Brief aus der Mühle

Linkes Gärtnern ist gut und schön – aber wer macht die Arbeit?

Der Kappenmohn oder auch Schlafmützchen ist eine Präriepflanze, deren Saat schon 1825 nach England gelangte.

Der Kappenmohn oder auch Schlafmützchen ist eine Präriepflanze, deren Saat schon 1825 nach England gelangte.

Foto: Picture Alliance

Mit Samenbomben ist es nicht getan. Dann doch lieber etwas nachhaltig Pflegeleichtes pflanzen, zum Beispiel Schlafmützchen

Alles ist politisch. „Wer zweimal mit demselben pennt, gehört schon zum Establishment“, skandierten 1968 rebellische Studenten und machten sich auf den langen Marsch durch die Institutionen. Das mit dem Sex war bald Geschichte, es ging ums große Ganze. Umwelt und Natur, Nachrüstung und Atomkraft. Die AKW hat dann eine CDU-Kanzlerin abgeräumt. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Nun also der Garten. Linkes Gärtnern bedeutet nicht nur Achtsamkeit durch faires, autonomes Gemüse – wenn nicht aus der Region, dann von begrünten Großstadtdächern. Gärtnern als Widerstand gegen den Ästhetik-Terror von Grünflächenämtern? Urban Gardening hat es sogar in den Hamburger Koalitionsvertrag von SPD und Grünen gebracht.

Katharina Fegebank, die grüne Landeschefin, hatte im Wahlkampf noch von Samenbomben geschwärmt. Das sind Kügelchen mit Pflanzensamen, die ursprünglich nächtens von Radfahrern auf öde Verkehrsinseln geschleudert wurden. Mittlerweile werden sie schon als Wahlkampfgeschenke verteilt, gern im ökologischen Jutesäckchen. Sogar bei Manufactum, dem Handel für die „guten alten Dinge“, kann man sie kaufen – sechs Stück das Tütchen für 6,80 Euro, „hergestellt in Handarbeit“. Eine „heimische Saatgutmischung“ unter anderem mit Natternkopf, Moschusmalve und Venus-Frauenspiegel.

„Das ist doch mal was. Die tun wenigstens was“, war meine Frau Anke ganz begeistert – angesichts des wenig schönen Anblicks, den das öffentliche Grün in Hamburg bietet. Schuld daran sind die Regierenden gleich welcher Couleur, die jahrelang das öffentliche Grün immer stiefmütterlicher behandelten, bis am Ende die Hansestadt mit ihren Ausgaben für Verkehrsinseln und Parks, von einigen Vorzeigegrünflächen mal abgesehen, am Ende einer bundesdeutschen Skala angelangt war.

Wenn Menschen sich fragen, wie sie ihre Städte lebenswerter machen, finde ich das wie der Münchener Professor und Landschaftsarchitekt Udo Weilacher grundsympathisch. Wenn aber „irgend ein Hipster eine Samenbombe in einen Park schmeißt, nach dem alten Kriegsmotto ,fire an forget‘, dann ist mir das zu viel Attitüde und zu wenig Nachhaltigkeit“, sagte der renommierte Experte schon vor zwei Jahren der „Zeit“ – als das Guerilla Gardening gerade einen Höhepunkt in Deutschland erlebte.

Der Mann hat ja recht, wie wir Gärtner wissen. So ein „Attensaat“ macht noch keinen Gartenfrühling in der Großstadt. Das meiste verdorrt gleich oder wird von „unerwünschten Beikräutern“ (vormals Unkraut) überwuchert. Etwa von der Großen Brennnessel (Utica dioica), einem der beliebtesten, weil weit verbreiteten Gewächse im öffentlichen Hamburger Raum.

Was also fehlt beim spaßigen Samenbomben, ist die Nachhaltigkeit. Wir Gärtner wissen, was das bedeutet, nämlich Arbeit. Nach einer Faustformel benötigt ein Quadratmeter Garten eine Stunde Arbeit im Jahr. Da kommt schon bei einem Reihenhausgarten von 250 Quadratmetern einiges zusammen. Aber haben Sie mal einen Hipster mit regionalem Tattoo auf dem Unterarm mit der Gießkanne auf einer Verkehrsinsel gesehen?

Ganz im Vertrauen: Unser kleiner Mühlenpark im Wendland hat etwa 7000 Quadratmeter, weshalb ich auch dauernd auf der Suche nach sogenannten pflegeleichten Gewächsen bin – und jetzt mal wieder fündig wurde, im „Gartenfreund“. Das ist die „Zeitschrift für das Kleingartenwesen“, das oft zu unrecht belächelt wird und in der deutschen Seele tief verwurzelt ist. Einer ihrer Ursprünge ist übrigens hochpolitisch und liegt in der deutschen Arbeiterbewegung, die in ihren Gartenkolonien Gemüse anbaute. Die Nazis wollten daraus braune Gartenzwerge mit grünem Daumen machen, in der DDR waren die Datschen private Zufluchtsorte vor dem kommunistischen Staat und im Westen bis in die letzte Zeit Hochburgen der Sozialdemokratie.

Das gesammelte Wissen der Kleingärtner ist für einen Hobbygärtner wie mich eine Art gesammeltes Ackergold. Unter der Zeile „Pflegeleichte Dauerblüher für das ganze Gartenjahr“ haben es mir diesmal besonders der Strandflieder (Limonium sinuatum) und der Kalifornische Kappenmohn (Eschscholzia californica) angetan. Beide werden etwa 30 bis 40 Zentimeter hoch und wachsen sogar auf ärmsten, trockenen Böden. Der Kappenmohn oder auch Schlafmützchen ist eine Präriepflanze, deren Saat schon 1825 nach England gelangte. Einmal angewachsen, ist er mehrjährig, sät sich aber auch selber aus und blüht in verschiedenen Farben. Beim Strandflieder muss man im Herbst nur die Blüten ausschneiden. Düngen und gießen kann man sich komplett sparen.

Bis zum nächsten Wochenende, herzlichst Ihr Karl Günther Barth