Krankheit

Mediziner warnt: 100.000 Menschen mit Coronavirus infiziert

Coronavirus verbreitet sich weiter rasend schnell

Zehntausende Erkrankte und viele hundert Tote: Das Coronavirus hat sich über die ganze Welt verbreitet. In Teilen Chinas steht das öffentliche Leben still. Die Symptome ähneln einer Grippe.

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Der Mediziner Eckhard Nagel arbeitet am Tongji-Klinikum in Wuhan. Er sagt: Die Zahl der Coronavirus-Infizierten ist höher als gedacht.

Berlin. Die Zahl der Menschen, die sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert haben, steigt täglich. Genauso wie die Zahl der Todesopfer. Am stärksten betroffen ist noch immer die zentralchinesische Millionenmetropole Wuhan. Der deutsche Präsident des deutsch-chinesischen Tongji-Klinikums in Wuhan, Professor Eckhard Nagel, ist derzeit selbst nicht in Wuhan, steht aber in regelmäßigem Kontakt zu seinen ärztlichen Kollegen vor Ort. Er sagt: Der Druck für alle ist enorm.

Professor Nagel, wie ist die Situation vor Ort?

Eckhard Nagel: Unser Krankenhaus wie auch alle anderen Kliniken in der Stadt haben in den vergangenen Wochen versucht, zuerst die Patienten zu entlassen, die nicht unbedingt stationär behandelt werden müssen. So hat man eigentlich die Krankenversorgung in vielen Bereichen runtergefahren, um sich auf die Versorgung von Infektions- und Notfallpatienten konzentrieren zu können. Es gibt im Moment in den Krankenhäusern keine normale Versorgung.

Besteht für einige Patienten dann ein Risiko?

Nagel: Nein. Tatsächlich erkrankte Menschen werden sehr gut versorgt. Die Frage, um die es ja hier geht ist, wie kann man die Ausbreitung verhindern?

Die Behörden haben ja entschieden, die Ausbreitung zu verhindern, indem ganze Städte abgeriegelt werden. Wie ist ihr Eindruck: Akzeptieren die Menschen diese drastischen Maßnahmen, die ja in Deutschland undenkbar wären?

Nagel: Mein Eindruck aus persönlichen Gesprächen ist: Es gibt ein großes Zutrauen, dass diese Maßnahmen helfen. Sie sind eine große Belastung, ja. Aber es gibt eine kollektive Überzeugung, dass dadurch die Situation in den Griff zu kriegen ist. Insofern glaube ich, dass im Moment eine hohe Toleranz vorhanden ist. Jetzt guckt man natürlich gebannt, ob die Maßnahmen wirken. Das wird man daran sehen, inwieweit sich der Anteil der zunehmenden Fälle in den nächsten zehn, vierzehn Tagen reduziert.

Was berichten Ihre ärztlichen Kollegen?

Nagel: Sie stehen natürlich unter enormem Druck. Denn man muss sich auch klar machen, dass wir in Wuhan eine ganz andere Zahl von Patienten haben, als es in einem deutschen Krankenhaus der Fall wäre. Allein im Tongji-Klinikum werden pro Jahr circa sieben Millionen Patienten versorgt. In einem deutschen Großklinikum wie in Essen sind es um 200.000 Patienten. Kommt man dann in eine Situation, in der viele Menschen aus Sorge eine Untersuchung wünschen, gibt es einen Ansturm, der kaum zu bewältigen ist.

Das klingt nach Chaos.

Nagel: Zuerst war man natürlich überrascht von den Entwicklungen. Gleichzeitig ist die medizinische Versorgung in Wuhan sehr gut. Hier gibt es Krankenhäuser, die eine exzellente Ausstattung haben. Außerdem gibt es eine lange Tradition zwischen Deutschland und China unter anderem im Bereich der Virologie, also bei Infektionskrankheiten. Insofern hat man die Kapazität und die Kenntnis gehabt, relativ schnell zu identifizieren, ob und in wieweit tatsächlich ein neues Virus vorliegt. Wäre der Ausbruch an anderer Stelle passiert, wage ich nicht, mir vorzustellen, wie lange es gedauert hätte, bis man gewusst hätte: Worum geht es eigentlich?

Sie sprechen von einer exzellenten medizinischen Ausstattung und Kompetenz. Kann jeder Chinese darauf zurückgreifen?

Nagel: In China gibt es eine Krankenversicherung, die zumindest wesentliche Teile der medizinischen Leistungen abdeckt. In diesem Fall hat aber die Zentralregierung der Provinz 100 Millionen Euro zugesagt, die in die Versorgung fließen. Das heißt, es gibt hier im Moment keine finanziellen Beschränkungen in der Behandlung der Patienten.

Sie kennen China gut. Wie erklären Sie sich, dass Sars, die Vogelgrippe und nun auch Corona in China ihren Anfang nehmen?

Nagel: Wenn man den Fachleuten folgt, dann könnte es daran liegen, dass der Umgang mit Wildtieren anders ist, als in anderen Ländern. Wildtiere sind in manchen Regionen eine besondere Spezialität. Es ist also auch nicht ausgeschlossen, dass bestimmte Essgewohnheiten eine Übertragung vom Tier auf den Menschen eher möglich machen als zum Beispiel in Deutschland.

Gibt es in China eine Diskussion darüber, ob sich daran etwas ändern muss?

Nagel: Im Moment sind der Handel und die Nutzung von Wildtieren generell in China verboten. Es ist also politisch entschieden. Wie sich die Bevölkerung dann im Alltag verhält, kann man in so einem großen Land natürlich nur schwer vorhersagen. Aber das Ereignis jetzt ist natürlich für alle sicher ein Anlass aufmerksamer zu werden. Und es wäre fahrlässig zu glauben, so etwas könnte in Amerika oder Europa nicht passieren.

Es werden immer mehr Zweifel laut an den Infizierten-Zahlen. Ärzte in Wuhan haben den Verdacht geäußert, dass sich wesentlich mehr Menschen angesteckt haben, als offiziell bekannt gegeben wurde.

Nagel: Es ist sicher so, dass die Anzahl der Infizierten deutlich über den Zahlen liegt, die wir heute gemeldet bekommen. Das ist auch nicht verwunderlich. Jeden Tag erhöhen sich die Zahlen, weil an jedem Tag hunderte neuer Tests gemacht werden und erst dann feststeht, ob ein Patient infiziert ist oder nicht. Im Kleinen erleben wir das gerade in Deutschland. Im Großen werden wir das in China sehen. Ich gehe davon aus, dass sich bis zu 100.000 Personen infiziert haben, dass aber durch die seit einiger Zeit getroffenen Maßnahmen diese Zahl eingedämmt werden kann.

Es könnte auch mehr Klinikpersonal betroffen sein, als die offiziell 15 bekannten Mitarbeiter. Wie ist Ihre Einschätzung?

Nagel: Für das betroffene Klinikpersonal gilt das Gleiche wie für die Bevölkerung insgesamt: Am Anfang war nicht klar, dass das Virus sich von Mensch zu Mensch überträgt und insofern gab es auch keine Verpflichtung sich entsprechend zu schützen. Aufgrund des großen Andrangs von Patienten gab es zudem erhebliche körperliche und seelische Anforderungen an das Krankenhauspersonal. Stress macht anfälliger, zum Beispiel auch für eine Infektion. Insofern werden wir bei den in der Krankenhausversorgung Arbeitenden ebenfalls in den nächsten Tagen und Wochen noch eine Zunahme von Krankheitsfällen sehen.

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