Brief aus der Mühle

Wie die Apothekerrose zu Weltruhm kam

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Apothekerrose (Rosa gallica officinalis) - Theobald II., einem Kreuzritter und König von Navarra, hat sie als „rote Rose von Damaskus“ nach Europa gebracht, ehe sie später als Apothekerrose zu Weltruhm gelangte.

Apothekerrose (Rosa gallica officinalis) - Theobald II., einem Kreuzritter und König von Navarra, hat sie als „rote Rose von Damaskus“ nach Europa gebracht, ehe sie später als Apothekerrose zu Weltruhm gelangte.

Foto: Picture Alliance

Jetzt ist Pflanzzeit für die Königin der Blumen. Und Rosa gallica officinalis ist schön, ihre Öle als Medizin bei Wunden sind legendär

„Noch mehr Rosen?“ Diese Frage stand meiner Frau Anke geradezu auf der Stirn geschrieben. Der Oktober ist nämlich die beste Pflanzzeit für die Königin aller Blumen – und der Tisch vor mir war voll mit Katalogen. Die zweite Frage wäre dann die gewesen: „Das geht sicherlich wieder ins Geld!?“ Nun ist Anke selber eine Rosenfreundin, aber seitdem meine Mutter sie vor einigen Jahren beiseitegenommen und ihr geraten hatte: „Pass auf, dass der Junge nicht sein ganzes Geld in den Garten steckt“, hätte ich einen zarten Hinweis von ihr auf die Preisliste nicht für ausgeschlossen gehalten. Gott sei Dank wird meine Leidenschaft fürs Gärtnern noch von der für meine Frau übertroffen. Und da halte ich es mit dem englischen Schriftsteller Oscar Wilde, der mal sinngemäß sagte: Die einzige Möglichkeit, eine Versuchung zu überwinden, sei, sich ihr hinzugeben.

„Keine Sorge“, sagte ich vorsichtshalber. Mein Interesse galt auch weniger den Katalogen, sondern dem „Gartenfreund“, der Verbandszeitschrift für das Kleingartenwesen. Bei manchen Leuten haben Schrebergärtner noch immer ein, sagen wir mal, etwas kleinbürgerliches Image. Das stimmt schon lange nicht mehr mit der Wirklichkeit überein. Junge Leute drängen heutzutage auf die Wartelisten für einen Kleingarten, um in Ermangelung eines eigenen Gartens auf ihrer Pachtparzelle etwa Obst und Gemüse anzubauen. Der Biotrend hat da sicherlich eine Rolle gespielt.

Gut, wir haben keinen Kleingarten, wir haben einen kleinen Mühlenpark im Wendland. Aber ich schätze die Lektüre des „Gartenfreundes“. Kleingärtnern, ist mein Eindruck, kann man so schnell kein X für ein U vormachen. Viele haben ein solides Fachwissen, gewonnen in manchmal jahrzehntelanger Beschäftigung mit ihren Pflanzen. Es geht um handfeste Tipps, und so findet man auch keine Lobeshymnen auf die jüngsten Züchtungen der Gartenindustrie mit ihren bunten Prospekten. Okay, vieles kenne ich, nach der Lektüre des „Gartenfreundes“ habe ich aber immer das Gefühl, etwas hinzugelernt zu haben. Und das erwartet ja man von einer Zeitschrift. Vielleicht ginge es ja auch der kriselnden Pressebranche insgesamt besser, wenn sie weniger oberflächlich wäre und sich wieder mehr auf Inhalte und Qualität besinnen würde.

In der Oktober-Ausgabe schreibt etwa Reinhard Witt über „Gartenrosen für Natur und Mensch“. Der vielfach preisgekrönte Autor, Biologe und Gartengestalter aus dem oberbayerischem Ottenhofen ist kein strikter Verfechter der Ideologie, nur einheimische Wildrosen zu pflanzen, wie das manche glaubensfeste Ökogärtner tun, sondern empfiehlt sogenannte naturnahe Rosen, die den Vorteil haben, dass sie weniger Platz zum Wachsen brauchen und eine längere Blütezeit von bis zu zwölf Wochen besitzen. Naturnah, so Witt, können alte und auch moderne Rosen sein. Er zählt dazu die ehrwürdige Apothekerrose (Rosa gallica officinalis), die der Legende nach von Theobald II., einem Kreuzritter und König von Navarra, als „rote Rose von Damaskus“ nach Europa gebracht wurde, ehe sie später als Apothekerrose zu Weltruhm gelangte. Diesen Namen bekam sie, weil ihre Blütenblätter den höchsten Ölgehalt der damals bekannten Rosen hatte und das daraus gewonnene Rosenöl als Medizin gegen Entzündungen und zur Wundbehandlung in Apotheken verkauft wurde. Gallica-Rosen, zu denen auch die Sorten Versicolor und Charles de Mills gehören, werden bis zu anderthalb Meter hoch, haben kaum Stacheln und sind im Juni und Juli mit ihren karminroten bis purpurnen Blüten ein Blickfang. Die berüchtigten Krankheiten wie Rosenrost und Mehltau machen ihnen wenig aus, sie blühen und fruchten reichlich – wie auch die Moschusrose Ballerina, die es als moderne Rose erst seit 1937 gibt.

Naturnah sind für den Gartengestalter Witt alle Rosen, die nicht als unfruchtbar gezüchtet wurden. Das heißt: alle Rosen, die nach der Blüte Hagebutten ausbilden. Die sehen nicht nur für uns Menschen im Herbst und Winter hübsch aus, sondern sind auch Futter für viele Vögel. Damit Hagebutten entstehen können, müssen die Blüten vorher bestäubt werden – von Bienen oder Wespen. Das geht natürlich nur bei ungefüllten, halb- und fast gefüllten Blüten wie etwa bei meinem Liebling, der Damaszenerrose Rose de Resht, die sogar bis zum November blüht. Wenn die „Giftspritze verpönt ist“ (Witt), kommen wir bei naturnahen Rosen ohne ständiges Schnipseln, Düngen oder Anhäufeln aus. Pflegeleicht heißt das – und das hört man ja gerne.

Reinhard Witt hat zwei sehr schöne wie hilfreiche Bücher geschrieben, die man bei ihm selber bestellen kann (Telefon 08121/46483 oder E-Mail reinhard@reinhard-witt.de). Eine Liste mit den 25 wichtigsten naturnahen Rosen gibt es auch über das Abendblatt.

Bis zum nächsten Wochenende, herzlichst Ihr Karl Günther Barth

Haben Sie Fragen oder Anregungen?Sie erreichen mich unter: garten@abendblatt.de