Gesundheit

Volksleiden Rückenschmerzen: Was gegen die Schmerzen hilft

| Lesedauer: 6 Minuten
Kai Wiedermann
Psychosomatische Schmerzen: Wenn die Seele krank macht

Psychosomatische Schmerzen- Wenn die Seele krank macht

Nicht jeder Schmerz hat einen körperlichen Auslöser, sondern Gefühle können der Grund für Schmerzen sein. Im Video sind typische psychosomatische Schmerzen und Handlungsempfehlungen zusammengefasst.

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Rückenschmerz plagen sechs von zehn Menschen. Woran das liegt und was im Alltag wirklich hilft, verrät der Rückenschulen-Verbandschef.

Berlin.  Rückenschmerzen sind ein Volksleiden. Laut dem Gesundheitsmonitor der Bundesregierung leiden 61 Prozent der Frauen und Männer darunter, 15,5 Prozent sogar chronisch. „Traurig, aber wahr“, sagt Sportpädagoge Ulrich Kuhnt, Vorsitzender des Bundesverbandes der Rückenschulen. Ein Gespräch über die Voraussetzungen für einen schmerzfreien Rücken.

Herr Kuhnt, warum hat Deutschland so oft Rücken?

Rückenprobleme hat es immer gegeben und es wird sie auch immer geben. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Wirbelsäule recht kompliziert aufgebaut ist. An ihrer Funktion sind sehr viele Gelenke und über 200 Muskeln beteiligt.

Was ist das größte Problem?

Früher haben Menschen meist körperlich anstrengende Tätigkeiten ausgeführt. In der Landwirtschaft etwa oder im Bergbau. Belastungen durch starke körperliche Beanspruchung gibt es auch heute noch, im Hochleistungssport zum Beispiel, in der Logistik, im Landschaftsbau oder in der Pflege. Da kann es für die Wirbelsäule schon zu viel werden. Für die meisten Menschen ist das aber nicht das Problem.

Was ist es dann?

Den Menschen fehlt die körperliche Aktivität. Die Wirbelsäule, die für Bewegung ausgelegt ist, bekommt zu wenige Reize. Der Rücken ist nicht in Form.

Wie kommt das?

Das ist eine Konsequenz unseres modernen Lebens, unserer modernen Mobilität. Die Bundeszen­trale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt für Erwachsene mindestens zweieinhalb Stunden Ausdaueraktivität wöchentlich und zweimal pro Woche Muskelkräftigung. Diese Zeiten und Ziele erreichen die meisten Menschen aber nicht, das zeigen alle Statistiken. Argumente, um sportlich nicht aktiv sein zu müssen, gibt es dabei viele.

Und dann kracht’s irgendwann im Rücken?

Hier muss man unterscheiden. Akute Beschwerden kommen plötzlich – ein Gelenk verhakt sich, die Bandscheibe ärgert mich, Nerven werden geklemmt. Der akute Schmerz geht in der Regel innerhalb von sechs Wochen wieder weg. In 98 Prozent der Fälle sind es aber gar keine Schäden, die Schmerzen am Rücken auslösen. Sondern Verspannungen, ausgelöst auch durch Stress, Sorgen oder Ängste.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Mensch auf Rückenschmerz oft falsch reagiert. Was meinen Sie damit?

Der Schmerz ist für viele Betroffene ein Hinweis, noch vorsichtiger zu werden und sich noch mehr zu schonen, anstatt dem Schmerz durch moderate Bewegung zu begegnen. Der Schmerz kann sich dann im Gehirn festsetzen. Er legt dort im Gedächtnis einen breiten Trampelpfad an. Chronische Rückenschmerzen, von denen sehr viele Menschen betroffen sind und die enorm hohe Kosten in der Therapie und durch Ausfalltage im Beruf verursachen, haben oft keine Ursachen mehr im Rücken selbst.

Wie kommt der Mensch dazu, sich mehr zu bewegen?

Dazu müssen wir zunächst einmal akzeptieren, dass viele Menschen wenig Sport machen oder ungern irgendwelche Kurse besuchen. Also sollten wir die Bewegung in den Alltag integrieren. Wir müssen die Hürden ganz niedrig ansetzen.

Können Sie da Beispiele nennen?

Also: Ich trage mein Gepäck auf Reisen zum Beispiel selbst, statt es tragen zu lassen. Ich spiele mit meinem Enkelkind Bewegungsspiele. Ich schneide die Hecke mit der mechanischen Gartenschere und ich öffne mein Garagentor noch mit der Hand. Zudem fahre ich oft Fahrrad und gehe gern zu Fuß. Es geht nicht darum, dicke Muskeln zu haben. Ich brauche vor allem eine Harmonie der Muskulatur und eine gute Koordination. Und dafür muss ich keinen Cent investieren.

Welche kleinen Tricks empfehlen Sie für den Start?

Stellen Sie beim Abtrocknen nach dem Duschen abwechselnd ein gestrecktes Bein auf Hocker oder Badewannenrand. Dehnen Sie so Ihre Beinmuskulatur. Heben Sie beim Zähneputzen erst das eine Bein, dann das andere. Oder gehen Sie beim Einkaufen in die Hocke, wenn Sie Waren aus dem untersten Regal brauchen. Schieben Sie dabei den Po nach hinten und stützen Sie ihre Ellenbogen auf die Oberschenkel.

Solche Kleinigkeiten helfen?

Der Rücken braucht vor allem ein muskuläres Gleichgewicht und Koordination. Die Muskeln müssen regelmäßig angesteuert werden. Und ganz wichtig: Sitzen ist wirklich der Rückenfeind Nummer eins. Stehen Sie möglichst oft auf und bewegen Sie sich. Und wenn Sie im Homeoffice arbeiten, dann besorgen Sie sich einen Aufsatz für den Schreibtisch, damit Sie vor dem Rechner stehen können.

Wie lange brauche ich, bis ich mit solchen Dingen Erfolge erziele?

Wichtig ist, dass Sie spüren: Ich kann etwas tun, die Beschwerden nehmen wirklich ab. Es geht um Selbstwirksamkeit. Danach kann man auch etwas mehr tun. Yoga machen zum Beispiel, nur ein paar Minuten. Oder Übungen mit dem Sitzball. Wir müssen Bewegung als Teil der Genesung begreifen, um unser Verhalten zu verändern. Dazu müssen wir nicht gleich unser Leben umkrempeln.

Sie kritisieren eine übertrieben medizinische Herangehensweise an viele Rückenprobleme. Was meinen Sie damit?

Wir glauben manchmal, wir müssten nur immer mehr Röntgenbilder machen oder Wirbelsäulen vermessen und Bandscheiben operieren, dann würde man die Probleme schon lösen. Meine Erfahrungen zeigen aber etwas anderes: Bilder und Operationen allein sind nur selten die Lösung.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Natürlich brauchen wir die Orthopädie und die Physiotherapie, ganz klar. Aber wir dürfen den Rücken nie isoliert sehen. Er ist Teil eines großen Systems. Wichtig ist, dass der Mensch eine Kompetenz erlangt. Er muss Kopf und Körper verbinden, ausreichend Bewegung und gesunde Ernährung. Es geht um einen rückenfreundlichen Lebensstil. Und dazu gehören auch unsere Einstellungen. Empathisch sein zum Beispiel, sich entspannen und Stress bewältigen zu können. Ich plädiere für mehr Ganzheitlichkeit.

Zur Person

Ulrich Kuhnt ist Sportpädagoge und leitet die Rückenschule Hannover. Er ist Vorsitzender des Bundesverbandes deutscher Rückenschulen (BdR) und fachlicher Berater der Aktion Gesunder Rücken.

Der 63-Jährige hat bereits mehrere Bücher über Rückengesundheit geschrieben. Das letzte heißt: „Das Rückenbuch für Faule“, erschienen im Trias-Verlag.

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