Rennstrecken

Kurven und Berge: Die Jäger der vergessenen Pisten

Bereits 1903 fuhren die ersten Motorräder auf der Strecke vom Stuttgarter Westbahnhof hinauf bis zum Schloss Solitude die ersten Bergrennen.

Bereits 1903 fuhren die ersten Motorräder auf der Strecke vom Stuttgarter Westbahnhof hinauf bis zum Schloss Solitude die ersten Bergrennen.

Foto: -- / SPS

In Deutschland haben in den vergangenen 100 Jahren an vielen, heute unbekannten Stellen Motorverrückte ihrer Leidenschaft gefrönt.

Berlin.  Hier eine schöne Links-Rechts-Kombination, dort eine für diese Gegend viel zu breit ausgebaute Straße und da eine kurvenreiche Bergstrecke – wer genau hinsieht, erkennt das Potenzial dieser Straßen. Wagemutige Piloten haben sich hier schon vor Jahrzehnten mit ihren Autos oder Motorrädern Wettkämpfe geliefert. Manche Strecken sind heute weitgehend vergessen, andere nur noch Interessierten bekannt, wieder andere werden tatsächlich noch als solche genutzt.

Das Buch „Lost Tracks“ (Motorliebe-Verlag, 208 Seiten, 18 Euro über motorliebe.de) porträtiert in einer Mischung aus rasantem Bildband und mit viel Benzin im Blut geschriebenem Sachbuch aufwendig und kenntnisreich elf verborgene Rennstrecken in ganz Deutschland: von Estering und Norisring, auf denen heute noch Wettbewerbe ausgetragen werden, bis zu Strecken mit ruhmreicher Vergangenheit. Fünf Beispiele, die im öffentlichen Straßenraum liegen und heute noch zu befahren sind.

Schauinsland

173 Kurven auf zwölf Kilometer Länge, 800 Höhenmeter auf den Berg Schauinsland – wer hier im Schwarzwald in der Nähe von Freiburg heute unterwegs ist, wird den Pionieren Respekt zollen, schreibt der Autor. Sie preschten ab 1925 noch auf Schotter die Serpentinen hoch. Bis 1985 fanden hier mehr oder weniger regelmäßig Motorsportwettbewerbe statt, heute sind regelmäßig Oldtimer-Veranstaltungen oder E-Auto-Rallyes auf der Strecke – die bis heute als öffentliche Straße vorhanden ist.

Solitude

Bereits 1903 trugen die ersten Motorräder auf der Strecke vom Stuttgarter Westbahnhof hinauf bis zum Schloss Solitude die ersten Bergrennen aus, ab 1922 beteiligten sich die ersten Sportwagen. Viermal wurde die Streckenführung geändert, ab 1935 war der Rundkurs rund 11,5 Kilometer lang. In den 1950ern kam eine halbe Million Zuschauer zum Motorrad-Grand-Prix, 1961 war hier erstmals die Formel 1 zu Gast. 1965 fand der letzte Motorsportwettbewerb auf der Solitude statt.

Großdeutschlandring

Für diese Strecke ist der Autor auf Spurensuche gegangen – denn offiziell gegeben hat es sie nie wirklich. Noch heute sind auf rund zehn Kilometern Landstraßen im Schatten der Sächsischen Schweiz im Schnitt zwölf Meter breit, an manchen Stellen doppelt so viel. Ab 1933 wurde der geplante „Großdeutschlandring“ sechs Jahre ausgebaut – Name und Datum verraten, wes Geistes Kind die Strecke ist. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs stoppten die Nazis die Fertigstellung. „Lost Tracks“ nimmt den Leser mit in die Vergangenheit einer anspruchsvollen Strecke, die nie offiziell von Sportfahrzeugen befahren wurde.

Schottenring

Auf rund 16 Kilometern führt die Strecke durch einen hügeligen Teil von Hessen, von Schotten über Rudingshain und Götzen zurück. Ab 1925 starten hier Motorräder, 1938 die ersten Rennwagen. „Heute präsentiert sich der alte Schottenring als touristisch interessante ­Straße im Vogelsberg“, schreibt der ­Autor, der mit einem Opel GT auf den Spuren des Naturkurses unterwegs war.

Jochpass

Auf der malerischen Strecke jagten im Jahr 1923 erstmals Motorräder im Wettbewerb die ungeteerte Bergstraße hoch, später starteten auch Autos auf der 5,7 Kilometer langen Passstraße. 1989 fand das letzte Rennen auf Deutschlands damals höchstgelegener Rennstrecke statt, heute ist sie noch Schauplatz von Oldtimer-Veranstaltungen. Und natürlich öffentliche Straße.

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