Brief aus der Mühle

Die Pflanze, die Asterix und Obelix Zauberkräfte gab

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Weil die Menschen sich früher nicht erklären konnten, wie MIsteln (Viscum album) in die Wipfel der Bäume kommt, glaubten sie, Götter hätten den Samen vom Himmel fallen lassen

Weil die Menschen sich früher nicht erklären konnten, wie MIsteln (Viscum album) in die Wipfel der Bäume kommt, glaubten sie, Götter hätten den Samen vom Himmel fallen lassen

Foto: Picture Alliance

Um kaum ein Gewächs ranken sich so viele Mythen wie um die Mistel. Sie wächst in Bäumen, schadet diesen aber nicht...

Meine Frau Anke guckte schon ein bisschen komisch, als ich neulich vom Besuch eines Weihnachtsmarkts mit einem Mistelstrauch nach Hause kam. Der sehe ja recht hübsch aus, befand sie, aber wir hätten doch die schönen Zweige mit roten Ilex-Beeren. Die stammten nicht nur aus dem eigenen Garten, sondern kosteten auch nix. Na gut, Anke hat natürlich nichts gegen Küssen unter Mistelzweigen, wie es in England und den USA zu den Weihnachtsbräuchen gehört. Aber küssen tun wir uns auch so – und sollten nicht jede Mode wie Halloween oder Valentinstag mitmachen, die vor allem dem einschlägigen Fachhandel nützt. Also antwortete ich schnell: „Ich brauche den Samen in den Beeren, um Misteln anzupflanzen.“ Misteln, draußen im Wendland, in unserem kleinen Mühlenpark – jene immergrünen, kugeligen Schmarotzerpflanzen, die man meist erst im Winter in kahlen Laubbäumen wie Pappel, Ahorn oder Linde entdeckt.

Es war, zugegeben, ein Spontankauf gewesen. Aber die Pflanze hatte mich schon länger fasziniert. Um kaum eine heimische Pflanze ranken sich so viele Mythen wie um die weißbeerige Mistel. Weil die Menschen sich früher nicht erklären konnten, wie Viscum album in die Wipfel der Bäume kommt, glaubten sie, Götter hätten den Samen vom Himmel fallen lassen. Der lateinische Name Viscum bedeutet so viel wie Leim, weil die Römer aus dem klebrigen Beeren eine Art antikes Uhu herstellten. Baldur, der eigentlich unverwundbare germanische Lichtgott, wurde durch einen Pfeil aus Mistelholz getötet. Römische Geschichtsschreiber berichten von keltischen Druiden, die bei Mondschein in weißen Gewändern mit goldenen Sicheln Mistelzweige in den Bäumen schlagen, um daraus Zaubergetränke zu brauen – gegen Unfruchtbarkeit und Vergiftungen. Albert Uderzo und René Goscinny haben nicht nur Asterix und Obelix erfunden, sondern auch Miraculix, dessen Gebräu den beiden gallischen Helden Zauberkräfte verleiht. Vielleicht heißt die Mistel bis heute deshalb noch in manchen Landstrichen Hexenbesen oder Hexenkraut.

Der alte Mistelzauber kann aber auch damit zusammenhängen, dass Viscum eine ganz und gar absonderliche Pflanze ist. Der Halbschmarotzer ist durch und durch grün. Nicht nur seine Blätter, sogar die Wurzeln, die eigentlich keine sind, sondern Absenker, mit denen sich das Gehölz in den Wirtsbaum bohrt, um seine Leitungsbahnen nach Wasser und Nährsalzen anzuzapfen. Im Gegensatz zu echten Schmarotzern betreiben sie nämlich über ihre Blätter Fotosynthese und sind nicht auf die fertigen Assimilate der Wirtspflanze angewiesen – was viele nicht wissen und deswegen Angst vor einem Mistelbefall in ihren Bäumen haben.

Grundsätzlich sind sich Ökologen und Wissenschaftler einig, dass Misteln nur alte und schon kranke Bäume gefährden. Mein Nachbar, ein Landwirt, blieb trotzdem skeptisch, als ich ihm vor Jahren mal meinen Plan erklärte, Misteln anzusiedeln. „Musst du das Teufelszeug wirklich nach hier holen?“, fragte er ungläubig, das mache die Bäume tot. Der Mann wurde erst nachdenklich, als ich ihm erklärte, dass in der Geschichte nicht die Mistel, sondern der Mensch der Feind der Bäume gewesen sei. Die Zedern des Libanons wurden gefällt, um Galeeren für die Römer zu bauen. In Vietnam sorgten die Amerikaner mit dem Kampfstoff „Agent Orange“ für die Entlaubung ganzer Landstriche.

Und wie kriege ich nun Misteln in meinen Mühlenpark? – Ich will ja nicht warten, bis Drosseln im Harz, wo die Mistel noch vorkommt, Samen ins Wendland bringen. Normalerweise sorgen nämlich Vögel für eine natürliche Verbreitung. Sie fressen die Beeren und scheiden die Samen mitsamt der klebrigen Hülle aus. Sofern sie das auf einem geeigneten Baum tun, treiben sie aus und bilden neue Mistelbüsche. Die Pflanzen entwickeln sich sehr langsam, erst im zweiten Jahr ist ein dünner Trieb zu sehen. Nach fünf Jahren ist mit den ersten Beeren zu rechnen. Ich versuche der Natur auf die Sprünge zu helfen, indem ich Mistelbeeren zerdrücke und die Samen mitsamt der klebrigen Hülle in Astgabeln fixiere. Leider kann ich erst in zwei Jahren feststellen, ob sie auch Fuß gefasst haben. Ein bisschen Geduld gehört halt dazu.

Bis zum nächsten Wochenende, herzlichst Ihr Karl Günther Barth

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