"Unser Platz ist hier"

Das Ehepaar Magdalene und Joachim Anders leitet die Pilgerherberge Kloster Tempzin. Von hier aus machen sich Menschen auf den Weg zu sich selbst.

Manchmal müssen auch starke Männer weinen. Wenn sie vom Weg abgekommen sind und nicht mehr weiterwissen. Wenn ihre Welt plötzlich in Trümmern liegt und mit einem Mal alles aus ihnen herausbricht. Aber wenn sie dann an Menschen wie Magdalene und Joachim Anders geraten, die ihnen einfach nur zuhören, müssen sie sich ihrer Tränen nicht schämen. Wenn sie also, sagen wir mal: aus heiterem Himmel, so etwas wie Zuflucht finden.

Die große Küche im ehemaligen Gutsverwalterhaus des Klosters Tempzin ist solch ein Ort. Hier wird gelacht, gekocht und alle sind per Du. Magdalene, 68, und Joachim, 66, haben den Tisch für das Abendbrot gedeckt. Es gibt viel Vollkornbrot, reichlich Wurst und Käse, dazu verschiedene Sorten Tee. Es war ein langer Tag, Pilger aus allen Teilen des Landes waren zu einem Fest in die Herberge gekommen.

Magdalene hier, Joachim da. Gibt's noch Kaffee? Kann ich heute Nacht doch noch ein Zimmer haben? Magdalene ist zierlich und randvoll mit Energie. Jetzt aber ist sie müde und schleppt auch noch eine Bronchitis mit sich rum. Joachim hat seine Wollmütze abgenommen, die tagsüber meist seinen Kopf mit den wenigen Haaren bedeckt. Vor dem Essen wird gebetet und dann ein Kanon gesungen. Magdalene ist Kantorin, Joachim hat in der DDR Betonbauer gelernt und ist evangelischer Pastor. Und wenn man wissen will, warum sich Menschen auf den Weg zu sich selbst machen, kann man hierher nach Mecklenburg-Vorpommern fahren.

Draußen vor dem Fenster tauchen die letzten Sonnenstrahlen die Holzterrasse in ein warmes Licht. Der Blick geht unendlich weit über die grünen Wiesen, durch die sich Wege schlängeln. Wenn sich vereinzelt schwere Wolken vor die Sonne schieben, werden die winzig kleinen Bäume in der Allee am Horizont wie von einer himmlischen Taschenlampe angestrahlt.

Hier saßen sie also. Zu dritt. Das Ehepaar Anders und der stämmige Mann, der sich aus Rostock auf den Pilgerweg gemacht hatte, auf dem wohl auch die heilige Birgitta mit ihrem Mann Ulf im Jahre 1341 von Schweden nach Santiago de Compostela gegangen ist. "Ein Kerl wie ein Baum", sagt Joachim, "und plötzlich brach alles aus ihm heraus." Totale Überlastung, der Verlust des Arbeitsplatzes - der Mann konnte einfach nicht mehr und ließ seinen Tränen freien Lauf. "In solchen Momenten sind wir vor allem Seelsorger", sagt Magdalene. Sie sind auch Gastgeber und geistige Begleiter. Sie organisieren Pilgerwege und gehen selbst mit. Sie machen dem Glauben Beine.

Und sie sind Herbergseltern. An ihrem Küchentisch in einer der ältesten Pilgerherbergen Norddeutschlands versammeln sich gestresste Chefärzte und fröhliche Ehepaare, Künstler und Tippelbrüder. Eine Frauengruppe aus Spanien, Pilger aus Polen, Polizistinnen aus Neukloster. "Menschen jedes Alters, ganz bunt gemischt", sagt Magdalene. Es werden immer mehr.

Lange bevor Hape Kerkeling mit seinem Buch "Ich bin dann mal weg" vor vier Jahren buchstäblich eine Massenbewegung losgetreten hat, haben sich in diesem 50-Seelen-Dorf, 40 Kilometer südlich von Wismar, Menschen auf den Weg gemacht. Seit 15 Jahren beginnen und enden die Ökumenischen Pilgerwege im Kloster Tempzin. "Ich bleib dann mal da", müsste folglich das Buch von Magdalene und Joachim Anders heißen. Es wäre, trotz des Titels, auch das Buch über einen langen Weg, bis die beiden an diesem historischen Ort eine Heimat für sich und andere gefunden haben.

Vor 42 Jahren haben Magdalene und Joachim geheiratet. Sie haben drei Kinder großgezogen, und wenn sie sich für die Bilder des Abendblatt-Fotografen in den Arm nehmen sollen, lächeln sie sich an. "Rück doch mal näher." Da sind zwei Menschen sichtbar als unzertrennliches Gespann unterwegs. Joachim war lange Pastor im benachbarten Sternberg. Magdalene hat als Katechetin Gemeindearbeit gemacht. 1988 aber haben sie sich dann quasi ein zweites Mal gemeinsam auf den Weg gemacht.

Und dieser sollte ihrem Leben eine ganz neue Richtung geben: Auf Bitten von Jesuiten, die sie beim Kirchentag in Rostock kennengelernt hatten, pilgerten sie mit einer Gruppe von 30 Katholiken und 30 evangelischen Christen von Magdeburg ins Eichsfeld. Es war der Beginn dessen, was Joachim heute "Beten mit den Füßen" nennt.

Fortan machten sie sich in jedem Sommer mit rund 50 Menschen, zur Hälfte katholische und evangelische Christen aus Ost und West, auf den Weg durch Mecklenburg. Bis unter ihnen der Wunsch entstand, irgendwo eine feste Herberge zu finden. "Wir wollten nicht immer wieder nur neu aufbrechen. Wir wollten einen Ort für ständige Begegnungen schaffen", sagt Magdalene. Eine geistliche Heimat, die über einen Sommer hinaus Bestand hat.

Sie mussten nicht weit gehen. Die neue Heimat mit der gewaltigen Klosterkirche im Zentrum lag quasi vor der Tür, befand sich allerdings in einem erbärmlichen Zustand. Also wurde der Verein "Pilgerherberge Kloster Tempzin" gegründet. Zwei Dutzend engagierte Mitstreiter begannen mit dem Aufbau. Fördergelder wurden beantragt, Spenden geworben. Zuerst kaufte die Gruppe das im Jahre 1880 errichtete Gutsverwalterhaus, später das gotische Warmhaus. "Kaum einer hat geglaubt, dass wir es finanziell und kräftemäßig schaffen, die maroden Gebäude zu sanieren und zu erhalten", sagt Joachim.

Die Zweifler hätten es besser wissen können. Schließlich hatte Joachim in seiner Lehrzeit auf dem Bau "Gradlinigkeit und Durchsetzungsvermögen" gelernt. Er wollte ja eigentlich Bau-Ingenieur werden, doch weil er in die Junge Gemeinde in Schwerin ging, wurde er zum Studium nicht zugelassen. "Also habe ich Theologie studiert." Er hat sich vom DDR-Regime nicht unterkriegen lassen. "Je mehr Widerstand ich erfahre, umso mehr Kräfte mobilisiere ich." Wenn er sich ein Ziel gesetzt habe, "lasse ich mich von keinem davon abbringen". Kein Wunder, dass Magdalene an ihrem Mann das "Dranbleiben" bewundert. Während er ihre "Treue" und "Zuverlässigkeit" liebt: "Wenn sie einem etwas zugesagt hat, hält sie das auch ein."

An Ausreise haben sie übrigens nie gedacht. "Wir haben viele Gelegenheiten gehabt, aber keinen einzigen Gedanken daran verschwendet", sagt Magdalene. "Unser Platz war immer hier."

Doch so mal eben nebenbei eine Pilgerherberge aufzubauen, das ging dann doch nicht. Deshalb ließ sich Pastor Anders 2001 von seiner Landeskirche beurlauben, um sich mit seiner Frau ausschließlich um den Aufbau der Klosteranlage zu kümmern. Bis zu seiner Pensionierung vor vier Jahren haben sie von "einem Taschengeld" gelebt, das ihnen der Verein bezahlte.

Existenzangst? Berufung? Was bringt zwei Menschen in ihrem Alter dazu, ins kalte Wasser zu springen? Die Antwort lautet schlicht: Gottvertrauen. "Höher, als wir angebunden sind, geht es ja nicht", sagt Joachim und lächelt.

Es ist eine heitere Gelassenheit, die beide aussenden. Und die man wohl, neben zäher Zuversicht, vor allem braucht, um bei einem solchen kolossalen Kraftakt nicht irgendwann die Brocken hinzuschmeißen. Sondern knapp ein Jahrzehnt später, durchaus stolz, das Ergebnis vorzuzeigen: zwölf Gästezimmer im Gutsverwalterhaus, das jetzt "Haus der Gemeinschaft" heißt. Schlicht eingerichtet, aber mit einem Blick auf die Wiesen. Zwei große Küchen im Erdgeschoss, Gemeinschaftsräume, Bad auf den Fluren, ein Andachtszimmer. Seit sechs Jahren verwandelt sich auch das "Warmhaus" nebenan Stück für Stück in ein "Haus der Gastfreundschaft".

Warum die Menschen seit Jahren vermehrt an diesen Ort am Ende der Welt kommen, der kein Kino und keine Kneipe, keinen Strand und keinen Supermarkt hat, wird einem schnell klar. Hier begreift man schlagartig, dass die Welt auch still sein kann. Und dass die Zeit auch vergeht, wenn anscheinend nichts passiert.

Obwohl - es geschieht ja was mit einem. "Das Spannende am Pilgern ist, dass man vorher nicht weiß, was mit einem passiert", sagt Joachim. Magdalene erzählt von der Frau mittleren Alters, die eines Tages vor der Tür stand. "Sie war in einer totalen Lebenskrise, wollte sich scheiden lassen und war mit den Nerven am Ende." Die Frau ließ sich in den nächsten Tagen auf den Wechsel aus schweigen, beten und sich aussprechen ein. "Es ist beglückend", sagt Magdalene, "wenn man spürt, wie Menschen von Tag zu Tag zu ihrer inneren Quelle finden. Wenn man abladen kann, was den Lebensstrom zerstört, wird man leichter."

Wobei es in dieser leicht hügeligen Bauernlandschaft nicht etwa um Pilgern light geht. Von wegen sich einfach mal gehen lassen. Wer hier pilgert, muss sich an Regeln halten.

"Solch ein Pilgerweg ist mitunter mühsam und hart", sagt Joachim.

"Doch gerade dadurch kann er mich weich und empfindsam machen für Gott und seine Schöpfung. Und für die Freude und das Leid des Mitpilgers."

Die Tage sind genau getaktet. Viermal wird gebetet, auf dem Weg wird geschwiegen und nach jeweils rund sechs Kilometern über einen geistigen Impuls, wie zum Beispiel einen Bibelvers, gesprochen. Kein Nikotin, kein Alkohol, nichts Süßes. Vorneweg geht der Kreuzträger, er darf nicht überholt werden. "Bei der Ankunft vor einer Kirche warten wir auf den letzten Pilger und ziehen dann gemeinsam singend in das Gotteshaus ein", sagt Magdalene. Nach dem Nachtgebet wird geschwiegen. Es ist kein einfacher Weg, auf den sich die Teilnehmer machen, um Antworten auf die Fragen zu bekommen, die wohl jeden Menschen irgendwann umtreiben. Wo komme ich her? Wo stehe ich gerade? Wo will ich hin?

Auf die Frage, ob es auch für jeden Pilger Antworten gibt, erzählt Joachim die Geschichte des Lehrers. "Er fragte uns, ob er mitgehen darf. Er war nicht getauft und hatte mit Kirche nichts am Hut. Er war einfach neugierig. Wir haben gesagt, wenn er bis zum Ende dabeibleibt, könne er gerne mitkommen." Nach ein paar Tagen suchte der Neu-Pilger das Gespräch. "Er war richtig erschrocken, wie sehr ihn die biblischen Impulse, das Gehen und das Schweigen angefasst hatten. Er sagte: 'Ich bin doch nicht fromm. Meine Eltern haben mich bewusst atheistisch erzogen. Wenn die wüssten, was ich hier mache, würden die mich für verrückt erklären. Aber ich merke, dass das, was ihr Gott nennt, mich irgendwie ergriffen hat.'"

Vielleicht war es auch die Gemeinschaft. Für Joachim liegt darin die eigentliche Bedeutung des Ortes. Während der Zeitgeist Individualisten feiert, wird in Tempzin der Gegenentwurf sichtbar. Die Herberge ist für ihn auch Zeichen dafür, "dass eine menschliche Gesellschaft ohne Gemeinschaftsgeist nicht gelebt werden kann".

Eine Festung gegen die Beliebigkeit, in der ausdrücklich auch gestritten wird. Kann der Pastor zornig werden? "Fragen Sie mal die Pilger, die mit mir unterwegs sind", sagt der groß gewachsene Mann und lacht. Wenn er spüre, dass die Menschen sich unterwegs sehr "ich-bezogen" verhalten, könne er schon aus der Haut fahren. "Man kann nicht alles laufen lassen, nur damit die Leute einen mögen."

Und dennoch wird dieser Ort immer mehr nachgefragt. Seit 2005 gibt es dort auch ein Familienpilgern. Zwölf Kilometer täglich, abends geht es immer zurück ins Kloster. Am Anfang waren es 50 Pilger, im nächsten Jahr schon 70 kleine und große Teilnehmer. Eine Pilgerin schrieb anschließend ins Gästebuch der Herberge: "Sinnen, beten, tanzen, lachen - Tränen kullern, Badesachen. Geschichten hören, Kerzenschein - spät abends muss geflüstert sein. So sind die Stunden schnell vergangen, bei vielen hat es angefangen, im Herzen sich ganz sacht zu regen, das machte Gottes voller Segen."

Grundsätzlich sei es wohl so, sagt Joachim, dass das "Höher, schneller, weiter" beim Pilgern auf den Kopf gestellt werde. "Nicht höher, sondern tiefer möge die Erfahrung sein. Nicht schneller, sondern langsamer will sich der Pilger auf die Suche machen. Nicht weiter, sondern näher heran an Mutter Erde." Um "in einer Zeit permanenter Geräusche das Stillehalten zu üben".

Und was passiert mit Herbergseltern, wenn alle Gäste weg sind? Mit der Frage können die Wortgewaltigen nicht so viel anfangen. "Wenn alle weg sind, ist es auch sehr schön", sagt Magdalene. Joachim fügt an, dass der liebe Gott einem die Gaben nur gegeben hat, damit man sie weitergibt. "Sonst sterbe ich an seelischer Rohrvergiftung. An Hartleibigkeit, weil ich nicht durchspüle."

Sie werden also nur kurz durchatmen. Bis die Nächsten, mühsam und beladen, in die Pilgerherberge nach Tempzin kommen. Und darauf hoffen, dass da jemand ist, der ihnen beim Tragen der Last behilflich ist. Oder ein kleines Stück auf ihrem Weg mit ihnen geht.