Der beste Trip des Lebens

Eine Pilgertour kann ganz neue Erkenntnisse bieten. Warum, weiß Pilgerpastor Bernd Lohse

Bernd Lohse (51) ist seit November 2008 der erste Pilgerpastor Hamburgs. Der 51-Jährige arbeitet auf einer halben Stelle in seinem Pilgerbüro in der Hauptkirche St. Jacobi. Er bietet Pilgertouren sowie Beratung, Segen und Gottesdienste rund um das Thema an. Sein Ziel ist es, von St. Jacobi aus das Pilgern im Norden zu fördern.

Hamburger Abendblatt:

Warum boomt Pilgern seit einigen Jahren? Haben wir das überwiegend Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg" zu verdanken?

Bernd Lohse:

Ich glaube, sein Buch war auch so ein Erfolg, weil das Thema Pilgern einfach dran war. Die Menschen haben seit Längerem ein großes Interesse an spirituellen Themen, aber viele haben in der Kirche keine Heimat gefunden oder ihr sogar den Rücken zugekehrt. Pilgern ist ein Weg, die eigene Religiosität ernst zu nehmen.

Was für Leute pilgern?

Pilgern zieht eher Menschen mit gehobenem Bildungsstand an. Es sind Leute, die sich Gedanken machen, wie man Urlaub anders verbringen kann, und die eher eine geistige Sehnsucht spüren. Ich treffe Pilger jedes Alters. Was sie eint, ist, dass sie sich an einem Wendepunkt befinden. Es sind junge Menschen bei der Studienplatzwahl, Zivis, die überlegen, wie es weitergeht, oder Menschen, die in einer gesundheitlichen oder seelischen Krise stecken.

Also sind es immer Suchende?

Ja. Und gerade in der heutigen Zeit sind so viele Menschen auf der Suche. Das wird auch in unserer individualisierten Welt gefordert: Finde dich selbst, schau, wer du bist, bringe dich ein. Das bringt Menschen an Grenzen. Und in so einer Situation muss man sich neu orientieren, dafür ist Pilgern ideal.

Was passiert mit einem Pilger?

Durch die körperliche Bewegung kommt auch etwas in der Seele in Bewegung. Beim Pilgern geht man auf den Weg in dem Bewusstsein: Da kann noch mehr sein. Pilgern ist langsam, man hat viel Zeit, sich den Fragen und Gedanken, die kommen, zu stellen und gleichzeitig die Natur zu genießen. Wer mehrere Wochen unterwegs ist, erlebt das oftmals als lebensverändernde Begegnung.

Viele Pilger wollen zum Beispiel am Zielort Santiago de Compostela gar nicht aufhören, Pilger zu sein, weil sie begreifen, dass sie auf einem Lebensweg sind. Etliche sagen auch, dass es ein Lebensweg mit Gott ist, den sie vielleicht vorher gar nicht so gesucht, aber unterwegs gefunden haben.

Mit welchen Erwartungen kann ich mich auf den Weg machen?

Wenn ich viel und ganz Bestimmtes erwarte, ist die Chance, dass ich enttäuscht werde, viel größer. Pilgern ist ein Sich-leer-Machen, offen und neugierig auf das Leben werden. Fragen hinter sich lassen, Last abwerfen. Ein Stück in Gottes Hände fallen lassen.

Kann ich dafür nicht auch hierbleiben?

Das können Sie auch hier finden. Pilgern ist ja eine im Wesentlichen innere Bewegung. Viele Menschen erleben das auch bei einem Klosteraufenthalt, zum Beispiel in Nütschau. In Aumühle gibt es das Ansverus-Haus, bei dem man eine Schweigewoche erleben kann. Die Kirche der Stille ist ein Ort, an dem man mal mittendrin im Alltag gut innehalten kann. Jede Kirche kann ein Ort sein, an dem ich dieser spirituellen Dimension in mir selber begegne. Aber das Laufen ist eine ganz wichtige Dimension, weil es den inneren Prozess beschleunigt.

Was erlebt man, wenn man mit Ihnen pilgert?

Mit mir hat man einen geistlichen Begleiter gleich dabei. Ich sorge für eine geistliche Struktur des Tages und für Impulse. Wer mit mir pilgert, erlebt Gesang und Gebetszeiten, die wir einhalten, erlebt geplante Schweigezeiten. Und in einer Gruppe eine Weile schweigend zu gehen hat eine enorme Kraft.

Kann man einfach lospilgern, oder muss man sich darauf vorbereiten?

Wenn man länger unterwegs sein will, sollte man sich gut darauf vorbereiten - technisch und seelisch. Bei uns im Pilgerbüro beraten wir sowohl, welche Ausrüstung man braucht, aber bieten auch Gespräche an. Unsere Tageswege rund um Hamburg sind gute Probestrecken, um sich auszuprobieren, ebenso wie die Fünf-Tages-Touren, bei denen wir in einfachen Herbergen schlafen und auch nicht täglich duschen können.