"Pilgern heißt für mich: Man ist da, wo man geht"

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Warum Pilger sich von Tempzin aus auf den Weg machen

Axel Bewer, 46, aus Kassel: "Ich bin Christ und habe früher auch einmal für die Kirche gearbeitet. Ich glaube aber, dass die Zeiten, in denen man der Kirche alles geglaubt hat, vorbei sind. Und dass sich die Menschen jetzt vermehrt auf die Suche nach neuen Wegen machen. Ich bin im letzten Jahr das erste Mal gepilgert. Für mich steht beim Pilgern das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund. Sich zusammen mit anderen auf die Suche nach Gott zu machen. Das ist am Anfang zwar gewöhnungsbedürftig, wenn man während der Schweigezeiten auf dem Weg nicht reden oder fotografieren soll. Aber es kann, wie bei mir, im besten Fall zu Momenten führen, in denen man Gott plötzlich ganz stark erlebt. Wenn man nachts um drei Uhr zu dritt im Ratzeburger Dom auf Socken nebeneinander sitzt und gemeinsam singt. Pilgern heißt für mich: Man ist da, wo man geht."

Klaus, 74, und Magda, 71, Eder aus Neuss: "Pilgern ist wie ein bisschen aus der Welt raustreten. Was uns aufgefallen ist: Je länger man gemeinsam unterwegs ist, desto entspannter werden die Gesichter der einzelnen Teilnehmer. Das Wichtigste beim Pilgern ist für uns der geistliche Impuls, den wir mit auf den Weg bekommen. Das kann zum Beispiel eine Bibelstelle sein, über die wir dann schweigend beim Gehen nachdenken. Und zwischen den einzelnen Etappen auf einem Weg rund um Tempzin tauschen wir uns dann mit den anderen Pilgern aus der Gruppe darüber aus. Es ist erstaunlich, wie sehr sich die einzelnen Teilnehmer manchmal öffnen. Es ist schon vorgekommen, dass jemand der Runde ein sehr persönliches Erlebnis geschildert hat und uns dann anschließend erstaunt gefragt hat: Warum teile ich euch das überhaupt mit, das habe ich sonst noch niemandem erzählt?"

Brigitte Schmeil, 69, aus Berlin: "Ich war Religionslehrerin in Spandau und bin zum Pilgern gekommen, weil mir die Ärzte dringend mehr Bewegung ans Herz gelegt haben. Ich habe vor meinem ersten Pilgerweg im vergangenen Jahr richtig trainiert. Anfangs ging es nur darum, die Strecke zu schaffen. Von Tempzin in Etappen über Schwerin und Zarrentin nach Ratzeburg. Pro Tag rund 20 Kilometer. Das war eine Art Wüstenerfahrung, bei der ich plötzlich offen wurde für ganz viele Eindrücke. Für mich sind die Gemeinschaft, der Frohsinn und die Lieder wichtig. Viermal am Tag wird gebetet, das gibt mir ganz viel Kraft. Auch der Konsumverzicht ist eine beeindruckende Erfahrung. Wenn man merkt, wie wenig man im Grunde wirklich braucht. Wenn ich nach Hause komme, kaufe ich weniger ein, weil ich Verzicht gelernt habe. Ich sage mir dann: Du willst doch ein Pilger sein."