Reportage

Arbeit kann auch Spaß machen - ehrlich

Lesedauer: 9 Minuten

Manchmal muss man etwas völlig Neues machen, damit der Job sich endlich gut anfühlt. Aber oft reicht auch nur eine Veränderung innerhalb des Betriebs. Es gibt viele Wege zum persönlichen Arbeits-Glück - drei Menschen erzählen, wie sie es gefunden haben

"Es geht nicht nur um mich sondern auch um die Natur"

Es gibt Menschen, deren Beruf lange vor ihrer Geburt feststeht. Die keine Wahl haben, kein Mitspracherecht. Weil sie in ein Familienunternehmen hineingeboren werden. Wolfgang W. Springer (62), Chef der gleichnamigen Bio-Bäckerei, ist so ein Mensch. Jemand, der als Mitglied einer Bäckerdynastie zur Welt kam und Bäcker werden musste. So wie sein Vater und Großvater und Urgroßvater. Jemand, der als 16-Jähriger zwar keine Lust auf den Job hatte und damit total unterfordert war, aber nicht ausbrechen konnte.

Doch Wolfang W. Springer ist vor allem Jemand mit Visionen. Mit Ideen, Mut, Kampfgeist. Jemand, der trotz allem seinen eigenen Weg gegangen ist. Was ihn angetrieben hat? "Die Liebe zu meinen Kindern und der Natur", sagt Springer. "Und der damit verbundene Wunsch, die Welt ein Stück zu verbessern."

Allerdings dauerte es mehr als 30 Jahre, bis er seinen Weg gefunden hatte und ihn auch gehen konnte. Jahre, in denen er zur Weiterbildung im Ausland arbeitete, an der Akademie des Handwerks studierte, alles versuchte, um der Arbeit mehr Würze zu geben - und schließlich vor 17 Jahren doch aus dem Job ausstieg. Vorerst.

Als "Sinnkrise" bezeichnet er heute diese Auszeit, in der er Schauspiel- und Gesangsunterricht nahm, am Theater auftrat - und ein paar Jahre später mit neuen Ideen in den Beruf zurückkehrte. Einen Beruf, in den er einst hineingeboren worden war, den er aber jetzt neu und selbstbestimmt ergreifen wollte. Er wagte eine radikale Veränderung und stellte das Traditionsunternehmen im Jahr 1999 auf ausschließlich biologisch hergestellte Backwaren um - zu einer Zeit als sich kaum jemand für "Bio" interessierte.

Und das merkte man: Die Umsätze brachen so sehr ein, dass das Unternehmen kurz vor der Insolvenz stand. Doch Springer war von der Richtigkeit seines Schrittes überzeugt und kämpfte dafür. Angetrieben durch die Geburt seiner Tochter, wollte er alles tun, um die Umwelt zum Wohle seines Kindes zu schonen. Mit ausgesuchten Rohstoffen, der Verwendung von sauberer Energie und einer Senkung des Stromverbrauchs sowie der CO2-Emmission. Und er wollte wieder ein Handwerk ausüben mit alten Rezepten und Zeit fürs Backen. Ehrliche Arbeit, so wie es früher üblich war.

"Es ging nicht nur um mich und meinen Betrieb - sondern um ein größeres Ziel: die Erhaltung der Natur", so Springer. Dieses Wissen habe ihn zutiefst befriedigt und bestärkt, weiterzumachen. Mit Erfolg. Heute betreibt Springer acht Filialen in Hamburg, baut gerade eine neue Zentrale in Wandsbek - und Wolfgang W. Springer engagiert sich für seine Mitarbeiter und zahlreiche soziale Projekte "Da es mir selbst lange Zeit schlecht ging, will ich anderen jetzt etwas von meinem Erfolg und Glück abgeben."

Es gibt Menschen, deren Beruf lange vor ihrer Geburt feststeht. Die keine Wahl haben, kein Mitspracherecht. Die unglücklich sind, rebellieren. Aber irgendwann doch ankommen. Ihre persönliche Sinnerfüllung finden. So wie Wolfgang Springer.

"Verkäuferin war nie nur ein Job, das ist meine Berufung"

Wenn jemand seinen Beruf als "Berufung" bezeichnet, handelt es sich meist um Ärzte, Lehrer oder Sozialarbeiter. Menschen, die etwas bewegen, verändern, verbessern. Denkt man. An eine Verkäuferin denkt man erst einmal nicht. Bis man Ingrid Werner kennenlernt. Sie ist 35 Jahre alt, alleinerziehende Mutter und arbeitet seit neun Jahren bei Bundnikowsky in Buchholz. Erst als Regalpflegerin, dann als Kassiererin und jetzt als Assistentin der Teamleitung. Doch egal, ob sie neue Waren ausgepackt oder Kunden beraten hat: "Für mich war das nie ,nur' ein Job, sondern eine Berufung."

Wenn jemand seinen Beruf als Berufung bezeichnet, klingt das wie eine Floskel. Nicht aber bei Ingrid Werner. Weil sie niemand ist, der sich hinter Phrasen versteckt, sondern offen und ehrlich daherredet. Die sagt, dass sie die Arbeit von Anfang an "toll" fand. Von Anfang an, das heißt seit ihrem ersten Praktikum bei Budni, das sie 2003 im Rahmen einer Umschulung gemacht hat. Als Friseurin konnte sie aufgrund einer schweren Allergie nicht mehr arbeiten, Zuhause rumsitzen wollte sie nicht. "Ich brauchte eine Aufgabe, eine Herausforderung", sagt sie. Eine Herausforderung! Wieder so ein Begriff, wie er oft von Ingenieuren, Politikern oder Leistungssportlern benutzt wird. Doch Herausforderungen gibt es überall. In jedem Job. Auch beim Einräumen von Lippenstiften und Haarshampoo. Für viele ist das vielleicht keine Erfüllung, für Ingrid Werner schon. "Weil ich die Produkte toll finde, finde ich auch den Job toll", sagt sie. Sie liebt es zu beraten, das Gespräch mit den Kunden. So einfach kann Sinnerfüllung sein. Die Frage nach einer Perspektive hat sie sich zuerst nie gestellt. Zu ausgefüllt war sie mit Job und kleinem Kind. Erst als sie Vertretungsweise als Kassiererin eingesetzt wurde und ihr das wie eine Beförderung vorkam, keimte der Wunsch auf, mehr zu erreichen. Sie machte Schulungen, engagierte sich, zeigte Einsatz. Immer wieder. Selbst jetzt nach ihrer Beförderung - oder gerade jetzt! Jetzt trägt sie auch Verantwortung, das erfüllt sie mit Stolz.

Von der Packerin zur Assistentin war es ein langer Weg. Beschwerlich war er nicht. Weil Ingrid Werner probiert hat, aus jeder Etappe das Beste zu machen. Glücklich zu sein, eine Erfüllung zu finden. In der Arbeit und dem Engagement für soziale Projekte, die Budni fördert. Die Kinderkrebshilfe zum Beispiel. "Es ist schön, wenn man helfen kann." So wie ihr andere geholfen haben. Die Kollegen und das Unternehmen, das ihr erlaubt hat, statt um sieben erst um acht Uhr anzufangen, wenn das Kind in der Schule ist. Ingrid Werner möchte nichts anderes machen.

"Yoga gibt mir Kraft, anstatt sie zu nehmen"

Um die halbe Welt jetten, mit großen Budgets jonglieren, spannende Leute treffen. "Wenn ich mich als Filmproduzentin vorgestellt habe, fanden das immer viele Leute sexy", sagt Stephanie Noël. Zehn Jahre drehte sie Imagefilme für Firmen, realisierte Fernsehprojekte. Nach dem Journalistik-Studium sei es ihr Traumberuf gewesen. Einer, der ihr viel abverlangte: Täglich über 80 Anrufe auf dem Handy, kaum Zeit für ihren Mann und die kleine Tochter und das Gefühl nach drei Wochen Arbeit mindestens eine Woche Erholung zu brauchen. "In dieser Branche musste du unendlich viel und eigentlich rund um die Uhr arbeiten, um erfolgreich zu sein", sagt die 43-Jährige. "Ich habe so viel Energie in den Job gesteckt und so wenig zurückbekommen - außer einem dicken Bankkonto."

Irgendwann konnte Stephanie Noël diesen sinnlosen Kraftakt nicht mehr nachvollziehen. "Und auch die Unsummen an Geld, die für Werbung ausgegeben werden, empfand ich zunehmend als absurd." Die Suche nach einem tieferen Sinn habe sie zum Yoga geführt. Die Entscheidung "das mache ich nicht weiter" kam abrupt. "Meine letzte Anfrage für ein Filmprojekt und mein erstes Ausbildungs-Wochenende als Yoga-Lehrerin fielen auf ein Wochenende. Zuerst habe ich in alter Manier versucht, alles unter einen Hut zu bringen, mich dann aber doch unter Herzklopfen für den Neuanfang entschieden."

Sich künftig Yoga-Lehrerin und nicht mehr Filmproduzentin zu nennen, fiel Stephanie Noël zunächst schwer. Noch schwerer war nur der Weg zur zertifizierten Sivananda-Yogalehrerin: Ein vierwöchiger Lehrgang in einem Ashram auf den Bahamas hätte ihr den Traum von der wahren Berufung fast verhagelt. "Es war ein unglaublicher Drill und eine extreme Grenzerfahrung. Hinterher brauchte erst einmal einige Zeit, bis ich mein neues Leben wieder geordnet hatte." Freunde überredeten sie dazu, ihre erste Stunde zu unterrichten. "Danach wusste ich, dass es genau das Richtige ist. Geld für etwas zu bekommen, was mir so viel Spaß bringt, war zunächst komisch."

Inzwischen bietet sie bis zu zehn Kurse wöchentlich in ihrer Yoga-Loft in Lokstedt an. Der größte Unterschied zu ihrem früheren Berufsleben: "Heute fühle ich mich nach der Arbeit besser als vorher, Yoga gibt mir Kraft anstatt sie mir zu nehmen." Ihr neuer Beruf habe ihr ganzes Leben verändert: "Mein Verdienst ist sehr viel geringer als früher. Aber als Yoga-Lehrerin kann ich mir vorstellen, entspannt alt zu werden!"

( Miriam Opresnik )