Botenstoff

Dopamin: Dieses Hormon ist der Treibstoff der Menschheit

Eine Animation eines Menschen. Die roten Punkte stehen für Botenstoffe wie Dopamin, die großen Einfluss auf unser Empfinden haben.

Eine Animation eines Menschen. Die roten Punkte stehen für Botenstoffe wie Dopamin, die großen Einfluss auf unser Empfinden haben.

Foto: Science Photo Library / imago/Science Photo Library

US-Forscher haben sich mit dem Botenstoff Dopamin beschäftigt. Der ist verantwortlich für große Pläne, schöne Träume – und viel Leid.

Berlin.  Neulich hat Professor Daniel Z. Lieberman, Psychiater und Hirnforscher aus den USA, einen Patienten behandelt, der ein erfolgreicher Entrepreneur ist. Er hatte ein kleines Unternehmen in einen mittelgroßen Konzern verwandelt, litt unter Depressionen sowie dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom, kurz ADHS.

Lieberman sprach lange mit dem Patienten, dann sagte er: „Wir werden ihre Depression behandeln, aber nicht ihr ADHS. ADHS ist zwar wie die Depression ein Ungleichgewicht im Hormonhaushalt, aber ohne dies wären Sie vielleicht nicht da, wo Sie jetzt sind.“ Es sei genau diese Unausgeglichenheit, so Lieberman, die den Patienten habe fokussiert werden lassen.

Der Stoff, der für Fokussierung zuständig ist, heißt Dopamin – ein Neurotransmitter des zentralen Nervensystems. Der Körper produziert ihn selbst, und von Laien wird er oft als Glückshormon bezeichnet.

In ihrem neuen Buch („Ein Hormon regiert die Welt“, Riva-Verlag, 19,99 Euro, 256 Seiten) zeigen Lieberman und der Physiker Michael E. Long, dass Dopamin oft falsch verstanden wird. Ihrer Forschung zufolge ist es ein Hormon, das für die Entwicklung von Zielen zuständig ist, die wir im Augenblick nicht erreichen können. Es ist Treibstoff.

Dopamin ist Belohnung für harte Arbeit

Dopamin lässt Lieberman und Long zufolge Menschen kreativ werden, um Dinge zu erreichen. Und der Stoff hilft ihnen auch durchzuhalten. Wenn sie einen Marathon laufen etwa, ein 1000-Seiten-Buch lesen oder einen Umweg machen, um ein besseres Brot zu kaufen. Wenn das Ziel erreicht ist, wird Dopamin ausgeschüttet – Antrieb und Belohnung für harte Arbeit.

„Ich habe mich anderthalb Jahre lang intensiv mit diesem Hormon auseinandergesetzt“, sagt Lieberman. Dabei habe er gelernt, „dass Dopamin auch für eine Menge Traurigkeit im Leben sorgen kann“. Er meint: Dopamin verführe Menschen permanent dazu, einer bestimmten Sache hinterherzujagen, die sie zum Überleben gar nicht brauchen: eine Reise, Luxus, eine virtuelle Waffe für ein Online-Spiel.

„Dopamin will unsere Zukunft besser machen und macht im Prinzip die ganze Zeit über Versprechen“, sagt Lieberman. Das heiße im Umkehrschluss: „Wenn wir wirklich zufrieden und glücklich sind mit dem, was wir haben, brauchen wir das nicht.“ Diesen Zustand aber erreichten viele nicht.

Dopamin spielt in fast allen Lebensbereichen eine Rolle

Vielmehr gehe es ihnen wie Mick Jagger in dem berühmten Lied „(I Can’t Get No) Satisfaction“, in dem er besingt, dass es keine Zufriedenheit gibt. Jagger hat Lieberman und Long zufolge mit über 4000 Frauen geschlafen – und er wollte immer mehr. Man könne das auch auf eine andere Formel bringen, so Lieberman: „Nach ein paar Wochen wird aus ‚dem besten Kaffee und Croissant der Stadt‘ das immer gleiche Frühstück.“

Liebe, Sucht, Herrschaft, Kreativität, Politik und Fortschritt. In all diesen Bereichen spielt Dopamin den Wissenschaftlern zufolge eine wichtige Rolle.

Ihr Buch beginnen sie mit dem Satz: „Schauen Sie nach unten.“ Dort könne man die Dinge sehen, die man unmittelbar erreichen kann. Dann: „Schauen Sie nun nach oben.“ Dort könne man die Decke sehen, den Himmel, ein Flugzeug oder den Mond. Um diese Dinge zu erreichen, müsse man planen. Und dieses Planen wird ausgelöst von Dopamin. „Diese chemische Substanz ist der Treibstoff für den Motor unserer Träume. Und sie ist die Quelle unserer Verzweiflung, wenn wir scheitern.“

Lieberman sagt, dass einige Unternehmen dieses Wissen zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben. „Einige Mitarbeiter bei der Online-Plattform Facebook arbeiten nur daran, dass die Nutzer auf der Website bleiben und dort Zeit verbringen.“ Denn nur so könne das Unternehmen Geld verdienen.

Online-Plattformen wie Facebook sprechen gezielt Dopamin an

„Der Strom der Nachrichten ist deshalb endlos“, sagt er. Man könne immer weiter scrollen. „Den Nutzern fällt es schwer, davon wegzukommen. Vor allem dann, wenn die Nachrichten etwas mit dem Nutzer zu tun haben.“ Hinter dem nächsten Link könnte sich etwas Relevantes für ihr Leben verbergen. „Auf lange Sicht aber macht diese Jagd nach dem nächsten Stück vom Glück eher unglücklich.“

In dem Zusammenhang erklären die Wissenschaftler en détail, was Dopamin mit Drogensucht zu tun hat, und finden zudem einen neuen Zugang zur bereits erwähnten Krankheit ADHS. Demnach sei es nicht ungewöhnlich, dass vor allem Kinder darunter litten: „Die Frontallappen, die maßgeblich am Dopamin-Kontrollsystem beteiligt sind, entwickeln sich zuletzt und verbinden sich erst dann vollständig mit dem Rest des Gehirns, wenn ein Mensch ins Erwachsenenalter eintritt“, schreiben die Autoren. Erst dann lernten Menschen, ihr unmittelbares Verlangen von selbst in Schach zu halten.

Dopamin als Antreiber und Belohnung könne sogar Unrecht begünstigen. Es unterdrücke das menschliche Gewissen – Betrug etwa fühle sich dank Dopamin nicht mehr so schlimm an.

Dopamin-Schübe können wie eine Sucht werden

Und so erklärt Lieberman auch, warum der ehemalige Radsport-Star und Tour-Sieger Lance Armstrong zu Dopingmitteln griff – und das Verlangen nach Erfolg sämtliche Schuldgefühle unterdrückte. „Dopamin will immer das Mehr, nicht Moral“, sagt Lieberman.

Deshalb agierten viele Menschen, die einmal gesiegt hätten, wie Drogensüchtige. „Das High ist großartig, doch der Entzug ist schrecklich.“ Im Grunde sei dieses Fehlverhalten deshalb auch ein medizinisches oder molekulares Phänomen.

Michael E. Long und Daniel Z. Lieberman könnten mit ihrem Buch das Leben vieler Menschen verändern – oder zumindest den Blick darauf. Lieberman selbst sei seit der Veröffentlichung fokussierter im Alltag. Warum das so sei? „Ganz einfach, ich bin seltener online“, sagt er, „und ich habe angefangen zu meditieren.“

Manchmal seien es nur zehn Minuten am Tag, aber er mache das fast täglich. Er sei auch viel toleranter geworden, wenn Dinge im Alltag nicht perfekt seien oder wenn er nicht sofort zum Ziel komme. Und wenn Lieberman doch einmal die Langzeit-Ziele aus dem Blick verliert, wisse er jetzt, wohin er schauen müsse: nach oben.