Familie

Erziehung: Warum Kinder strenger Eltern häufig unsicher sind

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Stefan Rippler
Roboter als Erzieher im Kindergarten in Südkorea

Roboter als Erzieher im Kindergarten in Südkorea

In den Kindergärten der südkoreanischen Hauptstadt Seoul gibt es einen neuen Erzieher - einen kleinen Roboter. Der "Alpha Mini" kann unter anderem tanzen, singen und Geschichten erzählen oder auch Gymnastikübungen mit den Kindern machen.

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Bestsellerautorin Nicola Schmidt wirbt seit gut zehn Jahren für bindungsorientierte Erziehung. Worauf sollten Eltern dabei achten?

Berlin. Wie können unsere Kinder eigentlich in den ersten Lebensjahren gut aufwachsen? Was brauchen sie dazu? Politikwissenschaftlerin und Bestseller-Autorin Nicola Schmidt versucht seit gut zehn Jahren, diese Fragen zu beantworten. Sie ist dabei zu einer Expertin für frühkindliche Entwicklung geworden. Elf Ratgeber-Bücher hat sie geschrieben, die sich mehr als 400.000-mal verkauft haben. Schmidts „Artgerecht-Projekt“ ist vielen Eltern bekannt.

Mit ihren Werken ist die ehemalige Wissenschaftsjournalistin neben dem Kinderarzt Herbert Renz-Polster oder auch den Autorinnen Nora Imlau oder Susanne Mierau Teil einer Bewegung geworden, die neurobiologische und anthropologische Erkenntnisse auf die Entwicklung von Kindern anwendet. Bedürfnisorientierung steht bei dieser im Mittelpunkt.

Kinder: Erste Lebensjahre prägend für Empathie-Entwicklung

„Mit Erkenntnissen, die wissenschaftlich belegt sind, möchte ich besonders jungen, verunsicherten Eltern helfen“ erklärt Schmidt. Sie wolle sich dabei gegen viele Eltern-Ratgeber abgrenzen. „Diese nutzen ideologische Anweisungen, um Eltern zu zeigen, wie richtige Erziehung geht.“

Studien, die Schmidt in ihren Büchern heranzieht, zeigen etwa, wie prägend besonders die ersten Lebensjahre sind, um Empathie zu entwickeln. Erkennen und befriedigen Eltern die Bedürfnisse nach Geborgenheit, Sicherheit und Zuverlässigkeit besonders in der Zeit bis zum sechsten Geburtstag, zeigten die Kinder als Erwachsene mehr Mitgefühl. Unerfüllte Bedürfnisse allerdings führten dazu, sie durch Konsum zu kompensieren.

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Eltern-Kind-Beziehung Parallelen zu Attachment Parenting

„Als Eltern streng und unnahbar zu sein, macht Kinder unsicher“, betont Schmidt. Bindung sei wichtig für die frühkindliche Entwicklung. Schlafen im Familienbett, körpernahes Tragen und Stillen, wann immer das Baby Hunger hat und solange es für Mutter und Kind richtig ist – das sind die wesentlichen Grundpfeiler von „artgerechtem“ Aufwachsen, kombiniert mit gewaltfreier und gleichberechtigter Kommunikation.

Einiges davon trägt Parallelen zum sogenannten Attachment Parenting, kurz AP. Dieser Erziehungsansatz geht zurück auf den amerikanischen Professor für Kinderheilkunde und Kinderarzt William Sears und seine Frau Martha. Das wichtigste Prinzip von AP: eine positive Bindung zwischen Kindern und Eltern. Diese sei Voraussetzung dafür, zu einem emotional sicheren und psychisch gesunden Individuum heranzuwachsen.

Erziehungsansatz AP ist nicht unumstritten

Dazu empfiehlt Sears die sieben „Baby-Bs“: sofortiger Körper- und Augenkontakt zwischen Eltern und Kind; bedarfsorientiertes Stillen, bedarfsorientiertes Tragen des Kindes, gemeinsames Schlafen im Familienbett; Geschrei ernst nehmen als Ausdruck der Bedürfnisse; die Ablehnung von Schlaftrainingsprogrammen sowie Wahrung einer Balance aller Familienbedürfnisse und eigener Grenzen.

Gegner der AP-Bewegung kritisieren, dass sich Mütter beim Versuch, diese Punkte umzusetzen, ins Burnout überanstrengen würden. Zudem gibt es AP-Anhänger, die Sears’ Maxime um fragwürdige Handlungsempfehlungen erweitern: Ablehnung medizinischer Geburtshilfen etwa oder auch von Impfungen.

Familienbande aufbauen: Wie Camps in der Natur helfen können

Genau darum aber geht es Schmidt und ihrem Artgerecht-Ansatz nicht, wie sie sagt. Sie konzen­triere sich auf Bindungsempfehlungen, die sich wissenschaftlich belegen ließen, und ergänze sie um neurobiologische und anthropologische Erkenntnisse.

Was das für junge Eltern bedeutet, zeigen sie und ihr Team des „Artgerecht-Projekts“ mehrmals im Jahr in Wildniscamps. Eine Woche lang geht es für mehrere Familien ohne Smartphones, Spielzeug oder Strom in die Natur – dort gibt es viel Zeit in einer Gemeinschaft, die sich unterstützt. „Am besten wäre es, mit Kindern im Alter von sechs Monaten bis vier Jahren in den Wald zu gehen – zusammen mit anderen Familien“, sagt Schmidt. Warum? Weil der Mensch in seinem tiefsten Innern noch Jäger und Sammler sei – und sich auch die Biologie des Nachwuchses seit der Steinzeit kaum verändert habe: „Die Natur hat sich etwas dabei gedacht, Kindern ein bestimmtes Verhalten auf den Weg zu geben: etwa es weinen zu lassen, wenn es allein im Bett liegt“, sagt Schmidt und erklärt: „Ein Steinzeitbaby wäre erfroren oder gefressen worden.“

"Eltern brauchen einen Kreis von Menschen, der ihnen hilft"

Im Wald würde man kein Kind allein schlafen lassen, sondern es körpernah tragen oder zumindest in der Nähe der Eltern wissen. Der Einschlafprozess im Wald geht Hand in Hand mit dem, was in der Natur passiert: Er beginnt mit der Dämmerung, und das Kind schläft, sobald es dunkel ist. Übertragen auf die moderne Welt heißt das: „Kinder können nicht im Schlaf landen wie ein Hubschrauber“, sagt Schmidt. Es brauche eine Phase des begleiteten Sinkflugs.

Genau diese Erfahrung machen Eltern, die an Schmidts Wildnis-Camps teilnehmen – neben einer weiteren: „Eltern brauchen einen Kreis von Menschen, der ihnen hilft, die Kinder mit großzuziehen“, sagt Schmidt und erklärt: „Anders als Tiere hat der Homo sapiens keinen Mutterinstinkt.“ Das Problem: Die Wenigsten hätten so vertraute Menschen, mit denen sie einen solchen Kreis bilden könnten. „Eltern und Großeltern sind oftmals durch Weltkriege traumatisiert und haben wenig Verständnis für das, was eigentlich artgerecht wäre“, sagt sie.

Schmidt rät deshalb dazu, selbst Clans zu schaffen. Andere Eltern ansprechen, Krabbelgruppen gründen, gemeinsam auf Kinder aufpassen – all das sei ein erster Schritt von der Kleinfamilie zum Clanleben. Schmidt sagt: „Menschen haben mehrere Tausend Jahre in Clans gelebt. Dass ein oder zwei Elternteile sich tagelang allein um die eigenen Kinder kümmern, liegt nicht in unserer Natur.“ Lesen Sie auch: Kinder zu verwöhnt? Forscher warnen vor Ego-Kids

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