Reportage

Mache es gerne, anders oder gehe!

Lesedauer: 10 Minuten
Ursula Ott

Kürzlich auf der Party einer Freundin, einer Bankerin und kinderlosen Karrierefrau. Sie feierte nicht nur ihren 50. Geburtstag, sondern auch den Aufhebungsvertrag mit der Bank. Keine Ahnung, von welcher Bank genau, seit ihrem letzten Fest vor zehn Jahren hatte es mehrere Fusionen gegeben. "Ich wurde am Schluss für absoluten Nonsens bezahlt", erzählte sie. "Erst habe ich auf Anweisung von oben die Filiale in Belgien dicht gemacht und alle Mitarbeiter entlassen. Dann kam ein Belgier in den Vorstand und ich sollte wieder nach Brüssel fahren und neue Leute suchen."

Solche Geschichten gab es massenhaft an dem Abend, es waren vor allem Banker und noch mehr Ex-Banker gekommen. Alle um die 50, alle in der Sinnkrise. Die noch drin waren in der Arbeitswelt, erzählten von absurden Anweisungen. Die schon draußen waren, machten was "mit Sinn". Die Gastgeberin hospitiert jetzt auf einem Weingut. Ihr Ex-Chef hat sein Psychologiestudium wieder aufgenommen und will künftig Kindertherapeut werden. Was mit Kindern, ja, das ist echte Arbeit. Oder? Bei den Banken dagegen, da wettet man auf die Pleite des bankrotten Griechenlands. Bank böse, Kinder gut.

Aber ganz so einfach ist die Welt nicht. Man staunt allmählich, wie viele Menschen aus gut bezahlten Berufen plötzlich im Kindergarten arbeiten wollen. Bei weitem nicht nur Ex-Banker. Auch die Fernsehmoderatorin in der Sinnkrise will neuerdings statt "was mit Medien" lieber "was mit Kindern" machen. Der Leiter eines evangelischen Hilfsvereins, der mit schwer behinderten Kindern arbeitet, seufzt angesichts der vielen Freiwilligen, die mit einem drohenden Burnout neuerdings ihre Hilfe anbieten. "Die kommen mit einer Empfehlung ihres Therapeuten", berichtet er und freut sich einerseits über jede helfende Hand. Andererseits: "Helfen wollen wir vor allem unseren kranken Kindern. Nicht in erster Linie Akademikern in der Midlife Crisis".

Dabei ist Kindererziehung bei weitem kein Kinderspiel, sondern besteht hauptsächlich aus Windelwechseln, Hausaufgaben machen und Zimmer aufräumen. So fiel bei einem Fest einer befreundeten Mutter, die als Hebamme im katholischen Krankenhaus arbeitet. immer wieder der Satz, den Frauen offenbar zum 50. Geburtstag als Mantra geschenkt kriegen. "Jetzt bin aber mal ich dran." Zweites Hauptthema war: "Wie lange musst du noch arbeiten?"

Ist Arbeit wirklich ein lästiges Übel, das man hinter sich bringen muss, um erst dann richtig zu leben? Mal ganz abgesehen, dass unsere Volkswirtschaft eine massenhafte Jobflucht mit 50 nicht zulässt, sondern viel mehr davon ausgeht, dass wir bis 67 arbeiten. Und überhaupt - was ist das denn für eine Vorstellung von Arbeit?

"Jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde" heißt es im ersten Brief des Paulus an die Korinther. Und Martin Luther hat noch einen draufgesetzt und eine Berufsethik daraus gemacht, die wie nebenbei das Wort "Beruf" überhaupt erst begründet hat: Im Mittelalter war die Berufung den Mönchen vorbehalten, sie war der Ruf Gottes, der den Menschen aus dieser Welt in das besondere und elitäre Leben im Kloster ruft. Diese mittelalterliche Berufung hat Luther erweitert und für alle Menschen in Anspruch genommen. Er hatte ja den Mönchen ihr elitäres Sondergruppendasein gerade abgesprochen mit seiner evangelischen Grundüberzeugung: Jeder einzelne Mensch erfährt die Berufung, die ihn an seinen Platz im Leben schickt, im ganz weltlichen Leben - in seinen Beruf eben. So gesehen hat jeder Mensch einen Beruf, der zugleich seine Berufung ist: die Stelle und Aufgabe, an die er sich geschickt weiß, soll er ausfüllen und erfüllen: "Die Stallmagd ist dem Fürsten gleich".

Natürlich würde kein moderner Coach heutzutage seinem Klienten sagen, er müsse um jeden Preis in einem Job verharren, der ihn oder sie total frustriert. Aber ein guter Coach sagt: Love it, change it or leave it. Das würde Martin Luther vermutlich gefallen, auch weil es eine klare Sprache spricht: Mach es gern, mach es anders oder gehe. Aber höre auf, über deinen Job zu jammern. Mach dort, wo das Leben dich hin verschlagen hat, das Beste draus.

Vor allem das "love it", die Liebe zur Arbeit, fällt vielen Deutschen zunehmend schwer. Das Gallup-Institut fragt seit Jahren Arbeitnehmer, wie viel emotionale Bindung sie an ihren Betrieb haben. Die Tendenz ist bestürzend: Immer weniger Mitarbeiter, nämlich genau noch 13 Prozent, identifizieren sich mit ihrem Betrieb. Immer mehr haben dagegen die "innere Kündigung" eingereicht. Die Gründe liefert Gallup gleich mit: Sie fühlen sich ausgeschlossen von Entscheidungen der Geschäftsführung, verstehen den Sinn von Fusionen und Sparwellen nicht mehr und vermissen das Gefühl, die Arbeit mache Sinn für die Gesellschaft.

Schon prophezeit der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm einen "Aufstand der alten Arbeit". Für diesen Trend gibt es Anzeichen. Handwerker tragen in einer neuen Werbekampagne ihres Berufsverbandes lustige T-Shirts mit der Aufschrift "Stoff, aus dem die Helden sind". Und die Helden sind gerade bei Handwerks-Werbung - zum Beispiel bei "MyHammer" - neuerdings keine Models, sondern echte Fliesenleger, echte Maurer und echte Dachdecker. Schweiß und Muskeln - die leihen sich, symbolisch, ja die Werber auch gerne selber, indem sie ihre MacBooks in den Kathedralen der alten Arbeitsgesellschaft aufstellen, in alten Fabrikhallen und Schlachthöfen.

"Echt" ist das Zauberwort in vielen Lebensbereichen. Museen und Theater erleben einen Boom, weil das Internet-Volk nach unzähligen Youtube-Filmen wieder echte, gemalte Bilder sehen will und lebendige Schauspieler auf der Bühne. Nach dem Boom der Computerspiele folgt die Renaissance der echten Brettspiele. Und selbst Geldanleger, die vorher auf volatile Märkte gesetzt haben, kaufen massenhaft Gold. "Was reelles, was zum Anfassen", erklärt der Soziologe Dirk Baecker, "in Zeiten tief greifender Veränderung gewinnt das Materielle. Immer."

Aber wir können nicht alle Handwerker werden und auch nicht alle Feuerwehrmänner, jene ultimativen Helden der neuen Zeit. Die Welt braucht auch Büroangestellte. Und Hebammen. Und Banker. Und Bäckereifachverkäufer. Einer arbeitet in der Bäckerei, in der wir morgens unsere Brötchen holen, und er singt morgens immer launige Schlager, "Ganz Paris träumt von der Liebe". Ich glaube nicht, dass der mit 50 sagt, er sei jetzt auch mal dran. Der ist jetzt schon dran. Der sagt auch, wenn Gallup anruft, ganz bestimmt nicht, dass er ausgebrannt ist und nur noch Dienst nach Vorschrift macht.

Denn auch so kann man den Luther-Spruch verstehen: Es gibt keine echten und keine falschen Berufe, keine bösen Banker und guten Kindergärtnerinnen, keine klugen Fürsten und doofen Stallmägde. Aber es gibt Menschen, die ihren Job als Berufung ansehen und so viel aus ihm rausholen wie möglich. Und es gibt andere, die sich ausgeliefert fühlen und ständig ausrechnen, "wie lange" sie noch "müssen". Müssen ist schlecht. Müssen macht müde, und viele brennt es wirklich aus. Noch nie gab es so viele Arbeitnehmer, die aus psychischen Gründen arbeitsunfähig werden, die das Tempo, die Entfremdung, die Entwertung am Arbeitsplatz nicht mehr bewältigen.

Aber wie geht das, mit 20 Sinn in der Arbeit zu finden und mit 67 noch immer? Was muss sich ändern? Beide Seiten, die Arbeit und der Arbeiter. Dass ein Chef heute 50 mal mehr verdient als ein einfacher Angestellter - das kann man ändern. Vor 25 Jahren war es nur 14 Mal so viel, das heißt: Man kann es ändern. Und dass ein Bauarbeiter mehr verdient als eine Krankenschwester, auch das muss nicht immer so bleiben. Der Wert und die Würde von Arbeit muss neu bestimmt werden.

"Wir wollen doch hoffen, dass die Geschichte nicht so ausgeht, dass auf der einen Seite die sind, die sich stromlinienförmig in diese Effizienzgesellschaft einpassen", mahnt Altbischof Wolfgang Huber, "und auf der anderen Seite, die, die aussteigen müssen." Er plädiert für "freiwillige Begrenzungen" mitten im ganz normalen Arbeitsprozess. Den freien Sonntag. Eine Fastenzeit einlegen. Es gut sein lassen und nicht perfekt sein.

Es stimmt, Arbeit ist manchmal langweilig und öde. Aber sie muss halt gemacht werden. Überforderung, Burnout, innere Kündigung? Manchmal ist auch der überhöhte Glücksanspruch an die Arbeit die sicherste Anleitung zum Unglücklichsein. Und bisweilen hilft nur eins: Machen! Der amerikanische Blogger Merlin Mann erzählt die Geschichte des jungen Verkäufers im Sandwich-Laden, der lauter Zettel mit Bestellungen entgegen nimmt. Er sortiert sie ständig neu und überlegt, wie man sie am effektivsten abarbeitet. Am Ende dreht er vor lauter To-do-Listen völlig durch. Bis ihm einer sagt: Hör auf mit dem Optimieren. Schmeiß die Zettel weg. Mach Sandwiches!

Die Autorin ist stellvertretende Chefredakteurindes evangelischen Magazins "Chrismon"