. Politisch sehr korrekt bezeichnete ich sie als eine „Bereicherung für unsere Wälder“.

Rasanter verbreitet als angenommen

Anfangs waren es nur einige wenige. Doch der Wolf hat sich rasanter verbreitet als angenommen. Vier bis sechs Welpen bringt eine Wolfsfrau im Schnitt jedes Jahr zur Welt. Der Abschuss ist strengstens untersagt, das Auto der schlimmste Feind des Wolfes. 500 Tiere zählt das Wolfs-Monitoring. 50 Rudel durchstreifen danach unsere Wälder, die meisten in den ostdeutschen Bundesländern. In Niedersachsen sind es etwa 100 Wölfe, deren Erhalt das Land sich in diesem Jahr knapp eine Million Euro kosten lässt. Das Geld fließt etwa in den Bau von Schutzzäunen für Schafe und Rinder. Um zum Beispiel tödliche Angriffe auf Nutztiere aufzuklären, nehmen Wolfsberater jedes Mal eine DNA-Probe. Kosten seit 2012 allein in Niedersachsen: rund 73.000 Euro. 10.000 Euro kostete eine Art Rettungswagen für Wölfe, die bei Verkehrsunfällen verletzt werden.

4000 Wölfe etwa halten Naturschützer vom BUND für bei uns inte­grierbar. Um Himmels willen, sagen die Gegner. Emotionen kochen auf beiden Seiten hoch. Schafzüchter karren mal von Wölfen gerissene Tier vors Umweltministerium in Magdeburg. Landfrauen, die Angst um ihre Kinder haben, organisieren mit Jägern und Tierzüchtern Mahnfeuer.

Wolf ein Wahlkampfthema

Alles nur Hysterie? In Niedersachsen war der Wolf jetzt ein Wahlkampfthema. Auf einer Konferenz der Agrarminister Ende September in Lüneburg deutete sich ein Kurswechsel an. Keine formelle Obergrenze für Wölfe. Das Wort ist offenbar tabu. Aber Niedersachsen tritt nach einem Bericht der „Elbe-Jeetzel Zeitung“ (EJZ) dafür ein, dass notfalls sogar ganze Problemrudel abgeschossen werden können.

In den Städten, so nehmen es bei uns auf dem Land viele an, glaubten die Menschen offenbar, wie schön es doch sei, dass der Wolf wieder durch die Wälder streife. Wie in einem großen Freiluftzoo. Auf dem Land dagegen beeinträchtige es nachhaltig die Lebensqualität. Muss man da, wie sonst besser auch, in den Städten die Sorgen und Ängste der Menschen auf dem Land nicht ernster nehmen als vielleicht bisher?

Ines Bokelmann ist die Schwiegertochter eines Bauern aus unserem Dorf. Die 41-Jährige bewirtschaftet ihren eigenen Hof im Landkreis Uelzen. Sie lässt ihre Kinder, acht und zehn Jahre alt, nicht mehr allein am nahen Bach spielen, nachdem dort Wölfe gesichtet worden waren. Das hatte ihr sogar ein Wolfsberater empfohlen. In Dörmte, keine 20 Kilometer von unserer Mühle entfernt, stromert seit einigen Wochen immer mal wieder ein einsamer Wolf um die Häuser. Wenn Bettina Giesecke sich mit ihren beiden kleinen Kindern auf den Weg durchs Dorf macht, hat sie eine Gaspistole dabei, für die sie „extra den Kleinen Waffenschein beantragt hat“.

Ist der Wolf von Dörmte etwa scheu? „Keine Spur“, sagen die Leute. Kürzlich schlich das Tier morgens um kurz vor acht Uhr um die Bushaltestelle. Nur wenige Minuten zuvor war der Bus mit den Schulkindern abgefahren. Dirk Meyer, Bruder einer Nachbarin aus unserem Dorf, hat den Wolf mit seinem Auto verfolgt, bis er in einem Maisfeld verschwand. Als Meyer beim zuständigen Wolfsbüro anrief, ist ihm gesagt worden: „Beobachten Sie das weiter. Wenn sich das häuft, werden wir handeln.“

Ich frage mich, was in Hamburg los wäre, wenn das etwa in Blankenese oder Bergedorf passiert wäre ...

Bis zum nächsten Wochenende, herzlichst Ihr Karl Günther Barth

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