Ostafrika

Nosy Be: Immer mit der Ruhe vor der Küste Madagaskars

Mora Mora: Sehr ruhig lässt es dieser Mann auf einem Rinderkarren am Strand von Nosy Be angehen.

Mora Mora: Sehr ruhig lässt es dieser Mann auf einem Rinderkarren am Strand von Nosy Be angehen.

Foto: P. Royer / picture alliance / blickwinkel/P. Royer

„Immer mit der Ruhe“ lautet das Mantra auf dem zweitgrößten Inselstaat der Welt, Madagaskar. Das wird auch auf der Insel Nosy Be gelebt.

Nosy Be. Sie sind Pünktlichkeitsfanatiker? Sie können es nicht leiden, wenn ein Plan mehrfach geändert wird, Dinge ganz anders laufen, als Sie sich das vorgestellt haben, Strom und Wasser nicht zuverlässig funktionieren? Dann ist Nosy Be, eine Insel vor der Nordwestküste Madagaskars, nichts für Sie. Oder vielleicht unbedingt!

Es sagt sich ja so leicht: Mach‘ dich locker! Doch wem gelingt das? Selbst im Urlaub fällt es vielen schwer, den Tag mal so passieren zu lassen, wie es dem Tag gefallen würde. Ständig wollen wir ihn beeinflussen und optimieren. Das Beste aus ihm herausholen. Leitspruch einer ganzen Manager-Generation: Carpe Diem!

Die Autorin nimmt sich von dieser nervigen Regiearbeit für alles und jeden keineswegs aus, nein, sie ist der schlimmste Auf-die-Zeit-achtende-Effektivitäts-Junkie Norddeutschlands (eventuell geographisch darüber hinaus, Bewerbungen bei diesem unschönen Ranking werden gerne entgegen genommen), und sie durfte auf Nosy Be viel über ihre selbst eingebauten inneren Hindernisse lernen.

Dafür begibt man sich traditionellerweise eigentlich ins Kloster oder bucht teure Yoga-Seminare mit veganer Kost, aber einfach mal bei 30 Grad über eine noch relativ unbekannte Insel zuckeln und abends Bier trinkend die Sonne verabschieden, das kommt zum einen billiger, zum anderen hat es einen ähnliche Detox-Effekt: drei Kilo Stress loswerden. Lass mal laufen, Cherié!

Womit wir bei der überhaupt ersten Information dieses Textes wären: Die Menschen vor Ort sprechen neben Malagassy alle Französisch. Die Franzosen annektierten die Insel 1841 und machten sie zu einem wichtigen Stützpunkt ihrer Kolonialisierung. Mit Französisch kommt man vor Ort demnach ziemlich weit, mit Euro als Zahlungsmittel genauso, sogar in wirklich nischigen Geschäften wie sagen wir mal einem Machetengeschäft (dazu später).

80 Prozent der Einheimischen arbeiten im Tourismus, also dachten sie sich, gut, dann passen wir uns eben währungstechnisch unseren Gästen an. Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht? Eine begrüßenswerte Geste der Gastfreundschaft. Sie macht es möglich, das erforderliche Visum nach der Landung am Flug­hafen von Nosy Be in Euro zu erwerben. Doch dort startet die Lektion in Mora Mora, ein Sprichwort in Madagaskar, das mit „Immer mit der Ruhe!“ übersetzt werden kann, bereits.

Ein Blumenkranz zur Begrüßung

Der vom langen Flug ermüdete Tourist will schnell seinen Pass vorzeigen, Geld hinblättern, Koffer schnappen und ab ins Hotel. Von wegen! Was für ein verrückter Plan. Zunächst lernt man circa zehn verschiedene, am Einreiseprozess beteiligte Madagassen kennen. Der erste drückt einem das Einreiseformular in die Hand, der zweite hilft beim Ausfüllen, wieder ein anderer kontrolliert das Formular, der nächste den Pass – dadurch erreicht man die nächsthöhere Ebene, nämlich den Kontrolleur, der Pass und Formular gleichzeitig kontrolliert! Wer des Ausfüllens mächtig war, darf nun an einen Schalter vorrücken, an dem das Visum bezahlt werden soll. 35 Euro. Doch zunächst: alle Dokumente prüfen.

Geld zählen, von jemandem im Hintergrund wechseln lassen, von einer zweiten Person im Hintergrund eine Quittung erhalten, dann weiter zur letzten, wichtigsten Ebene: Pass und Visum zwei an einem Tisch sitzenden Menschen vorlegen. Es klingt so, als hätten wir uns örtlich schon sehr weit vorbewegt, aber all diese Prozesse finden innerhalb eines Radius von einem durchschnittlich großen Klassenzimmer statt.

Weiter in der Bürokratie-Champions League: Das Visum, welches zunächst ein Papier-Formular war, wird gegen einen Aufkleber getauscht. Abschließend stehen da noch mehrere Leute, deren Funktion unscharf bleibt, jedenfalls bekommt der Reisende am Ende einen richtig schönen Blumenkranz um den Hals gehängt. Eine Auszeichnung in Geduld und dem erfolgreichen Bestehen der ersten Mora mora Unterrichtseinheit. Herzlichen Glückwunsch. Jetzt kann der Urlaub starten.

Also umgehend nach dem Auspacken des Koffers (wie zu erwarten wieder mal nicht genügend Bügel im Schrank, da knittert doch alles, Menno!) einen Besichtigungsplan erstellen. Nosy Be wird auch Parfüm-Insel genannt, denn hier wächst eine der wichtigsten Zutaten französischer Parfümeure: Ylang Ylang. ­„Blume der Blume“ heißt das übersetzt, die Blüten des immergrünen Baumes verströmen einen unverwechselbaren Duft, der beispielsweise in Chanel No 5 enthalten ist. Nosy Be und Mayotte sind die weltweit größten Produzenten. Daher will man unbedingt eine Destillerie besichtigen.

Inseln mit verbotener Liebe

Nicht um das Öl käuflich zu erwerben, das wäre zu konsumorientiert, nein, es interessiert einen der genaue Herstellungsprozess. Außerdem möchte man Lemuren sehen (die süßen Äffchen gibt es weltweit nur auf Madagaskar), das Lokobe Reservat, das man nur mit einem traditionellen Boot erreichen kann, den Markt von Hell-Ville, um Vanille zu kaufen, sowie „Russian Bay“.

So nennt sich der Hafen, in dem 1904 während des Russisch-Japanischen Krieges 25 Kriegsschiffe mit fast 10.000 russischen Matrosen lagen. Sie warteten dort auf Verstärkung durch das dritte russische Pazifikgeschwader, doch sie warteten zu lange.

Nach mehreren Wochen brachen Krankheiten unter den Männern aus, es muss sehr grausam und ekelig zugegangen sein, viele Seeleute wurden auf dem Friedhof von Hell-Ville begraben. Die Ereignisse dienten angeblich als Vorlage für das Lied „Wir lagen vor Madagaskar“; inhaltlich würde es passen, doch einen genauen Beweis gibt es nicht.

Und weil etwas Romantisches bei einer ordentlichen Reise nie fehlen darf, will man unbedingt auch zur vorgelagerten Insel Nosy ­Sakatia, was „verbotene Liebe“ bedeutet. Hier soll es den schönsten Strand geben. Ach, und nicht vergessen: Unbedingt einmal Schnorcheln, die Unterwasserwelt im Indischen Ozean gilt als einzigartig. Damit steht die Liste der mindestens zu erledigenden Sightseeing-Punkte.

Schildkröten wie aus Jurassic Park

Es kommt ganz anders, aber das weiß der Deutsche zu dem Zeitpunkt noch nicht. Er bucht bereits total engagiert den ersten Ausflug: Nosy Sakatia. Doch am nächsten Morgen weiß niemand etwas davon, ein italienischer Hotelmanager bietet an, einen stattdessen zum Schwimmen zumindest vor die Insel zu schippern. Große Enttäuschung.

Aber da soll es doch diesen Strand geben und ein Fischerdorf! Na gut, weil der Italiener so nett ist, akzeptiert man den Trostpreis, der allerdings nach zehn Minuten zum Hauptgewinn wird. Riesige Schildkröten schwimmen umher, sie sind so groß, als befände man sich mitten in einer dieser Dokumentationen über „Gigantische Urzeittiere“.

Die ganze Insel ist ein einziges Schlagloch

Am nächsten Tag möchte man Schnorcheln. Was soll es da schon für Probleme geben? „Das Boot ist leider nicht da“, sagt der Tauchschulen-Besitzer. Morgen wieder. Mora Mora. Tja, alternativ dann zum Markt der Hauptstadt Hell-Ville. Die Straßen sind allerdings ungeheuer schlecht, ein derartiges Infrastrukturproblem hat man in einer Touristendestination selten erlebt. Die ganze Insel ein einziges Schlagloch!

Für wenige Kilometer braucht man ewig. Also schafft man es nur bis zum Dorf Dzamandzary, wo es dann zwar keine Vanille, dafür aber Macheten gibt. In verschiedenen Größen und Preisklassen, und die Dinger sind keineswegs ausschließlich für die Gartenarbeit gedacht. Die Bauern auf madagassischen Vanillefeldern müssen ihre Ernte inzwischen gegen Diebe verteidigen, der Preis für das Gewürz ist so in die Höhe geschnellt (600 Euro für ein Kilo auf dem Weltmarkt, dass es immer häufiger gestohlen wird. Interessant. Beim Warenerwerb tappt der Reisende gleich wieder in die Optimierungsfalle, dieses Mal gilt es den bestmöglichen Kaufpreis zu erreichen.

„Nicht so viel handeln, dann bekommst du ein schlechteres Produkt“, ermahnt einen Didien Géraldo Randrianjafinirina. Doch, der Name stimmt. „Bisschen lang, was? Haben wir hier aber alle so“, sagt der Guide. Der 28-Jährige weiß bei der Rückfahrt jedes Schlagloch mit einer interessanten Geschichte zu füllen.

Tagsüber herrscht überall Easy going

Wir fahren an einem verlassenen Fabrikgelände vorbei. „Das war früher unsere Rumfabrik, sehr viele Leute haben dort gearbeitet, aber dann ist der ­Geschäftsführer mit der Kasse abgehauen.“ Ja, und dann? Kein ordentliches Strafverfahren? Protestmärsche der Gewerkschaften? Rettung der Arbeitsplätze durch den Staat? Nee, einfach Schicht im Schacht. Rum alle. Jetzt wird Bier getrunken von den heimischen Marken, entweder Three Horses, Gold oder Queen. Am Wochenende gerne auch mal sehr lange zu sehr lauter Musik. Da wird Nosy Be zu Noisy Be. Tagsüber herrscht jedoch überall Easy going.

Die Frauen tragen gelbe Farbe im Gesicht als Sonnenschutz und verjagen die Fliegen von den Fischständen, die Kinder spielen Boules auf dem Schulhof oder Fangen in kaputten Autos, die Männer reparieren alte Telefone oder das Krankenhaus. Ein Blick auf das Gebäude – und jedes Wehwehchen verschwindet von alleine. Spontanheilung. Was uns zum Thema Malaria bringt.

Der artige Deutsche hörte selbstverständlich auf die dringende Empfehlung des Reiseveranstalters, ein Prophylaxe-Mittel zu nehmen, Bauchschmerzen als Nebenwirkung hin oder her. Der erste Einheimische, den man fragte, ob er schon mal an Malaria erkrankt sei, antwortete: „Malaria? Gibt es auf Nosy Be gar nicht.“ Vielleicht gemeinsam mit der Rumfabrik einfach so verschwunden, wer weiß. Eine abschließende Info dazu steht noch aus. Mora Mora.

Der reichste Mann der Insel lebt im Geisterhaus am Sklavenhafen

Ebenfalls schwer mit verlässlichen Quellen zu belegen ist die Story um das Geisterhaus von Marodoka. Zum ältesten Dorf der Insel verschlägt es einen nämlich, weil irgendwas anderes nicht klappte, aber ist mittlerweile auch egal. Lass den Tag mal machen, was er will. Wir machen mit. Also Marodoka.

Dort steht eine Ruine, die nur noch von einem Baum zusammengehalten wird, und in ihr lebte im 17. Jahrhundert der reichste Mann der Insel, der Inder Karim Djikaka. Bei ihm wohnten Geister, die seinen Reichtum beschützen würden, so hieß es. Wagte es tatsächlich mal jemand, das Haus zu betreten, dann wurde er mit kurzfristiger Blindheit oder ähnlichen Schicksalen bestraft. Gruselig auch die Geschehnisse am wenige Meter entfernt gelegenen Hafen.

Dort landeten früher die Schiffe mit Sklaven aus Kenia und von Sansibar. Als Begrüßung erhielten sie einen Cocktail, der sie bewusstlos machte. So konnte man den Menschen leichter den Kopf scheren, um den Unterschied zwischen Sklaven und Einheimischen optisch zu verdeutlichen. „Heute sind die Welcome-Drinks für unsere Gäste deutlich besser“, sagt Faid Aboudou Stéphano und lacht.

Er leitet Führungen durch Marodoka und scheint außerdem Gynokologe zu sein. „Probier‘ mal diese Frucht, sie heißt Bilimbi. Daran erkennt man bei einer Frau, ob sie ein Kind bekommt. Isst sie sehr viele davon, dann erübrigt sich jeder Schwangerschaftstest.“ Die Autorin isst keine. Tanzt dafür allerdings zehn Minuten später mit Frauen in traditionellen Gewändern um einen alten Reistopf herum. Das Gute am Reisen ist ja, vorher nicht zu wissen, wie komisch und unerwartet es kommt, sonst würde niemand je losfliegen.

Lass mal laufen, Cherie!

Ravinala nennt sich die Vereinigung von Frauen aus Marodoka, die das kulturelle Erbe ihres Volksstammes erhalten wollen. Ihre Gesichter sind künstlerisch bemalt mit weißer Farbe, die sie aus Kalkpuder und Wasser anrühren und mit Zahnstochern auftragen. Sie nähen ihre Gewändern selbst und tanzen fünf unterschiedliche Tänze, wobei der eine, „Wadra“ genannt, angeblich beim Reisstampfen erfunden wurde. Essenszubereitung kann so sportlich sein.

Wer die Damen zu einer Aufführung besucht, bekommt einen medizinischen Tee und einen Kuchen aus Kokos und Reispuder serviert, dessen Namen die Engländer inspirierten. „Good!“ sagten sie kauend, wenn sie den Kuchen zum ersten Mal probierten. Sie sagte es wohl ziemlich häufig, denn „Good Good“ setze sich als Kuchenname durch.

Doch die Frauenvereinigung gibt es nicht wegen Völkerfriede, Tanzen, Kokoskuchen, sondern dahinter steht auch ein heikles Thema: Prostitution. Nosy Be mag noch kein zweites Pattaya sein, doch auf den Straßen gehen auffallen viele ältere weiße Männer an der Seite von jungen schwarzen Frauen. „Wir müssen uns entscheiden, was für eine Art von Tourismus wir in Zukunft auf unserer Insel wollen“, sagt Herilaza Hugues von der Association des Femmes Marodoka.

„Wir sind alle sehr gastfreundlich und wir brauchen die großen Hotels. Aber die Gehälter sind teilweise schlecht, es bleibt noch zu wenig bei der heimischen Bevölkerung übrig, deshalb prostituieren sich viele Frauen.“

Manche nennen es Prostitution, andere einen guten Fang. Sonja zum Beispiel, 23 Jahre als, seit fünf Jahren mit einem Franzosen zusammen, der 40 Jahre älter ist als sie und gerne Golf spielt. Es sei nicht von Anfang an Liebe gewesen, nein, aber inzwischen würde sie ihn sehr zu schätzen wissen. „Ich habe ein gutes Leben“, sagt Sonja. Sie wohnt in einem von Zäunen geschützten Anwesen mit mehreren Angestellten; ihr Sugar Daddy hat ihr sogar einen pinken Hummer geschenkt.

Wenn sie darin über die Schlaglöcher der Dörfer brettert, zieht die zierliche Frau jeden Blick auf sich. Wie Magnete verfolgen sie diejenige, die es geschafft zu haben scheint. Sonja lächelt in so einem Moment. Man würde sich gerne mit ihr freuen. Doch es läuft eben nicht alles nach Plan hier. Bei der Ausreise reihen sich wieder viele, viele Beamte nacheinander auf.

Einer, der die Vergabe des Ausreisestempels befehligen darf, fragt: „Do you have a gift?“ Ernsthaft jetzt? Doch wir haben in den letzten Tagen ja dazugelernt: „Next Time. Mora mora!“ Der Beamte lacht und winkt durch. Kannst laufen, Cherié!

Tipps & Informationen

Dreimal die Woche fliegt Ethiopian Airlines von Frankfurt über Adis Abeba nach Nosy Be.

Beispiele zum Übernachten sind das Ravintsara Wellness Hotel, Doppelzimmer ab 168 Euro, www.ravintsarahotel. com, das Corail Noir, DZ ab 92 Euro, www.corailnoir-madagascar.com oder das Vanila Hotel & Spa, www.vanila-hotel.com, DZ ab 102 Euro.

Bootsausflüge zu Schnorchelgebieten und kleinen Trauminseln bietet Mr. Jack von Cama an.

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Ethiopian Airlines und das Office Nationale du Tourisme de Madagascar.)