Deponien als Goldgruben

Wissenschaftler entdecken neue heimische Ressourcen: Sie wollen aus alten Abfallhalden Rohstoffe gewinnen

Wenn Stefan Gäth nach Rohstoffen bohren lässt, dann höchstens in einer Tiefe von 25 Metern. Denn der Professor für Abfall- und Ressourcenmanagement an der Universität Gießen sucht nicht in Gesteinen nach Metallen und anderen Einsatzstoffen, er lotet eine Rohstoffquelle der Zukunft aus: alte Hausmülldeponien. Sie könnten in wenigen Jahrzehnten, wenn viele Rohstoffe knapp und entsprechend teuer geworden sind, eine wichtige Rolle bei der Versorgung des Industrielands Deutschland spielen, meint Gäth.

Vorerst gilt es zu ermitteln, welche Schätze überhaupt in alten Mülldeponien schlummern. Dazu greift Gäths Arbeitsgruppe im ersten Schritt auf Archivmaterial wie alte Abfallanalysen zurück und errechnet ein theoretisches Wertstoffpotenzial für einzelne Abfallhalden. "Wir untersuchen derzeit das Potenzial von drei Deponien, für Reiskirchen im Landkreis Gießen, für Hechingen bei Tübingen und für die Deponie Dyckerhoffbruch in Wiesbaden. Zunächst geht es uns darum, wie wir heute den nachsorgenden Umweltschutz der Deponie betreiben: Dichten wir sie endgültig ab und machen sie unzugänglich, oder wählt man Verfahren, die eine mögliche spätere Nutzung erleichtern?"

Am Beispiel Reiskirchen zeigt sich, dass die Ausbeutung von Deponien bei steigenden Preisen durchaus lohnend werden kann. Auf der hessischen Halde wurden von 1973 bis 2001 etwa 3,3 bis 4,1 Millionen Tonnen Abfall abgelagert (die Mengen der ersten 13 Jahre sind unklar), vor allem Hausmüll, aber auch Gewerbeabfälle, Schlämme, Bauschutt, Erdaushub. Daraus ermittelten die Gießener Forscher allein für Metalle Ressourcenpotenziale von 100 bis 140 Tonnen. Sie sind wirtschaftlich am interessantesten und könnten Schrotterlöse von 66 bis fast 92 Millionen Euro bringen, kalkulieren die Forscher.

Allerdings müsste dazu die Halde komplett abgebaut werden und das zu weit höheren Kosten (99 bis 164 Millionen Euro). Aber gleichzeitig würden sich die Landkreise - oder wer sonst für die Müllhalde verantwortlich ist - die Nachsorge und damit 40 bis 50 Millionen Euro ersparen. Zieht man diese vermiedenen Kosten von den Rückbaukosten ab und vergleicht die Differenz (49 bis 124 Millionen Euro) mit den Schrotterlösen, rechnet sich der Abbau günstigstenfalls schon heute.

Aber so weit will Gäth nicht gehen. "In 15 Jahren wird es sicherlich realistisch sein, Ressourcen aus Deponien zu nutzen", prognostiziert er. Dabei denkt der Abfallexperte nicht nur an Metalle, sondern auch an den mengenmäßig größten Anteil, den organischen Abfall. "Er könnte als Brennstoff dienen. Altkunststoffe könnten sowohl stofflich als auch als Energieträger verwertet werden. Und Klärschlämme haben hohe Gehalte des Nährstoffs Phosphor, der ebenfalls knapp werden wird." Wenn man schon den Müll anfasse, dann müsse er auch möglichst weitgehend verwertet werden.

Natürlich enthalte alter Hausmüll auch Schadstoffe wie Batterien und Farbreste, sagt Gäth. Aber das spreche erst recht dafür, die Deponien aufzulösen, schließlich schütze dies die Umwelt. Rainer Lucas, Projektleiter Ressourcenmanagement beim Wuppertal Institut, sieht diese Art der Rohstoffgewinnung skeptischer: "Sie graben in unsicherem Terrain. Deponien wurden nicht nach einheitlichen Gesetzen betrieben, diese entstanden erst ab dem Ende der 80er-Jahre. Dass in Mülldeponien Potenziale liegen, ist klar. Aber hier ist noch viel Forschung nötig, auch wegen möglicher Altlasten."

Lucas nennt andere Rohstoffquellen, die leichter zu erschließen seien: "In Deutschland liegt mehr Kupfer unter der Erde, als es weltweit an Vorräten gibt. Viele Telefon- und Stromleitungen werden nicht mehr genutzt. Wird etwa eine Glasfaserleitung an anderer Stelle verlegt als das alte Kupferkabel, so bleibt dieses im Boden." Es sei wichtig, solche Rohstoffpotenziale zu erfassen und möglichst bundesweit ein Kataster anzulegen, sagt Lucas und stellt dann sofort die Frage: "Aber wer macht es?"

Noch wichtiger sei, den heute anfallenden metallhaltigen Elektronikschrott besser zu verwerten. Lucas: "Beim Recycling von Eisen, Kupfer und Aluminium sind wir ganz gut aufgestellt. Aber für die Rückgewinnung von strategischen Metallen wie Indium, Gallium sowie den Seltenen Erden ist noch keine richtige Strategie entwickelt. Diese Metalle sind für die moderne Elektronik in Handys, Bildschirmen oder Autokatalysatoren unabkömmlich, doch noch immer gibt es einen ordnungspolitischen Streit, wer die Kleingeräte überhaupt einsammelt." Das Recycling von jahrzehntealten Müllhalden (englisch: urban mining) sei eine "völlig neue Herausforderung", betont Rainer Lucas.

So sieht es auch Reinhard Fiedler, Sprecher der Stadtreinigung Hamburg. Er verweist darauf, dass die Hamburger seit dem ersten Juni dieses Jahres das Rohstoffreservoir mehren können, in dem sie ihre gelbe Tonne oder den gelben Sack nicht nur mit Verpackungen, sondern auch mit anderen Haushaltsabfällen aus Metall und Kunststoff füllen - zu den potenziellen Kandidaten gehören Kochgeschirr, Kinderspielzeug, Vorratsdosen, Alufolie. "Bislang landeten diese Wertstoffe in der grauen Tonne und damit in der Müllverbrennung", sagt Fiedler.

Kunststoffe im Hausmüll sind für die stoffliche Verwertung verloren. Metalle werden erst nach der Verbrennung aus der Schlacke abgetrennt. Dagegen wird die Sortiertechnik der privaten Wertstoffunternehmen, die die gelben Tonnen leeren oder die Säcke einsammeln, immer weiter ausgereizt, sodass sich die unterschiedlichen Komponenten stetig besser recyceln lassen.

Mit Blick in die Zukunft kann Fiedler sich auch mit der Idee anfreunden, Hamburger Mülldeponien einmal als Rohstoffquelle zu nutzen: "Für elf Deponien am Stadtrand muss die Stadtreinigung die Nachsorge leisten. Sie sind reine Hausmülldeponien. Da gibt es sicher keine Fässer mit Industrieabfällen wie in Georgswerder. Und die große Deponie in Neu Wulmstorf ist so gut abgedichtet und trocken, dass ein Hamburger Abendblatt aus den 60er-Jahren noch lesbar sein kann."

Der Gießener Ressourcenmanager Gäth geht jetzt die ersten Schritte in die Praxis. Die baden-württembergische Deponie Hechingen habe sein Team bereits angebohrt und die zutage geförderten Müllreste untersucht. Dabei habe sich herausgestellt, dass die Abweichungen zu den errechneten Rohstoff-Potenzialen mit zehn bis 20 Prozent relativ gering seien, so Gäth. Bei den wichtigsten Wertstoffen, den Metallen, lag die Differenz allerdings bei minus 44 Prozent. Vielleicht ein Ausreißer?

Um das und weitere Fragen zu klären, wollen die Forscher im Juli als nächstes die Wiesbadener Deponie anbohren. Gäth: "Sie wurde 1985 geschlossen, ist sehr groß und sicherlich wertstoffreich - aber auch reicher an Schadstoffen." Bald darauf wird dann auch in Reiskirchen nach verlorenen Schätzen gebohrt.

Die Untersuchungen der drei Halden könne nur ein Anfang sein, betont Stefan Gäth: "Wir müssen die Deponien als Depots betrachten. Länder müssen ihre angesammelten Rohstoffpotenziale kennen. Nur so können wir sie nutzen, wenn es sich wirtschaftlich lohnt."

Der Ressourcenmanager kann sich sogar vorstellen, neue Depots anzulegen: "China ist bislang das einzige Land, das sich konsequent Rohstoffreserven erschließt. Die Chinesen versuchen Mobiltelefone und Altkunststoffe zu bekommen. Sie lagern sie ein, um damit ihren Bedarf der Zukunft zu decken." Auch Deutschland brauche eine "Depotverordnung", die das Zwischenlagern von werthaltigen Abfällen, etwa Elektronikschrott, regelt.

Die Zwischenlager könnten in nicht allzu ferner Zukunft zu Goldgruben werden, wenn die Aufbereitungstechnologien so weit sind und die Weltmarktpreise höher liegen.