Statt Druck lieber Anerkennung und Gestaltungsfreiheit

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Sabine Tesche und Susanne Raubold

Wie Arbeitnehmer und Firmen ein Wohlfühlklima schaffen können

Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) vertritt die Nordelbische Kirche bei Fragen rund um die Wirtschaft und engagiert sich für eine gerechte und humane Arbeitssituation. Seit Jahresbeginn leitet Gudrun Nolte-Wacker den Bereich.

Hamburger Abendblatt:

Die Arbeitswelt hat sich entscheidend verändert, was heißt das für den Arbeitnehmer?

Gudrun Nolte-Wacker:

Die Anzahl der unsicheren und oft schlecht bezahlten Arbeitsverhältnisse hat enorm zugenommen, viele müssen häufig den Job und Wohnort wechseln. Das wirft die Lebensplanung von Menschen komplett durcheinander und belastet sie auch gesundheitlich. Hinter den aktuellen Rekordzahlen zur Beschäftigung in Deutschland, die auf den ersten Blick beeindrucken könnten, verbergen sich bei näherem Hinsehen viele Teilzeitstellen. Inzwischen sind es 35 Prozent. Millionen Menschen müssen sich mit Minijobs begnügen, obwohl sie gerne mehr arbeiten und Geld verdienen würden. Das führt zu einer sozialen Spaltung der Gesellschaft und zu einem unsicheren Rentenalter.

Was müsste die Politik leisten, um diesem Trend entgegenzuwirken?

Nolte-Wacker:

Politische Fehler von heute sind die Kosten von morgen. Wir müssen vor allem in Bildung investieren. Arbeitnehmer sollten gefördert und aufgebaut werden und die Möglichkeiten haben, sich weiter zu entwickeln. Die Politiker müssen dafür die gesetzliche Grundlage schaffen, um der Arbeitwelt menschenwürdige Strukturen zu geben. Die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes in Deutschland wäre sicher ein gutes Beispiel dafür.

Wie sieht für Sie eine soziale, verantwortungsbewusste Firma aus?

Nolte-Wacker:

Wir als KDA setzen uns für Ethik und Verantwortung auf der Grundlage eines christlichen Menschen- und Weltbildes in Unternehmen ein. Verantwortung heißt konkret: ökologisches, soziales, ökonomisches, also nachhaltiges Wirtschaften. Firmen sollten Sozialstandards einhalten und auch soziale Verantwortung für ihre Mitarbeiter übernehmen. Transparenz von Entscheidungsprozessen ist wichtig, genauso wie ein gelebtes "Wir-Gefühl" und eine ausgewogene Work-Life-Balance.

Was sind entscheidende Kriterien, dass Angestellte sich wohlfühlen, dass sie ihren Job als sinnerfüllend empfinden?

Nolte-Wacker:

Arbeit ist nicht sich wohlfühlen im Sinne von Wellness. Wir müssen vielmehr fragen, was hilft dabei, dass Menschen ihre Arbeit nicht als Last oder Überforderung und Druck erleben. Deswegen sind Anerkennung, Partizipation aller Mitarbeitenden, die Möglichkeit, die eigene Arbeit zu gestalten und die Sicherheit des Arbeitsplatzes so wichtig. Ein sehr wesentliches Kriterium ist auch, ob ein Arbeitnehmer, der Vollzeit beschäftigt ist, damit seinen Lebensunterhalt bestreiten kann.

Was empfehlen Sie Arbeitnehmer, die selbst Verbesserungen in ihrem Arbeitsbereich einführen wollen?

Nolte-Wacker:

Sich zu organisieren, gemeinschaftlich für eine Sache zu kämpfen - das ist etwas aus der Mode gekommen, aber ungemein wichtig. Auch für Arbeitnehmer gilt das evangelische Prinzip der Freiheit in Verantwortung. Wer etwas verändern, verbessern, gestalten will, muss auch bereit sein, dafür Zeit und Energie zu investieren. Zum Beispiel in der Personal- und Betriebsratsarbeit. So können wir alle Wirtschaft und Kirche lebendig, kritisch und konstruktiv mitgestalten.

Der Unterschied zwischen Männern und Frauen wird deutlich beim Kinderkriegen, wie wirkt er sich auf die Arbeitswelt aus und wie ist Chancengerechtigkeit möglich?

Nolte-Wacker:

Nicht erst das Kinderkriegen macht den Unterschied. Die Ungleichheit fängt für Frauen schon bei der Berufswahl, geringerer Bezahlung und schlechteren Aufstiegsmöglichkeiten an. Obwohl wir Veränderungen bemerken, muss das Thema Geschlechtergerechtigkeit noch an vielen Stellen der Arbeitswelt durchgesetzt werden. Das Modell "männlicher Alleinverdiener mit dazu verdienender Ehefrau" hat ausgedient. Andere europäische Länder sind in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit bereits viel weiter.

Inwieweit versucht der KDA, Einfluss auf die Wirtschaft zu nehmen und was haben Sie erreicht?

Nolte-Wacker:

Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt ist seit 60 Jahren aktiv. Die Themen haben sich natürlich gewandelt, doch Kommunikation ist als eine unserer wichtigsten Aufgaben geblieben. Wir pflegen und beraten ein großes Netzwerk, halten Kontakt zu Gewerkschaften, zur Handels- und zur Handwerkskammer, zu Unternehmensverbänden, Arbeitgebern und Arbeitnehmenden. Der KDA berät auch direkt bei Konflikten, mit Supervision oder Mediation. Wir engagieren uns in der Mobbingberatung und Seelsorge. Zunehmend wichtiger finden wir, wirtschaftspolitisch relevante Fragen in die gesellschaftliche Diskussion einzubringen, durch Veranstaltungen und Fortbildungen. Themenspezifische Gottesdienste, wie zum Bußtag oder zum Tag der Arbeit gehören auch zu unseren Aufgaben. Und nicht zuletzt ist der KDA eine beharrliche Stimme für die Menschen in der Arbeitswelt.