Umwelt

Weltklimakonferenz in Kattowitz: Alles eine Frage der Kohle

Kattowitz: Zentrum der polnischen Kohlewirtschaft – und Schauplatz der Klimakonferenz.

Kattowitz: Zentrum der polnischen Kohlewirtschaft – und Schauplatz der Klimakonferenz.

Foto: Getty Images / NurPhoto/Getty Images

Wissenschaftler mahnen vor der Weltklimakonferenz in Kattowitz zur Eile. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet tritt auf die Bremse.

Berlin.  Nun also Kattowitz. Ausgerechnet, oder vielleicht genau deshalb. Am Ende eines extremen Jahres tagt die UN-Klimakonferenz im oberschlesischen Industriegebiet, mitten in der letzten Kohlehochburg Europas.

Mehr als 80 Prozent seines Stroms holt Polen immer noch aus dem Energieträger, bei dessen Verstromung das entsteht, was die globale Erderwärmung antreibt: das Klimagas Kohlendioxid. 33 der 50 schlimmsten Smog-Städte Europas liegen laut der Weltgesundheitsorganisation in Polen.

Kohleausstieg muss laut Forschern schnell kommen

Die radikale Abkehr von der Kohle, die die Wissenschaft in dramatischen Appellen innerhalb des nächsten Jahrzehnts fordert – hier in Polen mögen sich das Menschen wünschen, vorstellen können sie es sich kaum.

Das ist die Aufgabe, an der sich die mehr als 10.000 Teilnehmer aus über 190 Ländern in den kommenden 14 Tagen versuchen werden: Kompromisse ausloten, Regeln verabschieden, Wege aufzeigen. Klimadiplomatie ist manchmal so grau wie die Winter in Polen.

• Was die Wissenschaft sagt

Der Bericht, den der Weltklimarat IPCC im Oktober vorstellte, mahnte, dass jede vermiedene Tonne CO2 und jedes Zehntelgrad Erwärmung zähle. Schon bei einer Erderwärmung von 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit seien Ökosysteme wie tropische Korallenriffe oder die Arktis besonders bedroht.

Es sei möglich, das Limit von 1,5 Grad einzuhalten. Nötig dazu seien „nie da gewesene Anstrengungen“. Bis zum Jahr 2030 müsste der weltweite Treibhausgas-Ausstoß praktisch halbiert werden.

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• Worum es in Kattowitz geht

Zur Verabschiedung steht das Regelwerk für die Umsetzung des Paris-Abkommens. In diesem Vertrag hat sich die Weltgemeinschaft 2015 dazu bekannt, die Erderwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“, möglichst auf 1,5 Grad, zu begrenzen. Würden die Staaten ihre bisherigen Ankündigungen umsetzen, würden es laut aktuellen Berechnungen drei Grad.

„Jeder Staat braucht die Gewissheit, dass nicht nur er selbst, sondern auch seine Wettbewerber ambitionierten Klimaschutz betreiben“, verlangt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Alle fünf Jahre sollen ehrgeizigere nationale Pläne auf den Tisch gelegt werden.

Wie immer geht es auch ums Geld. Der milliardenschwere Grüne Klimafonds muss wieder aufgefüllt werden. Deutschland hat hier jährlich 1,5 Milliarden Euro ab 2019 zugesagt.

• Welche Rolle Deutschland spielt

Vom einstigen Musterschüler im Klimaschutz kann keine Rede mehr sein. Deutschland musste kürzlich eingestehen, dass es die Klimaziele bis 2020 krachend verfehlen wird. Auch wird die deutsche Delegation ohne ein Gesamtkonzept für den Kohleausstieg nach Kattowitz fahren.

Die Kohlekommission, in der Wirtschaft, Gewerkschaften, Wissenschaftler und Klimaschützer an einem Tisch sitzen, hat sich bis Anfang nächsten Jahres vertagt. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird beim Weltklimagipfel erst gar nicht vorbeischauen.

Im Energieland Nordrhein-Westfalen, das für etwa ein Drittel der gesamten energiebedingten CO2-Emissionen Deutschlands verantwortlich ist, warnt Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) indes davor, „übereilt“ aus der Kohle auszusteigen.

„Ein vorzeitiger Ausstieg aus der Braunkohle ist eine weitreichende Entscheidung für die nächsten 30 bis 40 Jahre“, sagte Laschet unserer Redaktion. In den 2030er-Jahren müsse geprüft werden, ob die Voraussetzungen für die Abschaltung der letzten Kohlemeiler wirklich gegeben seien.

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