Ernst Barlach Haus

Spaß an der Seh-Sabotage

Peter Rösel blickt ungewohnt auf Alltägliches und gibt ihm eine neue Dimension

Eine Riesenwespe passiert einen Treppenabsatz mit Topfpflanzen und Gießkanne. Plötzlich taucht ein Spielzeughubschrauber auf, nimmt die Wespe an Bord und kreist mit ihr aus dem Blickfeld. Dieses Video dreht sich als Endlosschleife in zeitversetzten Loops in drei Fernsehtruhen.

Der Kontrast des Videofilms zum Abspielgerät könnte größer nicht sein. Systematisch sabotiert der Künstler Peter Rösel Seh- und Denkmuster. Fossilien der Unterhaltungselektronik, Holzmöbel aus den 50er- und 60er-Jahren mit klangvollen Namen wie "Tizian", "Rembrandt" oder "Leonardo" deutet Rösel in der Installation "AH-2668" um, stellt die Frage nach dem zivilisatorischen Fortschritt.

In der Animation "I promise ..." hat er Geldscheine aus Simbabwe, deren Wert von einem Dollar bis zu 100 Trillionen reicht, mit Buntstiftzeichungen verfremdet. Das in allen Farben schillernde Felsmassiv auf der Vorderseite der Geldscheine gaukelt eine Stabilität vor, die im krisengeschüttelten Kapitalismus politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich nicht mehr existiert. Zwei gezeichnete Figuren nutzen den Felsen als Sprungturm. Vollführen kunstvolle Kletter- und Flugmanöver. Rösels Verfremdung geht einher mit einer gehörigen Portion Humor.

Die Vielfalt des Schaffens dieses erstaunlichen Künstlers präsentiert bis zum 9. Januar 2011 eine Schau im Ernst Barlach Haus. Unter dem Titel "Tizian, Rembrandt, Leonardo Spezial Automatic" sind Bilder, Objekte und Videos aus den vergangenen zehn Jahren zu sehen, darunter auch seine berühmten Pflanzenstauden aus Polizeiuniformen und Unterwäsche, die er seit 1997 erarbeitet und in denen er Fragen nach der Spannung zwischen Normierung und Individualismus stellt.

Der 44-jährige Rösel, gebürtiger Pfälzer, wuchs in Marokko und im Irak auf und ist heute Kosmopolit mit Hauptwohnsitz Berlin. Er hat an der Frankfurter Städelschule und in New York studiert. Seine Kunst ist subversiv und poetisch zugleich. Mal lädt er Alltagsgegenstände wie besagte Geldscheine, mal ausrangierte DDR-Glühbirnen oder Buddelschiffe mit einer Bedeutung auf, die vom Persönlichen ins allgemein Menschliche verweist.

In den gesammelten PET-Flaschen seiner "Buddelsschiffe" hat Rösel Fundstücke und Müllsackfetzen arrangiert. In ihrer Kargheit stellen sie keine handwerklichen Meisterwerke dar und verkünden kein technisches Geheimnis. Briefe weltreisender Schiffbrüchiger, die Rösel mithilfe eines Computerprogramms in ein absurdes Deutsch übersetzen ließ, ergänzen sie. In einer befremdlichen Sprache berichten sie von der Fremde.

Mit Vorliebe bedient sich Rösel des Perspektivwechsels. In seinem bekannten "Fata Morgana Painting Projekt" hat er Wüstenlandschaften mit Errungenschaften der Zivilisation, Geländewagen oder Passanten konterkariert, dass sie etwas Unwirkliches ausstrahlen. In Aquarellen hat er diese Motive aufgegriffen, ist dicht herangezoomt an Porträts junger Afrikaner in urbaner Streetwear. Sie wirken wie in der Luft gespiegelte Geistererscheinungen, die trotz ihrer globalisierten Kleidung rätselhaft und fremd bleiben.

Peter Rösel - Tizian-, Rembrandt-, Leonardo-, Spezial Automatic bis 9.1.2011, Ernst Barlach Haus, Jenischpark, Baron-Voght-Straße 50a, T. 82 60 85, Di-So 11.00-18.00, Kuratorenführung 16.11., 4.11., jew. 18.00, signierter Katalog 19 Euro